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Rückstellungen über 18 Milliarden Euro reichen nicht aus: Vergleich in USA: VW kauft sich frei

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. So lautet ein Sprichwort, das auch für Volkswagens Konflikt mit der US-Justiz zutreffen könnte. Die ohnehin schon hohe Abgasrechnung wird wohl noch viel teurer.
Ersparte sich die Reise nach Detroit: VW-Chef Matthias Müller. Foto: Uli Deck (dpa) Ersparte sich die Reise nach Detroit: VW-Chef Matthias Müller.
Wolfsburg/Washington. 

Dass es so dicke kommen könnte, hatte dann doch keiner gedacht: VW muss im Abgas-Skandal wohl tiefer als erwartet in die Tasche greifen, um Rechtsstreitigkeiten mit der US-Justiz beizulegen. Man habe Bußgeld- und Strafzahlungen in Höhe von 4,3 Milliarden Dollar ausgehandelt, gab der Konzern bekannt. VW-Vorstand und -Aufsichtsrat haben dem Vergleich gestern zugestimmt.

Michael Balk
Kommentar Wirtschaft Wann hat wer was gewusst?

Volkswagen muss einen Wahnsinns-Preis zahlen, um sich von den Sünden in den Vereinigten Staaten freizukaufen.

clearing

Der Kompromiss mit dem US-Justizministerium ist ein Meilenstein bei der Bewältigung der Abgas-Affäre, die den Wolfsburger Autobauer seit September 2015 im Krisenmodus hält. Seit über einem Jahr ermitteln die Bundespolizei FBI und Fahnder anderer Justizbehörden wegen des Verdachts krimineller Vergehen im Zusammenhang mit der Manipulation der Abgaswerte Hunderttausender Dieselwagen in den USA.

Mit dem Deal könnte sich VW in dem Verfahren freikaufen – allerdings zu einem hohen Preis. Da der Konzern sich mit Kunden, Autoverkäufern und Behörden bei US-Zivilklagen bereits auf Vergleiche geeinigt hat, die über 17 Milliarden Dollar kosten könnten, werden die Rückstellungen wohl nicht reichen. Bislang hatte VW 19,2 Milliarden Dollar (18,2 Mrd. Euro) für Rechtskosten im Abgas-Skandal beiseitegelegt. Nun dürfte die Rechnung auf mehr als 21 Milliarden Dollar steigen. „Die Summe tut weh, wäre aber verkraftbar“, sagt Experte Ferdinand Dudenhöffer.

Dennoch würde der Konzern die volle Härte des US-Rechts erfahren. Denn neben den hohen Bußgeldern soll Volkswagen auch die Kontrollsysteme verstärken und ein Schuldgeständnis abgeben. Damit würde man kriminelle Handlungen zugeben. VW hatte zwar frühzeitig Fehler eingeräumt, bislang aber keine Verbrechen. General Motors und Toyota hatte die US-Justiz bei Vergleichen keine Schuldbekenntnisse abgepresst.

Riesige Erleichterung

Trotz der überraschend hoch ausfallenden Strafe könnte in Wolfsburg die Erleichterung über die Einigung überwiegen. Durch den Vergleich, der sowohl strafrechtliche als auch noch offene zivilrechtliche Auseinandersetzungen mit dem Justizministerium aus der Welt schaffen würde, könnte sich VW endlich wieder stärker auf das Tagesgeschäft konzentrieren. Es sei zudem eine riesige Erleichterung, dass der Konflikt nicht in die Amtszeit der neuen US-Regierung verschleppt werde, hieß es. Es gab große Bedenken, dass die Administration des neuen Präsidenten Donald Trump den Fall neu aufrollen könnte.

Die Anleger schöpfen unterdessen neuen Mut und decken sich wieder mit VW-Aktien ein. Deren Kurs kletterte um über drei Prozent.

Brisante Details

Wirklich zur Ruhe wird VW vorerst aber nicht kommen. Selbst über ein Jahr, nachdem der Skandal aufflog, war das alljährliche Schaulaufen der Branche bei der US-Automesse in Detroit noch von der Dieselaffäre überschattet. In die Präsentationen der VW-Modelle platzte die Nachricht einer Strafanzeige der Bundesanwaltschaft gegen einen Mitarbeiter, der in Miami vom FBI festgenommen wurde.

Auch für die Konzernspitze ist der Fall brisant. Denn in der Klageschrift belasten Zeugenaussagen von VW-Insidern das Management schwer. Noch kurz bevor die US-Behörden die Abgas-Manipulationen öffentlich machten, habe die Führungsebene Vertuschung angeordnet, heißt es. Die Geheimhaltung der Manipulationen soll angeblich eine von oben vorgegebene Direktive gewesen sein. Sollten sich die Anschuldigungen erhärten, könnte es noch einmal sehr unbequem werden.

Südkorea hat sieben aktuelle und frühere Spitzenmanager und Mitarbeiter der dortigen Volkswagen -Tochter im Zusammenhang mit dem Abgas-Skandal angeklagt. Ihnen werde unter anderem der Verstoß gegen ein Gesetz zum Schutz vor Luftverschmutzung zur Last gelegt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Unter den Angeklagten ist auch der Landeschef für Audi und Volkswagen, Johannes Thammer, sowie zwei ehemalige Vorstände der Südkorea-Sparte.

(dpa,rtr)
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