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Pharma: So will Stada zum "Global Player" werden

Von Der im vergangenen August von Finanzinvestoren übernommene Pharmakonzern soll in den kommenden Jahren internationaler werden, gewinnträchtigere Arzneien entwickeln und die Kosten senken. Aber der Spiritus Rector der neuen Strategie führt das MDax-Unternehmen nur noch bis September.
Vorstandschef Claudio Albrecht: „Heute ist Stada kein wirklicher internationaler Spieler.“ Vorstandschef Claudio Albrecht: „Heute ist Stada kein wirklicher internationaler Spieler.“
Frankfurt/Bad Vilbel. 

Was ist die neue Konzernstrategie eines Vorstandschefs wert, der nur noch ein halbes Jahr im Amt sein wird? Sehr viel, wenn man Claudio Albrecht Glauben schenken darf. „Die Maßnahmen, die ich heute vorgestellt habe, folgen dem aktuellen Trend in der Pharmabranche“, sagte gestern der Vorstandsvorsitzende der Stada AG, „insofern bin ich mir ganz sicher, dass auch mein Nachfolger von dieser Strategie überzeugt sein wird.“ Im Übrigen sei die Neuausrichtung des Konzerns natürlich mit dessen neuen Mehrheitseignern abgestimmt, „so dass die Abweichungen von dem nun präsentierten Konzept nur minimal sein werden“, versicherte der 58-Jährige, der seinen Posten nach einjähriger Amtszeit im Herbst an Peter Goldschmidt übergeben wird. Mit diesem Nachfolger, der zurzeit das US-Geschäft der Novartis-Tochter Sandoz führt, soll dann laut Stada die „so wichtige Kontinuität“ gewährleistet werden.

Wechselbad der Gefühle

Kontinuität wünschen sich vor allem die insgesamt 10 200 Beschäftigten des Bad Vilbeler Pharmakonzerns, die seit dem Frühjahr 2016 einem ständigen Wechselbad der Gefühle ausgesetzt sind. Nachdem sich damals aktivistische Investoren bei Stada eingekauft hatten und eine Palast-Revolution anzettelten, die in die Übernahme des Traditionsunternehmens mündete, wird Goldschmidt innerhalb von zwei Jahren der fünfte Manager sein, der auf dem Chefsessel der Stada Platz nehmen wird: Zunächst musste Hartmut Retzlaff gehen, der in seiner 23-jährigen Amtszeit „aus einem Hasenstall einen respektablen MDax-Konzern“ geschaffen hatte, wie er selbst nimmermüde betonte. Sein junger Finanzchef und Nachfolger Matthias Wiedenfels konnte sich nicht lange halten: Als der erste Übernahmeversuch durch die beiden Finanzinvestoren Bain Capital und Cinven scheiterte, wurde Wiedenfels im Streit mit dem damaligen Aufsichtsratschef Carl Ferdinand Oetker vor die Tür gesetzt. Als Interimschef nahm der ehemalige Boehringer-Ingelheim-Manager Engelbert Coster Tjeenk Willink für einige Monate das Zepter in die Hand – bis die Führungsmannschaft nach erfolgreicher zweiter Übernahmeofferte erneut ausgetauscht wurde und der Ex-Chef von Ratiopharm, Claudio Albrecht, ans Ruder kam. Bei dessen Bestellung war angekündigt worden, dass es sich nicht um eine dauerhafte Nachfolge handelt. Trotzdem haben es die neuen Eigner dem Tiroler überlassen, die Stada zu „modernisieren“, wie es gestern hieß – Albrecht hatte Bain und Cinven bei der Übernahme des Unternehmens beratend zur Seite gestanden.

Tatsächlich stellt die neue Ausrichtung weniger eine Revolution als eine Evolution und Korrektur der Konzepte dar, die Wiedenfels seinerzeit entwickelt hatte – zunächst um die aktivistischen Investoren zu befrieden und später um einen hohen Kaufpreis zu erzielen. Letzteres war ihm zumindest gelungen: 5,3 Milliarden Euro haben Bain und Cinven hingelegt, um 63,85 Prozent der Anteile zu erwerben. Weitere Milliarden Euro werden folgen, wenn – wie angenommen – die Finanzinvestoren Stada komplett übernehmen wollen.

Da können Bain und Cinven die Stada nicht bloß „als respektablen MDax-Konzern“ belassen, wenn sie das Unternehmen in einigen Jahren mit Gewinn weiterverkaufen wollen. „Stada ist heute noch kein wirklicher internationaler Spieler“, betonte Albrecht gestern, „aber das Unternehmen hat das Potenzial, zur europäischen Nummer drei und zur weltweiten Nummer fünf aufzusteigen.“ Dieses Ziel soll Stada bis 2023 erreichen. Derzeit sieht sich Stada in Europa an fünfter und weltweit an neunter Stelle.

Mehr Klasse statt Masse

Um den Aufstieg in die Weltspitze zu schaffen, „muss Stada lernen, sich in neuen Märkten zu bewegen und sich neue Technologien anzueignen“, sagte Albrecht. So sollen die Bad Vilbeler nicht nur das bisherige Geschäft mit verschreibungspflichtigen Generika und frei verkäuflichen Produkten wie Ladival und Grippostad – die nicht vom Staat reglementiert sind – weiter vorantreiben. Künftig sollen sie viel stärker als bisher Spezial-Pharmazeutika herstellen, die schwer nachzumachen sind. Dazu gehören biotechnologisch hergestellte Nachahmer-Produkte, sogenannte Biosimilars. Allein in diesem Bereich wird Stada laut Albrecht in denn kommenden drei Jahren rund 100 Millionen Euro investieren – vor allem in die Entwicklung von Krebsmitteln, Arzneien gegen Diabetes, Erkrankungen des Zentralen Nervensystems wie Parkinson und in die Augenheilkunde. Also mehr Klasse statt Masse im Generika-Geschäft. Und damit höhere Ertragsmargen in der Sparte, die Retzlaff zugunsten der frei verkäuflichen Produkte zurückfahren wollte. Überhaupt sollen die Forschungsausgaben steigen: von sechs Prozent des Umsatzes auf acht Prozent.

Zugleich soll Stada regional expandieren: zum Beispiel in die USA, dem größten Pharma-Markt der Welt, in dem die Bad Vilbeler noch gar nicht aktiv sind. Nordafrika und den Nahen Osten hat der Vorstand ebenfalls im Visier. „Gerade der Iran bietet sehr große Chancen, da wollen wir unbedingt rein“, führte Albrecht aus. Und in Asien soll Stada künftig über Vietnam hinaus tätig werden.

„Der letzte Heuler“

Da all diese Bemühungen zur Erlössteigerung zunächst Geld kosten und mit einem höheren Risiko einhergehen, will das Management nun entschlossen daran gehen, die Kosten zu senken. „Da sind wir im Vergleich mit unseren Wettbewerbern der letzte Heuler“, beklagte Albrecht. Seine Zielvorgabe: die Kosten bis zum Jahr 2020 um 100 Millionen Euro drücken – unter anderem über größere Produktionsstätten und zentralisierten Einkauf, der die Größenvorteile des Konzerns nutzt. Inwieweit die Mitarbeiter ihren Beitrag zu den Kostensenkungen leisten müssen, blieb gestern offen. Aber laut Albrecht soll die Zahl der Beschäftigten eher sinken – durch natürliche Fluktuation. ohne Kündigungen.

Die verbliebenen unabhängigen Aktionäre müssen auf jeden Fall Verzicht üben: Obwohl der Konzerngewinn 2017 deutlich gestiegen ist, streicht der Vorstand die Dividende von 0,72 Euro auf mickrige 0,11 Euro zusammen. Besonders dank besserer Geschäfte in Belgien, Italien, Russland und Serbien stieg im vergangenen Jahr der bereinigte Umsatz um sechs Prozent auf 2,26 Milliarden Euro. Dabei legte der um Einmaleffekte bereinigte Nettogewinn um zehn Prozent auf 195,6 Millionen Euro zu. Rechnet man die Sondereffekte mit ein, bleiben unterm Strich aber nur 85,3 Millionen Euro übrig – allein für Unternehmensberater bei der Übernahme gab Stada 45 Millionen Euro aus. In diesem Jahr will Stada den bereinigten Umsatz auf rund 2,5 Milliarden Euro steigern – plus/minus fünf Prozent. Für den bereinigten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) peilt der Vorstand 480 Millionen Euro an – mit derselben Schwankungsbreite. 2017 ist das bereinigte Ebitda um neun Prozent auf 434 Millionen Euro gestiegen.

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