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Lebensversicherer: Pensionskasse für C&A-Beschäftigte geht an die Frankfurter Leben-Gruppe

Von Sie ist zum Ladenhüter geworden, die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins. Viele deutsche Versicherer verkaufen sie nicht mehr; andere gehen noch einen Schritt weiter und veräußern die klassischen Garantieverträge an externe Abwicklungsspezialisten wie die Frankfurter Leben-Gruppe in Bad Homburg. Während dieses „run off“ (zu deutsch „weglaufen“) von Verbraucherschützern kritisch gesehen wird, wird es von der Finanzaufsicht verteidigt.
Immer mehr Besitzer klassischer Lebensversicherungen erhalten Post von einem neuen Vertragspartner. Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild) Immer mehr Besitzer klassischer Lebensversicherungen erhalten Post von einem neuen Vertragspartner.
Frankfurt. 

Nach deutschem Verständnis ist die Lebensversicherung ein Versprechen auf Lebenszeit: Der Verbraucher verpflichtet sich, bis zum Rentenalter pünktlich seine Beiträge abzuführen – dafür sichert ihm der Versicherer zu, das Geld zu verzinsen und dem Versicherten bis zum Lebensenden eine bestimmte monatliche Rente oder einen bestimmten Einmalbetrag auszuzahlen. Hat dieser Bund fürs Leben jahrzehntelang beiden Seiten Sicherheit und Profit gewährt, ist er inzwischen zum Risiko geworden: für viele der Versicherer – und deshalb auch zunehmend für viele der insgesamt rund 85 Millionen Versicherte hierzulande, wie Verbraucherschützer meinen.

Finanzieller Mühlstein

Für die Assekuranz sind die alten Lebensversicherungsverträge mit einem Garantiezins von bis zu vier Prozent längst zu einem finanziellen Mühlstein geworden. Denn aufgrund der jahrelangen Niedrigzins-Politik der Notenbanken sind am Finanzmarkt die Renditen für die einst gegebenen Zinsgarantien kaum noch zu erwirtschaften. Erschwerend hinzu kommen die EU-Eigenkapitalregeln Solvency II, die seit Anfang 2016 vorschreiben, dass die Versicherungskonzerne für die Altverträge hohe Summen an Eigenmitteln vorhalten müssen damit Versicherer ausreichend Kapital für eingegangene Risiken vorhalten und im Krisenfall nicht vom Staat gerettet werden müssen.

Des Deutschen früher liebstes Instrument zur Finanzierung des Ruhestandes ist damit vielen Assekuranz-Vorständen zu einem Dorn im Auge geworden: Sie haben das Neugeschäft mit den klassischen Policen eingestellt, weil diese aufgrund der erforderlichen Rückstellungen ihre Bilanzen zu sehr belasten. Stattdessen verkaufen sie nur noch Policen ohne Garantiezins, die lediglich den Erhalt der eingezahlten Beiträge zusagen und eine etwas höhere Rendite abwerfen sollen. Einige andere Versicherer bzw. deren Muttergesellschaften gehen einen Schritt weiter und veräußern ihre Altbestände an spezialisierte Abwicklungsplattformen – eine junge Spezies, die ganz wild auf das Produkt ist, das die Lebensversicherer zunehmend loswerden wollen.

Vierte Übernahme

Zu diesem Schritt hat sich nun auch die Schweizer Cofra-Gruppe durchgerungen. Sie verkauft die Prudentia Pensionskasse in Düsseldorf, die unter anderem die betriebliche Altersversorgung der rund 27 000 Cofra-Mitarbeiter verantwortet – darunter der Beschäftigten des Traditionsunternehmens C & A. Schon 2015 hatte die damalige Prudentia-Lebensversicherungs-AG ihr Neugeschäft eingestellt; seitdem formiert sie als Prudentia Pensionskasse AG mit insgesamt rund 50 000 Verträgen, in denen circa 1,8 Milliarden Euro angelegt sind.

Und die gehen nun an die Frankfurter Leben-Gruppe, wie die Bad Homburger Gesellschaft gestern mitteilte. Ob sie für die Verträge Geld an die Cofra-Gruppe zahlt, will sie nicht verraten. Laut Branchenkreisen mussten die Schweizer ihrer Pensionskasse zumindest kein Geld mitgeben. „Für Verträge mit Vier-Prozent-Garantie zahlen wir tendenziell nichts, da geht es eher um eine Mitgift“, hatte Frankfurter-Leben-Vorstand Bernd Neumann schon im Herbst 2016 betont, als das Unternehmen von der Düsseldorfer Arag deren Lebensversicherungstochter in München erwarb. Zuvor hatten die Bad Homburger den deutschen Versicherungsbestand der Basler Leben erworben; Anfang dieses Jahres ist die Pro bAV Pensionskasse des Axa-Konzerns an die Frankfurter Leben gegangen. Im Vergleich zu den drei vorangegangenen Deals ist der gestern verkündete Abschluss recht klein. Aber damit kommt das Unternehmen seinem Ziel, bis zum Jahr 2022 Kundengelder in Höhe von 30 Milliarden Euro zu verwalten, ein Stückchen näher. „Mit dem Kauf erhöhen wir unser Bestandsvolumen auf circa zehn Milliarden Euro Kapitalanlagen und rund 700 000 Altersvorsorge-Verträgen“, sagte Neumann gestern. Die Kunden der Prudentia hätten nichts zu befürchten: Die Altersversorgungsverträge werden unverändert fortgeführt“, versicherte er. „Der Verantwortung für diese Sozialleistung werden wir uneingeschränkt gerecht.“ Beteuerungen, wie sie in der Vergangenheit auch von den anderen Abwicklungsplattformen anlässlich ihrer Übernahmen zu hören gewesen sind: dem Marktführer Viridium in Neu-Isenburg zum Beispiel oder der Athene Lebensversicherung in Wiesbaden.

Effiziente Endlager

Aber wie können diese Gesellschaften Gewinn erwirtschaften, wenn sich bei den Verträgen nichts ändert? „Durch größere Effizienz“, lautet unisono die Antwort der jungen Branche, die quasi Endlager für die ungeliebten Versicherungen bildet, bis der letzte Kunde ausgeschieden ist. Die Kapitalgeber statten die Plattformen mit vielen Milliarden aus, damit sie reichlich Versicherungsverträge aufkaufen können. Je mehr Verträge man verwaltet, desto effizienter können Kundengelder an den Märkten angelegt werden. Außerdem sollen eine schlanke Verwaltung und moderne Software für Einsparungen sorgen. „Die IT ist ein entscheidender Kostenfaktor bei vielen Versicherungsgesellschaften“, sagt Neumann. „Da wird teilweise noch mit Maschinen und Computern aus den Siebzigerjahren gearbeitet.“ Hinzu kommt, dass sich die Profi-Abwickler – anders als Versicherungskonzerne – nicht um ein Neugeschäft kümmern müssen: So entfallen auch Kosten für Werbung und Vertrieb.

Verbraucherschützer sind dennoch skeptisch. Viele sehen die Abwicklungsgesellschaften als Totengräber, die aus einem sterbenden Geschäft noch die letzten Euro herauspressen. Ihnen sind schon die Eigner oft nicht geheuer. So gehört die Frankfurter Leben-Gruppe zu 75 Prozent dem chinesischen Fosun-Konzern; Viridium gehört zu 80 Prozent der britischen Beteiligungsgesellschaft Cinven; die Athene Lebensversicherung ist eine Tochter der irischen Athora Holding Ltd., die sich selbst als „Spezialist im europäischen Konsolidierungsmarkt für Lebensversicherungen“ bezeichnet und bei der verschiedene Finanzinvestoren mitmischen.

Profitieren die Kunden?

Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg vermisst vor allem transparente Regeln für solche Transaktionen. Es sei für den Kunden nicht nachvollziehbar, welche Vermögenswerte er bei einem Verkauf tatsächlich zu seinem neuen Vertragspartner mitnimmt und welche finanziellen Vor- oder Nachteile jenseits der ohnehin garantierten Leistungen damit für ihn verbunden seien. So könnte zum Beispiel die variable Überschussbeteiligung, über deren Höhe die Firmen jedes Jahr neu entscheiden, künftig deutlich geringer ausfallen, befürchtet er.

Glaubt man Neumann, kommt die hohe Effizienz der Profi-Abwickler auch den Kunden zugute. Schon weil es Vorschriften gebe, inwiefern die Versicherten etwa an Kosteneinsparungen zu beteiligen seien – nämlich zu 50 Prozent; und wie viel ihnen aus den Zinsgewinnen der Kapitalanlagen zusteht – nämlich 90 Prozent. Jeder Verkauf von Lebensversicherungen muss außerdem von der Finanzaufsicht BaFin genehmigt werden. Und die hat bereits eine Lanze für die Abwicklungsplattformen gebrochen: Die Öffentlichkeit bewerte die Plattformen, die von den langfristig vorhersehbaren Zahlungsströmen von Lebensversicherungen profitieren wollen, überwiegend schlecht. „Dieses Pauschalurteil hält einer näheren Prüfung aber nicht stand“, schreibt Bafin-Abteilungsleiter Kay-Uwe Schaumlöffel. Die Aufkäufer hätten ein Interesse daran, die Verträge langfristig weiterlaufen zu lassen, weil sie nur dann daran verdienten. Zudem müssten sie um ihre Reputation bemüht sein, um weitere Bestände aufnehmen zu können. Denn langfristig seien sie darauf angewiesen, weil mit jedem auslaufenden Vertrag die Kosten je Stückzahl stiegen.

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