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Abgasskandal: Unrühmliches Ende einer Ära

Mountainbike-Fahrer Rupert Stadler hat bei Audi einen rasanten Aufstieg geschafft. Aber seit dem Dieselskandal Ende 2015 ging es ebenso steil wieder bergab – und jetzt sogar in Haft.
Audi-Chef Rupert Stadler sitzt in U-Haft, den Posten soll vorläufig ein Niederländer übernehmen. Foto: CHRISTOF STACHE (AFP) Audi-Chef Rupert Stadler sitzt in U-Haft, den Posten soll vorläufig ein Niederländer übernehmen.
Ingolstadt. 

Unrühmlich geht bei Audi eine Ära zu Ende. Am Montagmorgen wurde der langjährige Vorstandschef Rupert Stadler verhaftet, am Nachmittag beriet der VW-Aufsichtsrat über die Berufung des – erst im Herbst als Vertriebschef nach Ingolstadt geschickten – Holländers Bram Schot zum Nachfolger.

Schon seit zweieinhalb Jahren, seit der Aufdeckung des Dieselskandals im Herbst 2015, galt Stadler als Audi-Chef auf Abruf. VW-Konzernchef Martin Winterkorn und sechs Audi-Vorstände mussten ihren Hut nehmen – aber Stadler blieb. Er trage keine Schuld – nicht einmal im Falle einer Anklage sähe er einen Grund für einen Rücktritt, hatte Stadler gesagt. Selbstbewusst und aufgeräumt präsentierte er noch vor wenigen Wochen seinen „Angriffsplan 2022“ und zeigte sich optimistisch, dass er die Früchte als Vorstandschef ernten werde. Aber in nur einer Woche hat sich der Wind vollkommen gedreht.

Niederländer Nachfolger

Der VW-Aufsichtsrat hatte sich bei seiner regulären Sitzung ohnehin mit Stadlers Zukunft beschäftigen wollen. Nach der Verhaftung musste das Gremium eine Lösung für die Zeit finden, in der der Audi-Chef seine Amtsgeschäfte nicht ausführen kann, wie eine Person mit Kenntnis der Beratungen sagte. „Bram Schot soll Audi-Chef werden“, sagte ein anderer Insider. Der gebürtige Niederländer ist seit September 2017 Vertriebschef in Ingolstadt. Nach dem VW-Aufsichtsrat werde auch das Kontrollgremium von Audi über die Interimslösung entscheiden, sagten weitere Insider.

Erst vor einer Woche waren die Ermittler bei Stadler und einem weiteren Audi-Vorstand zur Razzia angerückt. Den beiden Spitzenmanagern wird unter anderem Betrug zur Last gelegt. Sie sind die ersten amtierenden Vorstände unter den Beschuldigten. Seither steht Stadler noch stärker im Feuer als in den vergangenen gut zweieinhalb Jahren seit Bekanntwerden der Abgasaffäre ohnehin. Dem Manager wird intern eine schleppende Aufarbeitung des Skandals vorgehalten, obwohl Audi als Keimzelle der Abgasschummeleien gilt. Stadler hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Er hatte in der Vergangenheit mehrere Scherbengerichte überstanden, weil die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch bisher ihre schützende Hand über ihn hielten.

Fassungslos äußerten sich Insider aus dem VW-Konzern. „Das ist der Hammer.“ Man sei „vollkommen überrascht“, hieß es. Stadler selbst sei bei seiner Verhaftung überrascht, aber gefasst gewesen, sagte eine Person mit Kenntnis der Vorgänge. Bei der Ermittlungsrichterin, die die Untersuchungshaft angeordnet hatte, machte der Audi-Chef keine Angaben zur Sache, wie Oberstaatsanwalt Stephan Necknig sagte. Stadler sei aber bereit, sich vernehmen zu lassen, und wolle sich vorher mit seinen Verteidigern besprechen. Das werde voraussichtlich Mitte der Woche der Fall sein. „Dann wird man sehen, welche Aussagen das sind, ob die dazu führen können, dass die Verdunkelungsgefahr ausgeräumt wird und der Beschuldigte wieder auf freien Fuß gelangt – oder ob er in Haft bleiben muss.“ Ermittler Necknig sagte, der Haftbefehl gehe nicht auf einen Wunsch der US-Behörden zurück. Es gehe um europäische Fahrzeuge.

„Die Verhaftung ist ein weiterer Tiefpunkt in der VW-Dieselsaga“, schrieb Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI. „Warum haben die Aufsichtsräte von Audi und VW nicht früher etwas unternommen?“ Über Stadlers unmittelbar bevorstehende Ablösung wurde seit Bekanntwerden des Dieselskandals immer wieder öffentlich spekuliert. Belastbare Hinweise für ein Fehlverhalten des Audi-Chefs lagen allerdings Insidern zufolge bislang nicht vor. Auch in der vergangenen Woche hätten die hausinternen Juristen keine neuen Entwicklungen gesehen. Einen Rücktritt lehnte Stadler in der Vergangenheit ab.

„Signal schockierend“

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sagte zu der Verhaftung: „Das Signal ist nicht nur schockierend, sondern auch traurig“. Er betonte zugleich: „Ich habe großes Vertrauen in die Behörden, die diese Untersuchungen und Ermittlungen vornehmen.“ Scheuer hatte zuletzt einen härteren Kurs gegen Autobauer im Skandal um Abgasmanipulationen eingeschlagen. Im VW-Konzern ist der Audi-Chef nicht der einzige aktive Spitzenmanager im Fadenkreuz der Ermittler: Auch gegen Vorstandschef Herbert Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig.

(rtr)

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