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"Wir dürfen nicht zum Wurmfortsatz verkommen": VhU-Präsident Mang warnt vor dem Bedeutungsverlust der deutschen Industrie

"Mehr Wirtschaft wagen! Mehr Freiheit leben!", fordert die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Sonst könne die deutsche Industrie im Zuge der weltweit fortschreitenden Digitalisierung nicht wettbewerbsfähig bleiben. Aber muss deshalb wirklich der Arbeitnehmer-Schutz aufgeweicht werden?
VhU-Präsident Wolf Matthias Mang Foto: Fredrik von Erichsen (dpa) VhU-Präsident Wolf Matthias Mang

Herr Mang, wie es sich für einen Verband gehört, der sich für seine zahlenden Mitglieder einzusetzen hat, hat auch die VhU mit Blick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen ihre Forderungen an die kommende Bundesregierung formuliert – auf 33 Seiten. Sind Sie sicher, dass diese 33 Seiten in Berlin gelesen werden? Es gibt doch ’zig Verbände in Deutschland, die nun ihre Forderungskataloge abgeschickt haben.

WOLF MATTHIAS MANG. Ich denke schon, dass unsere verantwortungsvollen politischen Mandatsträger auch daran interessiert sind zu erfahren, was die Wirtschaft in Hessen von der künftigen Bundesregierung erwartet. Sie dürfen nicht vergessen: Wir vertreten 76 Mitgliedsverbände mit 150 000 Unternehmen. Unsere Stimme hat also großes Gewicht. Zudem bin ich als VhU-Präsident auf Bundesebene in den nationalen Spitzengremien vertreten – in der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), im Bundesverband der Industrie (BDI) oder beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Insofern entspricht das, was wir in unserem Positionspapier zusammengetragen haben, auch der Linie der Spitzenverbände, was gerade im Claim „Mehr Wirtschaft wagen“ von allen offensiv kommuniziert wird.

Ihr Positionspapier steht unter dem Titel „Mehr Wirtschaft wagen! Mehr Freiheit leben!“ Da werden zumindest Arbeitnehmer-Vertreter hellhörig werden. Schließlich lässt der Titel befürchten, dass Sie da vor allem mehr Freiheiten für Unternehmer zulasten der Arbeitnehmer fordern.

Wolf Matthias Mang präsentiert die Adidas-Sportschuhe, die sein Unternehmen Oechsler im Rekordtempo in einer neuen, sogenannten Speed Factory zum Teil im 3D-Druckverfahren herstellt. Bild-Zoom Foto: Leonhard Hamerski
Wolf Matthias Mang präsentiert die Adidas-Sportschuhe, die sein Unternehmen Oechsler im Rekordtempo in einer neuen, sogenannten Speed Factory zum Teil im 3D-Druckverfahren herstellt.
MANG. „Wirtschaft“ sind alle in der Wirtschaft Beteiligten. Wenn wir von Wirtschaft sprechen, sprechen wir hier also nicht von Arbeitgebern auf der einen und von Arbeitnehmern auf der anderen Seite, sondern von Unternehmen, deren Erfolg beide Seiten wollen, damit es allen gut geht. Sie können sicher sein, dass uns die Belange der Beschäftigten sehr wichtig sind.

Aber in Ihrem Positionspapier schreiben Sie zum Beispiel, dass soziale Sicherheit „weniger Sache des Staates sein“ soll und stattdessen „von Unternehmen und Mitarbeiter mit Mut zum Risiko erarbeitet werden muss“. Und vor allem mit Blick auf die Herausforderungen der Digitalisierung verlangen Sie, dass „flexible Beschäftigungsformen wie Teilzeit, Befristungen und Minijobs nicht weiter eingeschränkt werden dürfen“. Sie sind gegen die tägliche Höchstarbeitszeitdauer von acht Stunden und fordern, dass die ununterbrochene Ruhezeit für Arbeitnehmer von mindestens elf auf neun Stunden reduziert werden müsse. Ich denke nicht, dass das Forderungen sind, die Arbeitnehmer an die Politik stellen würden.

MANG: Natürlich sind die Flexibilitätswünsche der Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht deckungsgleich. Allerdings gibt es viele Schnittmengen. Wir Unternehmer müssen aber zusehen, dass wir die Chancen, welche die Digitalisierung uns bietet, auch nutzen können. Und wir werden durch die Digitalisierung eine Arbeitswelt erleben, in der Dinge, die wir heute als normal ansehen, in neue, flexiblere Formen überführt werden: Unbefristete Arbeitsverträge, geregelte Arbeitszeiten und 30 Tage Urlaub werden da in Frage gestellt werden. Weil sich die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit lockern.

Welche Chancen bietet denn die Digitalisierung?

MANG: Die Chancen sind neue Märkte, neue Arbeitsplätze, effizientere Herstellungsverfahren. Die Produktivitätssteigerung, welche die Digitalisierung ermöglicht, könnte das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts von 2015 bis 2025 kumuliert 425 Milliarden Euro betragen und im Jahr 2025 eine Höhe von 85 Milliarden erreichen: In Europa könnte das Bruttoinlandsprodukt gar um 1,25 Milliarden Euro steigen und 2025 die 250-Milliarden-Euro-Marke erreichen. Natürlich ist die Digitalisierung allein keine Garantie gegen das Scheitern, aber ohne Digitalisierung ist das Scheitern garantiert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Welche Chancen bietet die Digitalisierung den Arbeitnehmern?

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