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Interview: Thomas Brunn: "Vorsicht vor dem trojanischen Pferd"

Die Arbeitgeber warnen vor schwerwiegenden Folgen der Gewerkschaftsforderungen. Sie fürchten auch vor dem Hintergrund der Lohnforderung in Höhe von sechs Prozent eine Überforderung der Betriebe in herausfordernden Zeiten. Michael Balk, Leiter der Wirtschaftsredaktion, hat dem Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Thomas Brunn, auf den Zahn gefühlt.
Protestaktion in Berlin vor der ersten Runde der Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie. Bilder > Foto: Paul Zinken (dpa) Protestaktion in Berlin vor der ersten Runde der Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie.

In der Metall- und Elektroindustrie hat die Tarifrunde 2018 begonnen. IG Metall und Arbeitgeber verhandeln bundesweit für 3,9 Millionen Beschäftigte. Im Bezirk Mitte, dem Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland angehören, sind insgesamt 400 000 Arbeitnehmer betroffen. Die IG Metall legt einen Schwerpunkt auf die Arbeitszeit und glaubt, damit einen Nerv der Zeit zu treffen: Viele wollen lieber mehr Freizeit als mehr Geld, lautet das Credo.

Die Arbeitszeit steht im Mittelpunkt der diesjährigen Tarifrunde. Welche Forderungen erhebt die Arbeitgeberseite diesbezüglich?

THOMAS BRUNN: Das Thema, das neben der völlig überzogenen Lohnforderung über allem schwebt, ist Flexibilität in beide Richtungen. Daher haben wir der Forderung der IG Metall nach einseitiger Reduzierung der Arbeitszeit auf 28 Stunden pro Woche mit Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollzeit und einem teilweisen Entgeltausgleich unsere Forderungen entgegengestellt. Wir glauben, dass es in zwei Richtungen gehen muss. Es muss auch die Möglichkeit geben, die Arbeitszeit individuell zu verlängern, wenn der Mitarbeiter das möchte. Das verhindert derzeit eine Quotenregelung im Manteltarifvertrag, der festlegt, dass nur 13 Prozent der Belegschaft mehr als 35 Wochenstunden arbeiten dürfen. Das möchten wir für alle ausweiten. Und natürlich darf, wer weniger arbeiten möchte, dafür nicht mehr Geld bekommen.

Gibt es weitere Anliegen der Unternehmen bezüglich der Arbeitszeit?

BRUNN: Wir möchten auch, dass man vor Ort in Absprache mit dem Betriebsrat für größere Teile der Belegschaft die Arbeitszeit vorübergehend verlängern kann, wenn die Auftragslage der Betriebe das erfordert.

Und schließlich: Die Arbeitswelt hat sich geändert. Mitarbeiter wollen flexibler arbeiten, etwa an einem Tag schon am frühen Nachmittag Schluss machen, um etwas mit den Kindern zu unternehmen, und dafür an einem anderen Tag abends länger arbeiten. Das wollen wir ermöglichen. Dafür soll es dann aber keine Zuschläge geben.

Angesichts dieser Forderungen dürfte ihnen der Wunsch der IG Metall nach einer Verkürzung, die ja ebenfalls eine Form der Flexibilisierung darstellt, durchaus nachvollziehbar sein.

BRUNN: Gegen eine Flexibilisierung der Arbeitszeit ist nichts einzuwenden. Das ist der Trend der Zeit. Es gibt jetzt schon in unserer Industrie viele Möglichkeiten, einvernehmlich sowohl individuell als auch betrieblich passende Teilzeitmodelle zu verwirklichen. Und wir erleben auch, dass es in vielen Betrieben schon Absprachen gibt und die Arbeitszeit umgestaltet wird. Aber es muss von beiden Seiten getragen werden. Die betrieblichen Belange müssen auch berücksichtigt werden. Doch die IG Metall will, dass der Mitarbeiter einseitig erklären kann, kürzertreten zu wollen, und ebenfalls einseitig die Rückkehr in Vollzeit bestimmen kann. Das geht uns zu weit: Es ist zum einen unpraktikabel, weil es für viele Betriebsabläufe unpassend ist, und zum anderen ungerecht, weil die Kollegen es ausbaden müssen. Wir sind der Meinung, dass es durchaus Lebensphasen gibt, in denen die Mitarbeiter froh sind, wenn sie länger arbeiten und mehr Geld verdienen können. Etwa weil sie ein Haus bauen oder geheiratet haben. Wir wollen diese flexible Gestaltung ermöglichen. Aber immer in enger Absprache mit dem Betrieb. Das ist der Knackpunkt.

Was halten Sie von dem Wunsch, Arbeitnehmern, die etwa kleine Kinder haben oder Eltern pflegen, die verkürzte Arbeitszeit mit einem Bonus von bis zu 200 Euro zu versüßen?

BRUNN: Das geht gar nicht, denn das bedeutet Geld für keinerlei Arbeit. Die Forderung ist ohnehin viel zu unpräzise. Wo fängt Kindererziehung oder Pflege an und wo hört sie auf? Wenn man das zu Ende denkt, dann ist es nichts anderes als der Einstieg in die 28-Stundenwoche mit vollem Lohnausgleich. Das ist wie ein trojanisches Pferd, daher ist größte Vorsicht geboten.

Wenn es in Tarifverhandlungen nicht nur ums Geld, sondern auch um Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen geht, ist die Gefahr groß, dass die Auseinandersetzung sehr kämpferisch geführt wird und am Ende in Streiks mündet? Befürchten Sie das?

BRUNN: Tarifverhandlungen mit solchen qualitativen Themen sind sehr viel schwieriger als wenn es nur ums Geld geht. Damit haben die Tarifvertragsparteien Übung. Kompliziert wird die Sache durch angeblich weiche Themen, vor allem wenn sie unspezifisch vorgetragen werden. Und auch diese Themen kosten Geld. Die Frage, ob die IG Metall nach Ablauf der Friedenspflicht Anfang des Jahres dafür einen Arbeitskampf lostreten will, hängt sicher auch davon ab, wie sie dafür mobilisieren kann. Ich hoffe nicht, dass dieses Thema, das nur für einen Teil der Mitarbeiter interessant ist, zu Streiks führt und Millionenschäden verursacht.

Wie ist Ihr Gefühl nach der ersten Gesprächsrunde?

BRUNN: Beim Auftakt ist es in der Regel so, dass die IG Metall ihre Forderung vorträgt und begründet. Wir Arbeitgeber antworten in der zweiten Runde, die am 6. Dezember in Darmstadt stattfinden wird, darauf. In der ersten Runde in Mainz haben wir die Arbeitszeitforderung und die Entgeltforderung als unrealistischen Forderungs-Mix zurückgewiesen. Insgesamt herrschte eine ruhige und sachliche Gesprächsatmosphäre. Es gab kontroverse Diskussionen, aber noch keine Arbeitskampfstimmung. Die Sitzung hat gut eineinhalb Stunden gedauert. Übereinstimmung haben wir keine erzielt. Ob die Gewerkschaft nach den Weihnachtsferien zum scharfen Schwert greift, ist jetzt noch nicht absehbar.

Die IG Metall hat eine Lohnforderung von sechs Prozent mehr Geld. Ist das angesichts der guten Geschäftslage der meisten Betriebe vertretbar?

BRUNN: Nein, denn die Forderung ist völlig überzogen und für eine Laufzeit von zwölf Monaten erhoben. Nun geht es zwar 75 Prozent der Unternehmen gut. Daher ist es fair, wenn die Mitarbeiter einen angemessenen Anteil am Unternehmenserfolg bekommen. Wie viel, das hängt von vielen Faktoren ab. Ein Tarifabschluss besteht nicht nur aus einer Prozentzahl, sondern aus einer Laufzeit, einer Einmalzahlung oder einer Differenzierung für Betriebe, denen es nicht so gut geht. Aber: Unsere Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen, die hohe Ausgaben für die Zukunft erfordern. Das darf nicht aus dem Blick verloren werden. Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Bestandteil bei der Beurteilung einer Lohnforderung. Für die Digitalisierung etwa brauchen wir hohe Investitionen in Maschinen und Menschen. Die Automobilindustrie steht vor großen Umbrüchen. Sie muss die Verbrennungsmotoren weiterentwickeln und verbrauchsärmer gestalten und gleichzeitig alternative Antriebe entwickeln. Autonomes Fahren oder Carsharing-Konzepte sind Dienstleistungen, die als finanzielle Herausforderung auf die Unternehmen zurollen.

Welche Zahlen legen Sie bei der Berechnung einer Lohnerhöhung als Basis zugrunde?

BRUNN: Der Produktivitätsfortschritt liegt aktuell bei 1,2 Prozent, die Inflationsrate bei 1,8 Prozent. Wir Arbeitgeber weisen immer darauf hin, dass man nicht alles Erwirtschaftete ausschütten darf. Und dieses Mal muss man die Lohnerhöhungen zusammen mit den Forderungen bei der Arbeitszeit betrachten. Die Gewerkschaft muss entscheiden, ob sie, weil es uns heute gut geht, heute ein Maximum ausgeschüttet bekommen will, wo es in den Konsum geht und danach verpufft. Oder ob sie den Strukturwandel mit erheblichem Investitionsbedarf ernstnimmt und durch einen moderaten Abschluss mit dazu beiträgt, dass diese Investitionen in heimische Standorte fließen und es uns dann auch in Zukunft noch gut geht.

Welche Bedeutung hat das persönliche Verhältnis der Spitzenvertreter für den Erfolg von Verhandlungen? Muss die Chemie stimmen?

BRUNN: Ich streite mich lieber mit jemandem, mit dem ich hinterher auch noch ein Bier trinken gehen kann, als mit einem, der mir höchst unsympathisch ist. Es hilft schon, wenn man sich kennt, auch mal außerhalb der Tarifverhandlungen zusammen Mittag gegessen hat. Und das ist zwischen mir und Herrn Köhlinger der Fall. Man sollte sich nicht spinnefeind sein.

Wo sehen Sie die größten Risiken und Herausforderungen für die Betriebe in der M+E-Industrie?

BRUNN: Neben dem Strukturwandel steht an erster Stelle der Fachkräftemangel. Viele Unternehmen leiden darunter. Sie können ihre Auftragsbücher nicht wie geplant abarbeiten. Es gibt angesichts der demografischen Entwicklung immer weniger junge Leute. Die Berufe in der Industrie haben sich zudem so stark gewandelt, dass heute Fähigkeiten verlangt werden, die viele junge Menschen gar nicht mitbringen. Die sogenannten Blaumann-Berufe sind immer anspruchsvoller geworden. Es fehlt also nicht nur an Quantität, sondern oft auch an Qualität. Es mangelt vor allem an mathematisch-naturwissenschaftlichem Interesse und Verständnis. Das führt zu einem höheren Weiterbildungsbedarf, der zeit- und kostenintensiv ist.

Wann werden Sie ein Elektroauto fahren, Herr Brunn?

BRUNN: Wenn ich in etwa so weit komme, wie heute. Wenn ich in etwa so schnell aufladen kann, wie mein jetziges betanken. Wenn ich davon ausgehen kann, dass die Herstellung des Autos nicht 60 Prozent mehr Energie verbraucht als derzeit. Wenn ich weiß, dass ich nicht mehr Kinder- und Sklavenarbeit in Afrika damit fördere. Und wenn die Entsorgung meiner Batterien umweltfreundlich erfolgt. Schließlich: Wenn der Strom, mit dem ich mein E-Auto auflade wirklich aus erneuerbarer Energie fließt – dann fahre ich elektrisch.

Der Jurist aus Ludwigshafen

„Ich komme aus Ludwigshafen in der Pfalz und bin seit 2005 bei General Electric, aktuell als der deutsche Personalleiter. Mein Arbeitsort ist in der Deutschlandzentrale von GE in Frankfurt.

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