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Pflanzenschutz: Wer kann Glyphosat ersetzen?

Von Weitere fünf Jahre dürfen Europas Landwirte das höchst umstrittene Unkraut-Vernichtungsmittel Glyphosat auf ihren Äckern versprühen. So hat es – dank der Zustimmung von Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) – das EU-Parlament beschlossen. Zur Freude der Chemiebranche und zum Unmut von Umweltschützern. Wie lange werden wir noch mit Glyphosat leben müssen?, fragen sich nun viele Verbraucher. Denn das meistverwendete Herbizid steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen.
Während einer Protestaktion verschiedener Umweltverbände gegen Glyphosat versprüht ein Aktivist mit der Maske des Landwirtschaftsministers Schmidt (CSU) vor der CSU-Parteizentrale in München glücklicherweise nur Wasser. Foto: Matthias Balk (dpa) Während einer Protestaktion verschiedener Umweltverbände gegen Glyphosat versprüht ein Aktivist mit der Maske des Landwirtschaftsministers Schmidt (CSU) vor der CSU-Parteizentrale in München glücklicherweise nur Wasser.
Frankfurt. 

Eigentlich hat der Präsident des Verbandes der chemischen Industrie (VCI) an diesem Mittwoch in die Frankfurter Zentrale geladen, um darzulegen, wie gut es der Branche derzeit geht: Die Produktion ist in diesem Jahr kräftig gestiegen; auch der Umsatz hat sich deutlich erhöht. Und der Aufschwung wird sich nach Ansicht des VCI 2018 fortsetzen – wenn auch nicht mehr so steil. Über das höchst umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat verliert Bock, der im Hauptberuf Vorstandschef des Ludwigshafener Chemieriesen BASF ist, kein Wort. Obwohl Glyphosat in der vergangenen Woche so hohe Wellen schlug, weil es nach langem Hin und Her von der Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten für weitere fünf Jahre zugelassen wurde.

Effektiv und billig

„Wird die Chemiebranche die kommenden fünf Jahre denn nun nutzen, um eine Alternative zu Glyphosat zu finden?“, wollen wir wissen. „Die Unternehmen der Agrarchemie sind alle auf der Suche nach dem nächsten großen Ding. Auch weil Unkraut dazu tendiert, resistent gegen Gifte zu werden“, antwortet Kurt Bock. „Aber Glyphosat ist nun mal sehr effektiv und sehr wirtschaftlich. Das ist eine hohe Hürde für potenzielle Alternativen.“

Effektiv ist Glyphosat tatsächlich: Wo es hingelangt, wächst kein Kraut mehr. Weder Unkraut noch sonstige Pflanzen. Deshalb behandeln Bauern ihre Felder in der Regel nur vor der Keimung oder nach der Ernte mit diesem sogenannten Total-Herbizid. Versprüht auf abgeernteten Feldern, erspart es den Landwirten das Pflügen und reduziert dadurch die Bodenerosion. Lange Zeit galt Glyphosat aufgrund seiner Breitband-Wirkung „nur“ als umweltschädlich – weil aufgrund der totalen Abtötung aller Pflanzen auf zunehmend größeren Ackerflächen der Lebensraum der Insekten verschwindet. Zur „Saat des Bösen“ ist das 1970 vom Monsanto-Konzern auf den Markt gebrachte Mittel erst 2015 geworden. Da kam die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO, die IARC, in einer Studie zum Schluss, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei.

Ein Befund, der Kurt Bock die Zornesröte ins Gesicht treibt: „Auf ihrer Liste der wahrscheinlich krebserregenden Mittel hat die IARC sogar Fleisch und Kaffee“, ereifert sich der VCI-Präsident. Kein Herbizid sei so oft und so genau untersucht worden wie Glyphosat. Und Hunderte Studien hätten immer dasselbe Resultat gehabt: nicht krebserregend, so Bock, der dabei auch auf entsprechende Untersuchungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und der europäischen Zulassungsbehörde (EFSA) verweist. „Aber weil die Gegner angesichts der vielen wissenschaftlichen Beweise mit Argumenten nicht weiterkommen, werden sie dann persönlich, stellen sie die Unabhängigkeit der Institute in Frage“, beklagt der Chef-Lobbyist.

Stellvertreter-Krieg

Bocks Ansicht nach ist der Streit um Glyphosat ein Stellvertreter-Krieg. „Es geht um die Frage, welche Art von Landwirtschaft wir wollen: nur noch Öko-Anbau oder auch eine großflächige, konventionelle Landwirtschaft, die die Ernährung von immer mehr Menschen sicherstellt?“ Er maße sich nicht an zu beurteilen, welche Art besser sei. „Aber wie Untersuchungen zeigen, sind die jeweiligen Produkte am Ende nicht voneinander zu unterscheiden“, so Bock. Das ist die Ansicht der Chemiebranche. Viele Glyphosat-Gegner formulieren die Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft naturgemäß anders: Wollen wir einen mit Chemie überfrachteten Ackerbau, der, wie in den USA, Super-Unkräuter erzeugt, die gegen alle Herbizide resistent sind und ganze Landstriche verseuchen? Oder eine nachhaltigere Landwirtschaft, die sorgsamer mit den Ressourcen der Natur umgeht?

So ist die aggressiv geführte Debatte zu einem Stellungskrieg zwischen Industrie und Umweltschützern geworden, die ein tiefer Graben trennt. Dass dieser von einer der beiden Seiten freiwillig überwunden wird, glaubt auch Bock nicht. Deshalb plädiert er für einen von der künftigen Bundesregierung „konzertierten Dialog“, wie er sagt. Aber der dürfte in der derzeitigen Konstellation kaum möglich sein. Schließlich sind sich Agrarminister Christian Schmidt (CSU) und Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) inzwischen spinnefeind.

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