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Fußball: WM: Ökonomen erwarten keinen nachhaltigen Einfluss auf russische Wirtschaft

Viele Ökonomen sind skeptisch, dass das Großereignis die russische Wirtschaft spürbar und vor allem dauerhaft ankurbelt.
In Moskau ist die Fußball-WM überall präsent. Zu sehen sind Fahnen mit WM-Logo und -Maskottchen vor der Basilius-Kathedrale. Foto: Alexander Zemlianichenko (AP) In Moskau ist die Fußball-WM überall präsent. Zu sehen sind Fahnen mit WM-Logo und -Maskottchen vor der Basilius-Kathedrale.
Frankfurt/Moskau. 

Bei der Fußball-WM in Russland rollt ab dem 14. Juni der Ball – aber rollt auch der Rubel? Die Skepsis überwiegt. „Das Ereignis ist wirtschaftlich zu klein, um einen nachhaltigen Einfluss auf das Wachstum zu haben“, sagt Gert Wagner vom Berliner DIW-Institut mit Blick auf die künftige Konjunktur. Auch die Ratingagentur Moody’s betonte jüngst in einer Studie, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen auf nationaler Ebene nur sehr begrenzt und von kurzer Dauer sein dürften. „Das Turnier dauert nur einen Monat, der wirtschaftliche Impuls wird angesichts der russischen Wirtschaftsleistung von 1,3 Billionen Dollar erblassen“, sagte Kristin Lindow, Vizepräsidentin und Analystin bei Moody’s. Auch der Bereich Tourismus werde trotz der zahlreichen Fußballfans aus aller Welt ein geringeres Wachstum erfahren als bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi.

Hoffen auf Touristenstrom

Gute Erfahrungen mit einem zunehmenden Touristenstrom nach sportlichen Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußball-WM haben nach einer McKinsey-Studie vor allem Deutschland, Brasilien und Südafrika gemacht. Während der kommenden Woche werden zwar 1,5 bis zwei Millionen ausländische Fans und Touristen in Russland erwartet. Doch ob damit eine nachhaltige Steigerung der Besucherzahlen aus aller Welt eingeleitet werden könne, sei vor dem Hintergrund anhaltender politischer Spannungen mit dem Westen sehr fraglich, schätzen Experten. Das alles klingt eher nach Strohfeuer, denn nach einem nachhaltigen Impuls.

Das Eröffnungsspiel am Donnerstag führt mit dem Gastgeber und Saudi-Arabien zwei Nationen bei dieser Weltmeisterschaft (14. Juni bis 15. Juli) zusammen, die nach jahrzehntelanger erbitterter Konkurrenz als Ölförder-Giganten vor kurzem zueinander gefunden haben: In einer historischen Allianz haben sie es sich vor eineinhalb Jahren zum Ziel gemacht, den zuvor drastisch gefallenen Ölpreis durch koordinierte Förderbegrenzungen wieder in die Höhe zu treiben. Die Strategie ist voll aufgegangen, wie man inzwischen an den Ölpreisnotierungen sehen kann. Seitdem hat sich Rohöl um rund 50 Prozent verteuert.

Einmaleffekte

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Energielieferant Russland war 2015 und 2016 wegen des Verfalls des Ölpreises und der Sanktionen des Westens geschrumpft und erst 2017 wieder um rund 1,5 Prozent gewachsen. Nach Angaben des stellvertretenden Ministerpräsidenten Arkadi Dworkowitsch haben die Vorbereitungen für die WM in den vergangenen fünf Jahren etwa 14 Milliarden Dollar oder rund ein Prozent zum BIP beigetragen. „Ich kann sagen, dass es ohne die WM momentan kein Wirtschaftswachstum geben würde“, erklärte er kürzlich. Stadien wurden gebaut, Flughäfen modernisiert. Aber das sind sozusagen Einmaleffekte.

Kapitalflucht

Ökonomen sehen dies ähnlich. „Die russische Wirtschaft kocht auf Sparflamme“, sagt Russland-Experte Carsten Hesse von der Berenberg Bank. Für Schwung sorge der gestiegene Ölpreis. „Sonst wäre es um einiges düsterer.“ Denn außer dem Geschäft mit Öl und Gas laufe vieles nicht so rund. „Es gibt wenig ausländische Investitionen und viel Kapitalflucht wegen der Sanktionen.“

Infrastruktur als Chance

Notenbankchefin Elvira Nabiullina hatte jüngst betont, Russlands Wirtschaft und Finanzsystem hätten sich der letzten Welle von Sanktionen relativ schnell angepasst. Im April hatten die USA neue Strafen gegen sieben Oligarchen und größere Firmen verhängt. Die Notenbankchefin hält in den nächsten Jahren ein Wirtschaftswachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent pro Jahr für möglich. Für höhere Raten müsse es mehr Strukturreformen geben – etwa bei der Arbeitsproduktivität oder bei privaten Investitionen. „Die Frage ist, inwieweit Russland in der Lage sein wird, die Möglichkeiten der WM zu nutzen, um sein Wachstumspotenzial durch bessere Infrastruktur und bessere weltweite Anerkennung zu steigern“, sagt auch Jaroslaw Lissowolik, Chefökonom der Eurasischen Entwicklungsbank.

Im Zuge der seit 2014 geltenden Sanktionen des Westens hat sich Russland auch etwas stärker Richtung China orientiert. Es gab in den vergangenen Jahren einige größere Gas- und Energieabkommen mit der Regierung in Peking. Davon hätten beide Seiten profitiert, sagt Berenberg-Experte Hesse. „Die Russen brauchten marketingtechnisch die Deals.“ Die Chinesen hätten dies ausgenutzt und niedrige Preise ausgehandelt. Zudem sei der Anteil russischer Ausfuhren nach China an den Gesamtexporten von fünf bis sechs Prozent 2010 auf derzeit rund zwölf Prozent gestiegen. „Das ist schon signifikant“, betont Hesse.

Geldverschwendung

Der Ökonom hält zudem den wirtschaftlichen Effekt bei Sport-Großveranstaltungen wie Olympia oder einer Fußball-WM allgemein für überschätzt. In Russland hätten vor allem Bauunternehmer profitiert, die oft Präsident Wladimir Putin nahestünden. DIW-Experte Wagner schlägt in die gleiche Kerbe. „Das Geld kann nur einmal ausgegeben werden.“ Die Erfahrungen der Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien hätten gezeigt, dass das Geld besser – weil nachhaltiger – angelegt sei in Investitionen in die Infrastruktur. „Ein neues Stadion, das nach der WM kaum genutzt wird, ist schlichte Geldverschwendung im Interesse der Oberschicht.“

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