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Rohstoffe: US-Fracker gewinnen Ölkrieg gegen Opec

Von Der Ölmarkt ist derart durcheinander geraten, dass alte Gewissheiten überholt sind. Eine dieser Gewissheiten lautete: Wenn die Sommerferien beginnen, erhöhen Mineralöl-Konzerne und Tankstellen die Spritpreise. Tatsächlich haben die Autofahrer auch in der laufenden Urlaubszeit für Sprit so wenig bezahlt wie lange nicht mehr. Zu verdanken haben sie das vor allem den US-Schieferöl-Produzenten die wieder dabei sind, die Welt mit Öl zu überschwemmen. Damit drücken sie den Preis fürs schwarze Gold und untergraben die Macht der Opec. Die wehrt sich mit allen Mitteln, um die Kontrolle über den Ölpreis wiederzuerlangen – offenbar ohne Erfolg.
Auch die Erdöl-Tanks in Saudi-Arabien – dem Ton angebenden Opec-Land –   sind voll. Foto: Mehmet Biber Auch die Erdöl-Tanks in Saudi-Arabien – dem Ton angebenden Opec-Land – sind voll.
Frankfurt. 

Noch im Februar schien der Feind besiegt zu sein: „Was die US-Schieferöl-Produzenten geleistet haben, verdient unsere Anerkennung“, trug der Generalsekretär der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), Mohammad Barkindo, in einer Londoner Branchenkonferenz vor. „Leider ist von den meisten dieser Unternehmen nur ein Grabstein geblieben“, so der Saudi bei seinem Versuch, sich als respektvoller Sieger zu präsentieren.

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Drei Monate zuvor hatte sich das lange Zeit zerstrittene Ölkartell zusammengerauft und entschieden, erstmals seit dem Jahr 2008 seine Öl-Fördermenge drastisch zu kürzen. Das Ziel: das jahrelange Überangebot auszumerzen, die weltweiten Lagerbestände aufzuzehren und damit den Ölpreis wieder nach oben zu hieven – am besten über die 100-Dollar-Marke pro Barrel (Fass à 159 Liter). Auf diesem Niveau hatte der Ölpreis von Anfang 2011 bis Mitte 2014 durchgehend notiert.

So funktioniert das Fracking

Schon in 1940er Jahren entwickelten Ingenieure das besondere Verfahren, um Schieferöl zu fördern. Und seit dem Jahr 1949 wird dieses sogenannte Fracking wirtschaftlich genutzt – jedoch erst seit 2008 in größerem Umfang.

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Um dieses Ziel zu erreichen, wurden sogar Russland und zehn weitere bedeutsame Öl-Nationen im November 2016 auf den neuen Kurs eingeschworen: Sechs Monate lang sollten die Opec-Mitglieder täglich rund drei Prozent bzw. 1,2 Millionen Barrel weniger fördern; die Nicht-Opec-Länder sollten ihrerseits auf 600 000 Fass täglich verzichten.

Riesige Haushaltslöcher

Zunächst schien der Plan zu gelingen: Mit Hilfe von Finanzinvestoren, die auf höhere Preise wetteten, stieg der Ölpreis von knapp 45 auf 57 Dollar. Im Mai dieses Jahres einigten sich alle Beteiligten darauf, die Öl-Förderung um ein weiteres halbes Jahr bis März 2018 zu limitieren. „Wir werden alles tun, was nötig ist, um den Markt wieder ins Gleichgewicht zu bringen“, versprach Barkindo. Aber der Opec-Führung war kein dauerhafter Erfolg beschieden: Schon im Juni fiel der Ölpreis zurück auf das Niveau vom November 2016. Seitdem haben die Notierungen zwar wieder die 50-Dollar-Marke leicht überschritten. Aber angesichts der auf Hochtouren laufenden Weltwirtschaft, der politischen Unruhen in der arabischen Region und dem traditionell höheren Spritverbrauch in der aktuellen Urlaubsaison in Europa und den USA ist der Preis immer noch bemerkenswert niedrig.

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Viel zu niedrig jedenfalls, als dass die einst verwöhnten Opec-Länder die gewachsenen Ansprüche ihrer Sozialstaaten erfüllen könnten, in denen Öl nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle ist. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bräuchte selbst Opec-Führer Saudi-Arabien einen Ölpreis von 84 Dollar, um das milliardenschwere Defizit in seinem Staatshaushalt zu stopfen. „Viele andere Erdöl-Exporteure benötigen sogar einen Preis von circa 100 Dollar, um ihre Haushalte zu finanzieren“, erklärt Dieter Helm, Gründer der Analyse-Firma Aurora Energy Research.

Totgesagte leben länger

Dass die Opec in absehbarer Zeit solche Preise wiedersehen wird, gilt jedoch als ausgeschlossen. Stattdessen erwartet das Gros der Experten, dass die Preise auf dem derzeitigen Niveau verharren oder sogar wieder sinken werden. Und das haben die Verbraucher vor allem den vielen klein- und mittelständischen Unternehmen zu verdanken, die in den USA wieder verstärkt Schieferöl fördern. Denn während das Kartell die sogenannten Fracker noch zu Jahresbeginn für immer und ewig tot wähnte, waren die meisten von ihnen schon wieder aus ihren Gräbern auferstanden – und viele sind heute stärker als je zuvor. Dem großzügigen Insolvenz-Verfahren nach „Kapitel 11“ des US-Konkursrechts sei Dank. Denn das hat nicht das Ende des überschuldeten Unternehmens zum Ziel, sondern dessen Sanierung: Dabei entledigt sich die gestrauchelte Firma ihrer Schulden und Pensionsverpflichtungen und geht in der Regel in das Eigentum der Gläubiger über, deren Forderungen gestrichen worden sind.

In den vergangenen acht Monaten hat sich die US-Schieferöl-Produktion bereits mehr als verdoppelt: auf über sechs Millionen Barrel täglich. Bild-Zoom Foto: Carolyn Van Houten (zReportage.com via ZUMA Press)
In den vergangenen acht Monaten hat sich die US-Schieferöl-Produktion bereits mehr als verdoppelt: auf über sechs Millionen Barrel täglich.

Mehr als 200 US-Schieferöl-Produzenten waren deshalb zwischen 2015 und 2016 in den Gläubigerschutz nach Chapter 11 geflüchtet – zermürbt und überschuldet durch den jahrelangen, knallharten Preiskrieg mit der Opec. Den hatte das Kartell im Herbst 2014 gestartet. Bis dahin hatten die US-Fracker ihre Produktion Jahr für Jahr um rund eine Million Barrel erhöht, so dass der Ölpreis unter Druck und die Opec in die Bredouille geriet. Statt aber ihre eigene Förderung runterzufahren und so den Ölpreis zu stabilisieren, beschlossen die Opec-Staaten 2014 plötzlich, alles aus ihren Ölfeldern herauszuholen, was diese hergaben. Ihr Ziel: Die aufstrebenden US-Schieferöl-Produzenten aus dem Markt zu drängen.

Was auch funktionierte: In Folge des Überangebots fiel der Preis fürs schwarze Gold ins Bodenlose – zeitweise auf nur noch 27 Dollar für die US-Sorte WTI und rund 29 Dollar für die Nordsee-Sorte Brent. Preisregionen, in denen die Parvenue aus den Vereinigten Staaten nicht mithalten konnten, weil es damals für sie sehr teuer war, das Öl aus den tiefen Gesteinsschichten zu holen: Unter einem Verkaufspreis von 75 Dollar je Fass konnten sie nicht rentabel arbeiten. Dagegen reichen allen Opec-Staaten schon 25 Dollar je Fass um Geld zu verdienen.

Erst als dieser Preiskrieg die Riesenlöcher in den Staatshaushalten der Opec-Mitglieder gerissen hatte, begannen einige von ihnen 2016, die Produktionsmenge zu stabilisieren. Im Gefühl des sicheren Sieges über die US-Emporkömmlinge einigte sich die Opec dann im vergangenen November auf die umfassenden Kürzungen.

Hase-und-Igel-Rennen

Ein großer Fehler, wie sich gezeigt hat. Denn eines hatten die 14 Opec-Staaten aus dem Nahen Osten, Nord- und Westafrika sowie Mittelamerika übersehen: den technologischen Fortschritt, der es den Frackern inzwischen erlaubt, viel günstiger und schneller Öl zu fördern. Schon bei einem Preis von 50 Dollar pro Barrel können die meisten nun so viel Geld verdienen, dass sie aus eigenen Mitteln expandieren können. Die Produktion zumindest stabil halten können sie mittlerweile bei Preisen knapp über der 40-Dollar-Marke. „In vielerlei Hinsicht sind wir noch dieselben“, meint Michael Watford, Chef von Ultra Petroleum, die ebenfalls aus dem Insolvenzverfahren wieder auferstanden ist, „aber wir sind viel besser geworden.“ Wie Ultra Petroleum hatten sich auch einige andere Schieferöl-Förderer schon im vergangenen Jahr zurück an den Markt getraut. Aber die meisten haben auf ein Signal steigender Preise gewartet. Das hat ihnen ausgerechnet die Opec mit ihrer im November beschlossenen Produktionssenkung geliefert. Und da potenzielle Investoren in Zeiten niedriger Zinsen nach wie vor auf der Suche nach Rendite sind, hatten sie keine Probleme Geldgeber zu finden.

So sprießen nun die Schieferöl-Bohrtürme noch schneller aus dem Boden als in der ersten Boom-Phase der Branche: In den vergangenen acht Monaten har sich die Produktion bereits mehr als verdoppelt, ist die Fördermenge um mehr als 900 000 Fass pro Tag auf mehr als sechs Millionen Barrel täglich hochgegangen. Damit fördern sie mehr als der Irak. So haben die Fracker schon die Hälfte der Förderkürzungen der Opec-Staaten und ihrer Verbündeten kompensiert.

Und Experten rechnen damit, dass die Produktion weiter steigen wird. Denn von der Errichtung eines Bohrturms bis zur Ölförderung vergehen beim Fracking nicht einmal mehr fünf Monate. „Und anders als herkömmliche Öl-Förderanlagen können bestehende Fracking-Stationen die Produktion in wenigen Wochen hochfahren. Verknappt die Opec das Angebot, springen die Fracker schnell in die Bresche“, sagt Carsten Fritsch, Rohstoff-Analyst der Commerzbank. Heißt auch, dass stets mehr produziert wird, wenn der Preis steigt, womit das Angebot zunimmt und der Preis wieder sinkt. So liefert sich die Schieferöl-Branche praktisch ein Hase- und Igel-Rennen mit der Opec. „Dazu trägt auch bei, dass nach den erfolgreich durchlaufenen Insolvenzverfahren, nun viele frühere Anleihe-Gläubiger zu den Eigentümern gehören“, berichtet Charles Beckham von Haynes&Boone in Dallas, „und die wollen schnelle Gewinne sehen.“

Trump hilft

Hilfe erhalten die Fracker unterdessen von US-Präsident Donald Trump, dem ihr Comeback sehr gut ins Konzept passt. Hat er doch kürzlich in typisch zügelloser Manier nicht nur die Energie-Unabhängigkeit, sondern gleich die „Energie-Dominanz“ der USA ausgerufen. Netto-Ölexporteur sollen die Vereinigten Staaten werden, die nun auf eine tägliche Öl-Fördermenge von insgesamt 9,8 Millionen Barrel kommen. Trump will deshalb die Umweltauflagen fürs Fracking lockern und Pipelines bauen, die das Schieferöl schneller in die Raffinerien bringen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die meisten Analysten für die nahe Zukunft nicht mit steigenden Ölpreisen rechnen. Die britische Barclays Bank erwartet für nächstes Jahr 52 Dollar pro Barrel; die französische BNP rechnet mit 48 Dollar; und Goldman Sachs glaubt sogar, dass der Preis binnen 18 Monaten auf 40 Dollar fallen könnte. Der Kampf zwischen Markt- und Planwirtschaft – zwischen den Schieferöl-Unternehmen, denen es nur um maximalen Ertrag geht, und den Opec-Ländern, die maximale Planungssicherheit anstreben – scheint also entschieden.

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