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Anleger hoffen auf sanften Brexit: Nach Mays Wahlfiasko steigen die Kurse an Europas Börsen

Die Anleger an den europäischen Aktienmärkten haben mit Zuversicht auf den Wahlausgang in Großbritannien reagiert.
„Das Volk hat gesprochen: Der harte Brexit ruht in Frieden 2016–2017“. Auf dem Transparent und dem Grabstein machen Londoner ihre Sicht der Wahlniederlage von Premierministerin Theresa May deutlich. Die Botschaft hat die internationalen Finanzmärkte positiv gestimmt. Aktien legen zu. Foto: David Merzoeff (PA Wire) „Das Volk hat gesprochen: Der harte Brexit ruht in Frieden 2016–2017“. Auf dem Transparent und dem Grabstein machen Londoner ihre Sicht der Wahlniederlage von Premierministerin Theresa May deutlich. Die Botschaft hat die internationalen Finanzmärkte positiv gestimmt. Aktien legen zu.
Frankfurt. 

Nach der Wahlschlappe für die britische Premierministerin Theresa May ist der befürchtete Börsencrash ausgeblieben. Zwar rutschte das Pfund Sterling am Freitag um bis zu 2,4 Prozent auf ein Zweimonatstief von 1,2635 Dollar ab. Die Aktienmärkte nahmen dagegen Kurs auf ihre Rekordhochs. Hier überwog die Hoffnung, dass die geplante Scheidung Großbritanniens von der EU friedlich ausfällt – oder beide am Ende gar doch zusammenbleiben. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Exit vom Brexit eintritt, liegt nach meiner Meinung jetzt bei 60 Prozent mit zunehmender Tendenz“, sagte Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank.

Der Dax legte 0,8 Prozent auf 12 815,72 Punkte zu, der Euro-Stoxx50 gewann 0,6 Prozent auf 3586,07 Zähler. Der Londoner Leitindex „Footsie“ gewann ein Prozent. May steht nun wenige Tage vor dem offiziellen Brexit-Verhandlungsbeginn vor einem politischen Patt. Ihre konservative Partei büßte die absolute Mehrheit ein, die sie eigentlich mit der Abstimmung am Donnerstag ausbauen wollte. „Der harte Brexit wurde abgewählt“, sagte Commerzbank-Ökonom Peter Dixon. „Damit ist eine Einigung mit der EU auf längere Sicht wahrscheinlicher geworden. Deshalb halten sich die Verluste des britischen Pfunds in Grenzen.“

Ähnlich sieht es Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise: „Das Positive an dem Wahlausgang ist, dass es kein Mandat für einen harten Brexit gibt, der für die britische und die Wirtschaft der EU sehr nachteilig gewesen wäre.“

Als die Briten im Juni 2016 für den Brexit gestimmt hatten, war das Pfund um elf Prozent abgestürzt. Experten waren uneins, wohin die Reise für die britische Währung nun geht. „Es gibt so viele Variablen, dass das Pfund in den nächsten Tagen sogar steigen könnte, da die Wahrscheinlichkeit eines sanften und angenehmeren Brexit steigt“, sagte Richard Berry, Gründer des Brokerhauses Berry FX. Die Analysten der Commerzbank gehen davon aus, dass es für das Pfund erst wieder aufwärtsgeht, wenn es Klarheit über die Regierungsbildung gibt.

Börsianern zufolge türmen sich schwierige Aufgaben vor May auf, die dennoch im Amt bleiben will. Nach einem Treffen mit der Queen betonte die Tory-Chefin, die neue Regierung werde das Land durch die Brexit-Verhandlungen mit der Europäischen Union führen. Dabei würden die Tories mit der nordirischen Partei Democratic Unionists zusammenarbeiten.

Dunkle Wolken

Wirtschaftsvertreter rechnen mit steigenden Unsicherheiten für deutsche Unternehmen, die eng mit britischen Firmen verbunden sind. „Großbritannien wird einen hohen wirtschaftlichen Preis für die Brexit-Entscheidung zahlen, welcher sich durch die Wahlen weiter vergrößern wird“, sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Volkswirt Hellmeyer von der Bremer Landesbank sieht dunkle Wolken am Horizont für die britische Wirtschaft aufziehen. „Für den Investitionsstandort Großbritannien ist dieses Wahlergebnis ein Katalysator für Zurückhaltung.“ Das Vereinigte Königreich ist für Deutschland der drittgrößte Exportmarkt.

„Die Position Mays wird geschwächt, sowohl innen- als auch außenpolitisch“, argumentierte Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud. Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Bank ING-Diba, geht davon aus, „dass die Brexit-Verhandlungen noch länger und noch komplizierter werden. Man benötigt wohl eine gehörige Portion britischen Humors, um alles zu verdauen.“

Einen „Exit vom Brexit“ hält Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater allerdings für unwahrscheinlich. Labour will zwar einen weicheren Brexit und eng mit der EU zusammenarbeiten. Aber die Entscheidung der Briten vom vergangenen Jahr, aus der EU auszutreten, will auch Labour-Chef Jeremy Corbyn nicht rückgängig machen. Einzig die Liberaldemokraten wollen den Brexit noch verhindern, dies gilt jedoch als aussichtslos.

Umstritten ist, wie sich das Wahlergebnis auf die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens auswirkt. Manche Ökonomen rechnen mit negativen Folgen. Samuel Tombs, Chefvolkswirt für Großbritannien bei der britischen Denkfabrik Pantheon Macroeconomics, argumentierte hingegen: „Die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft nach der Brexit-Abstimmung im vergangenen Jahr deutet darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen politischer Unsicherheit und wirtschaftlicher Aktivität nicht besonders stark ist.“ Allerdings komme das Wahlergebnis zu einer Zeit, in der sich das Wachstum bereits abgeschwächt habe.

Dow-Jones mit Rekord

Zu den größten Verlierern an der Londoner Börse gehörten Bank-Aktien, weil sie besonders von einer möglichen Konjunktureintrübung betroffen wären, vor allem Lloyds, Royal Bank of Scotland und Barclays. Auch britische Luftfahrt- und Tourismuswerte wie Thomas Cook, Easyjet und die British-Airways-Mutter IAG flogen aus den Depots. Die Papiere der Rivalen Lufthansa und Air France-KLM stiegen dagegen auf ihre höchsten Stände seit drei Jahren.

Von den britischen Wahlen unbeeindruckt gingen die US-Aktienmärkte auf Höhenflug. Der Dow-Jones-Index legte ein halbes Prozent zu und markierte ein Rekordhoch.

(rtr,dpa)
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