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„Gebetsraum gibt’s bei uns nicht“: Mittelständisches Unternehmen in Nordhessen macht mit Flüchtlingen gute Erfahrungen

Viele Firmen suchen Mitarbeiter, Flüchtlinge suchen Arbeit. Doch Bürokratie und Vorurteile halten Unternehmen von einer Zusammenarbeit ab. Ein EU-Projekt unter hessischer Führung will helfen.
Basir Mirkhani (rechts) aus Afghanistan und Heiko Kahle arbeiten in der Produktion der Firma Energy Glas in Wolfhagen. Foto: Swen Pförtner (dpa) Basir Mirkhani (rechts) aus Afghanistan und Heiko Kahle arbeiten in der Produktion der Firma Energy Glas in Wolfhagen.
Wolfhagen/Frankfurt/Kassel. 

Gebetsraum in der Firma, Probleme mit Schweinefleisch im Essen und Leistungseinbrüche während des Fastenmonats – für deutsche Unternehmer abschreckende Beispiele für die Einstellung von Flüchtlingen. Hans Franke, Geschäftsführer einer mittelständischen Firma in Nordhessen, kennt diese Ängste - teilt sie aber nicht. Er beschäftigt acht Flüchtlinge in seiner Firma, der Energy Glas GmbH und sagt: „Wir sehen die Asylbewerber als Chance.“ Von der Politik fühlt sich Franke aber allein gelassen.

Wenn der 65-Jährige zu seinem Unternehmen mit 100 Mitarbeitern auf einem früheren Kasernengelände in Wolfhagen fährt, sieht er eine der großen Herausforderungen der Gegenwart: Auf dem Gelände sind Flüchtlinge untergebracht. Die, die bleiben, müssen integriert werden. Franke leistet einen Beitrag – aus sozialer Verantwortung und aus pragmatischen Gründen. Auf dem Land sei es schwer, Mitarbeiter zu gewinnen.

Auch im Fastenmonat fit

Sechs Afghanen, ein Eritreer und ein Somalier arbeiten bei dem Spezialisten für Isolierglas, fast alle als angelernte Produktionsmitarbeiter, einer als Praktikant. Knapp die Hälfte habe unbefristete Arbeitsverträge. „Sie bekommen den gleichen Lohn wie andere“, sagt Franke. Die Flüchtlinge seien motiviert und hätten überzeugt: „Im Ramadan hieß es oft: Die schaffen das nicht“, sagt Mitarbeiterin Heike Langefeld, die sich um die Flüchtlinge intensiv kümmert. Doch sie hielten den Fastenmonat sehr gut durch.

Ihren muslimischen Glauben praktizierten die Flüchtlinge im Privatleben. „Einen Gebetsraum gibt es bei uns nicht – es wurde auch nie danach gefragt“, sagt Franke. Nur beim Firmenfrühstück samstags müsse man aufpassen, dass etwas ohne Schweinefleisch dabei sei.

Es gibt auch echte Probleme: Nur zwei Asylbewerber seien anerkannt, beim Rest liefen die Verfahren. Müssten Flüchtlinge ausreisen, wäre das einen Rückschlag für die Firma. Denn der betriebene Aufwand ist hoch: Einstellungsmodalitäten klären, Deutschkurse organisieren, Gespräche mit Behörden – auf eine Viertelstelle schätzt Franke den Aufwand. Ohne engagierte Mitarbeiter wie Langefeld wäre es kaum zu leisten.

Cornelia Gärtner vom Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft in Frankfurt bestätigt: „Wir brauchen niedrigschwellige Angebote.“ Ein Mittelständler habe keine Zeit, sich in die Materie einzuarbeiten. Und vielen Unternehmern sei nicht klar, was bei der Einstellung von Flüchtlingen mittlerweile möglich sei. Gegen Vorurteile empfiehlt sie ein einfaches Mittel: Flüchtlinge und Unternehmer sollten sich treffen.

EU gibt Firmen den „Rest“

Den Unternehmen helfen soll auch das EU-Projekt „Rest“ (Refugee Employment Support and Training): Der Landkreis Kassel entwickelt für ganz Deutschland mit Partnern in fünf Ländern Ideen, um Hemmnisse für die Einstellung von Flüchtlingen abzubauen. Der Landkreis hatte sich darauf beworben und ist nun Koordinator des Projekts. Neu sei, dass man den Fokus auf die Bedürfnisse der Unternehmen lege, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Die EU finanziert das Projekt fast komplett mit 700 000 Euro.

Erste Erkenntnisse: Es sind es vor allem die Unsicherheit über Aufenthaltsstatus, Bürokratie und Sprachprobleme, die Arbeitgeber abschrecken. Ein Beispiel sei der „panische Anruf“ eines Arbeitgebers, der ein Behördenschreiben wegen eines illegalen Beschäftigungsverhältnisses bekommen hatte – der Asylantrag eines seiner Auszubildenden war abgelehnt worden. Ein Fehler der Behörde.

In solchen und anderen Fällen soll „Rest“ helfen. Der Landkreis Kassel entwickelt mit Partnern in Bulgarien, Italien, Griechenland, Österreich und Frankreich Ideen. Unternehmen aus ganz Deutschland könnten sich beteiligen. Ziel sei, Hilfen zu schaffen wie beispielsweise nationale Beratungs-Hotlines für Fragen von Firmen oder arbeitgeberfreundliche Praktikumsmodelle.

Für Unternehmer Franke ist klar, was passieren muss: Es brauche eine schnellere Entscheidung über Asylanträge, juristische Klarheit für die Arbeitgeber und eine bessere Qualifizierung. Denn den bisherigen Aufwand für die Beschäftigung von Flüchtlingen könnten mittelständische Unternehmen nicht schultern: „Und die größte Chance auf Integration ist der Mittelstand.“

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