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Praktiker-Sanierung steht nach turbulenter Hauptversammlung

Rettung in letzter Minute: Die beiden Großaktionäre der kriselnden Baumarktkette Praktiker haben nach einer Kehrtwende nun doch grünes Licht für ein Sanierungskonzept signalisiert.
Praktiker machte 2011 eine halbe Milliarde Euro Verlust. Foto: B. Wüstneck/Archiv Praktiker machte 2011 eine halbe Milliarde Euro Verlust. Foto: B. Wüstneck/Archiv
Hamburg. 

Deren Fondsmanagerin Isabella Krassny kündigte bei der Hauptversammlung am Mittwochabend in Hamburg an, dem Konzept zuzustimmen. "Ich habe mich zu dem Kompromiss entschlossen, damit der Fortbestand des Unternehmens auf keinen Fall gefährdet ist", sagte de Krassny. Zuvor hatte der Vorstand von einer drohenden Insolvenz gesprochen. Eine dringend benötigte Kapitalspritze des US-Investors Anchorage über 85 Millionen Euro muss nun noch ausverhandelt werden.

In einer spannungsgeladenen Hauptversammlung war eine wesentliche Forderung der Großaktionäre erfüllt worden: Zwei Aufsichtsräte treten zurück. Und für den Vorstand sollen weitere Mitglieder gesucht werden, für die Sparten Einkauf sowie Vertrieb.

Die Managerin, die den zypriotischen Finanzfonds Maseltov (zehn Prozent Anteil) sowie die österreichische Privatbank Semper Constantia mit rund fünf Prozent Anteil vertritt, hatte das Sanierungspaket zunächst als inakzeptabel abgelehnt. Praktiker schrieb 2011 im Konzern rund eine halbe Milliarde Euro Verlust.

In den Aufsichtsrat sollen zwei Mitglieder einziehen, die die Fondsmanagerin vorgeschlagen hatte. Namentlich sind dies Armin Burger vom Aufsichtsrat der Vivatis AG in Linz (Österreich) sowie der Aufsichtsratschef der Privatbank Semper, Erhard Grosnigg. Aus dem Aufsichtsrat scheidet Kay Hafner aus, der zur vorübergehenden Führung an die Praktiker-Spitze delegiert worden war. Auch das Mitglied EbbePelle Jacobsen geht.

Fondsmanagerin de Krassny setzt nun auf "ihre" beiden Aufsichtsräte bei der Ausverhandlung des Anchorage-Darlehens, die die Max-Bahr-Märkte als Sicherheit haben wollen. Die Kontrolleure sollen sicherstellen, dass Max Bahr nicht letztendlich als Perle mit einem Unternehmenswert von 112 Millionen Euro verloren geht. "Ich bin immer noch gegen Anchorage", sagte de Krassny nach der Einigung. Aber ohne ihre Zustimmung hätte Anchorage den Vertrag gleich platzen lassen. "Ich bin gezwungen worden zuzustimmen."

Auch ihren Gegenentwurf will die Managerin weiter verfolgen und zu bereitstehenden 55 Millionen Euro 30 Millionen Euro einsammeln. Nach ihrem Willen soll auch Vorstandschef Hafner ersetzt werden - von einem früheren Obi-Baumarktchef Andreas Sandmann. "Er ist vom Fach", sagte de Krassny.

Vor der Generaldebatte hatten die Vorstände offen von der Gefahr einer Insolvenz gesprochen, sollte ihr Rettungskonzept nicht die Zustimmung der Aktionäre erhalten. Die Anteilseigner reagierten aufgebracht, warfen dem Management Erpressung vor und stellten Rücktrittsforderungen. Der Schlagabtausch bei der Hauptversammlung zog sich bis in den Abend hin. Die Heimwerkermärkte brauchen nach Angaben des Vorstands insgesamt mehr als 200 Millionen Euro Finanzmittel. Interimschef Kay Hafner sagte: "Es geht um die Zukunft, oder noch konkreter: Es geht ums Überleben."

Wegen des Drucks und der Drohkulisse sprachen Aktionäre von Erpressung, allen voran Isabella de Krassny. "Wir lassen uns nicht erpressen", rief sie. "Es ist grob fahrlässig, dass wir seit einem Jahr keinen Vorstand haben, der etwas vom Geschäft versteht." Wie sie forderten Anteilseigner den Rücktritt des Aufsichtsrats - und auch des Vorstands, unter anderem wegen Missmanagement, Planlosigkeit, ungenügender Informationen, mangelnder Transparenz.

Den Abtritt der kompletten Führungsriegen verlangte auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Sie können es nicht", polterte SdK-Vorstandsmitglied Markus Neumann. Für die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) verwies Dirk Unrau darauf: "Sie haben das Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht, und gewiss nicht die Aktionäre."

In die geplante Finanzierung der Sanierung hat der Vorstand auch 70 Millionen Euro eingerechnet, die aus Veräußerungen sowie einer Kreditlinie über 40 Millionen Euro kommen sollen. Spätestens 2014 will Hafner mit der Zwei-Marken-Strategie wieder schwarze Zahlen schreiben.

Vorstandschef Hafner plant, 120 der 234 Praktiker-Märkte auf die angesehenere Schwestermarke Max Bahr umzuflaggen. Max Bahr (aktuell 78 Filialen) solle zur "Hauptvertriebslinie in Deutschland" weiterentwickelt werden, erklärte Hafner. Auch die Marke Praktiker solle - mit der Strategie "Weg vom Preisaktionismus" hin zum "dauerhaft niedrigen Regalpreis" - zukunftsfähig werden. Sie ist wegen einer verfehlten Rabattstrategie mit Slogans wie "20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung" ins Straucheln geraten.

Aktuell hat Praktiker rund 7700 Arbeitsplätze, Max Bahr knapp 2900. Rund 8300 kommen im Ausland hinzu, wo 111 Filialen ebenfalls auf den Prüfstand stehen. Derzeit verlegt das Unternehmen seinen Firmensitz von Kirkel im Saarland nach Hamburg. Dieser Umzug soll im September abgeschlossen sein.

(dpa)
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