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Interview: Professor Ferdinand Dudenhöffer über Stadler, Dieselskandal und Versagen der Politik

Mit dem Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über die Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler, Dieselgate und das Versagen der Politik.
Professor Ferdinand Dudenhöffer ist einer der führenden Automobil-Experten in Deutschland. Foto: Karlheinz Schindler (dpa-Zentralbild) Professor Ferdinand Dudenhöffer ist einer der führenden Automobil-Experten in Deutschland.

Herr Dudenhöffer, hat es Sie überrascht, dass Audi-Chef Rupert Stadler in U-Haft musste?

FERDINAND DUDENHÖFFER: Außerordentlich. Das ist eine neue Qualität, die jetzt im Diesel-Skandal vorliegt. Meines Wissens ist in Deutschland noch nie ein Vorstand eines Autobauers inhaftiert worden. Winterkorn wird mit US-Haftbefehl gesucht, die Ermittlungen gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden der VW AG, Hans-Dieter Pötsch, laufen. Wöchentlich gibt es neue Rückrufe wegen Schummelsoftware, Diesel-Fahrverbote sind in Kraft. Seit drei Jahren werden die Hiobsbotschaften schlimmer statt besser. Ein Ende des Abgasskandals ist nicht in Sicht.

Sollte an Stadler etwa ein Exempel statuiert werden?

DUDENHÖFFER: Es wird nicht bei Stadler bleiben. Stadler könnte eine Art Vorhut sein für den mit US-Haftbefehl gesuchten früheren VW-Chef Martin Winterkorn.

Was ist die Verhaftung des Audi-Chefs für ein Zeichen für die Manager des VW-Konzerns?

DUDENHÖFFER: In der Zukunft wird man Gesetze außerordentlich genau einhalten. Wachstum à la Dieselgate wird es nicht mehr geben. Das gilt nicht nur für VW, sondern die gesamte Branche. Wir haben kein VW-Problem, sondern einen ungeheuerlichen, branchenweiten Dieselsumpf.

Welche Auswirkungen hat die Stadler-Verhaftung auf den VW-Konzern und insbesondere für Audi?

DUDENHÖFFER: Der Aufsichtsrat mit Wolfgang Porsche, aber auch dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil, muss sich fragen lassen, warum sie den Neuanfang bei Audi aufgehalten haben. Was bewog eigentlich Wolfgang Porsche und Stephan Weil dazu, trotz aller Skandale so lange an Stadler festzuhalten? Das ist schon merkwürdig. Zusätzlich muss die Frage gestellt werden, ob es nicht besser wäre, wenn Spitzenpolitiker à la Weil nicht mehr im VW-Aufsichtsrat sitzen würden.

Und die Folgen für Audi?

DUDENHÖFFER: Bei Audi wird der eingeschlagene Kurs in Richtung Elektroauto und autonomes Fahren weitergehen. Das ist absolut notwendig und richtig. Der Diesel dürfte auch in Ingolstadt zum Auslaufmodell werden. Mit dem neuen Technikchef Peter Mertens von Volvo wird das beschleunigt. Bei Volvo ist der Dieselausstieg längst beschlossene Sache. Audi sollte in die „Nach-Diesel-Zeit“ aufbrechen.

Glauben Sie, dass in der Autoindustrie jetzt ein Umdenken in Sachen Dieselgate stattfinden wird?

DUDENHÖFFER: Ja und nein. Alle beschleunigen derzeit stark das Elektroauto. Das ist richtig und gut. Audi bringt dieses Jahr seinen E-Tron, Porsche nächstes Jahr seinen Taycan, Daimler seine EQ-Reihe und BMW, vermutlich etwas später, seine zukünftigen Elektroautos. Aber viele bleiben in ihrem Herzen dem Diesel verbunden. Man will etwas retten, was nicht zu retten ist. Einfach, weil man nichts anderes in seinem Leben als Verbrennungs- und Dieselmotoren gemacht hat.

Schlimm?

DUDENHÖFFER: Das ist falsch. Und das tragische: Unsere Berliner Regierung sorgt dafür, dass dem Umstieg ins Elektroauto dicke Steine in den Weg gelegt werden. Die Steuersubventionen für Dieselkraftstoff töten die Zukunft, kosten aber Milliarden an Steuereinnahmen und sorgen für Luftprobleme in den Städten. Also auch Berlin müsste umdenken. Dummerweise sieht man dort weniger Einsichten als bei den Autobauern.

Warum tun sich die Autokonzerne bei der Überwindung der Dieselgate-Krise so schwer?

DUDENHÖFFER: Die deutschen Autobauer wurden „kalt“ erwischt. Man glaubte, sich mit dem Diesel in die Zukunft mogeln zu können. Deshalb hat man das Elektroauto auf die Seite geschoben. Sogar die Post musste mit dem Streetscooter kommen, um zu zeigen, wie weit man der elektrischen Zukunft hinterherfährt. Zusätzlich hatten wir den mit Steuern finanzierten Diesel-Boom. Falsche Signale von der Regierung und Ignoranz gegenüber der Innovation Elektroauto haben die Automanager blind gemacht. Übrigens, das gleiche hatten wir auch beim Hybrid. Durch die strenge Festlegung auf den Diesel haben die deutschen Autobauer das Hybridfeld zu 100 Prozent Toyota überlassen.

Welche Fehler hat die Politik in der Abgasaffäre gemacht? Gibt es Verantwortliche?

DUDENHÖFFER: Man glaubte, mit windelweichen Gesetzen, mit Schlupflöchern, die man bewusst in die Gesetze geschrieben hat, der Autoindustrie zu helfen. Die über zehnjährige Tradition der CSU-Verkehrsminister war und ist eine Katastrophe für Deutschland. Mit Spielereien wie der Pkw-Maut wurden Zeit vergeudet und die Zukunftsaufgaben vernachlässigt. Dann die jahrzehntelange Steuerbevorzugung des Diesel, das blinde Ignorieren der EU-Abmahnung aus Brüssel wegen der Überschreitung des Luftschadstoffe in unseren Großstädten seit acht Jahren, und schließlich das unwissende Kraftfahrtbundesamt und die politische Blockade, dem Umweltbundesamt die Dinge zu übergeben, und, und, und … Es ist eine fatale Serie von politischen Fehlentscheidungen.

Was muss jetzt getan werden, um die Krise vom Tisch zu bekommen?

DUDENHÖFFER: Wir müssen die Elektromobilität nach vorne bringen, die falschen Diesel-Subventionen einstellen, schauen, wie wir Batterie-Produktion nach Deutschland bringen, Teile der Kompetenzen des Kraftfahrbundesamtes ins Umweltbundesamt verlagern, saubere Gesetze und keine Show-Veranstaltungen à la Verkehrsminister Scheuer machen und Hardware-Nachrüstungen anbieten.

Der Wissenschaftler

Ferdinand Dudenhöffer wurde 1951 in Karlsruhe geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre bis 1977 an der Universität Mannheim; 1983 wurde er dort promoviert.

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