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Interview: Wie geht's mit dem Strom weiter, Herr Alsheimer?

Können die Verbraucher darauf hoffen, dass die Strompreise bald sinken werden? Wie viel wird sie die Energiewende noch kosten? Und welche Möglichkeiten bietet ihnen die Digitalisierung der Energiewirtschaft? Darüber sprach Wirtschaftsredakteur Panagiotis Koutoumanos mit Constantin Alsheimer, dem Vorstandsvorsitzenden der Mainova AG, Hessens größtem Energieversorger.
Constantin Alsheimer (49) auf die Frage nach seinem Beitrag zum Gelingen der Energiewende: „Ich fahre ein Hybridauto. Aber eine Photovoltaik-Anlage oder ein Mini-Blockheizkraftwerk betreiben wir zu Hause nicht. Die baulichen Voraussetzungen bietet unser Haus nicht.“ Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Constantin Alsheimer (49) auf die Frage nach seinem Beitrag zum Gelingen der Energiewende: „Ich fahre ein Hybridauto. Aber eine Photovoltaik-Anlage oder ein Mini-Blockheizkraftwerk betreiben wir zu Hause nicht. Die baulichen Voraussetzungen bietet unser Haus nicht.“

Herr Alsheimer, wie hat sich denn der Strompreis bei der Mainova entwickelt?

CONSTANTIN ALSHEIMER: Natürlich ist auch bei uns der Strompreis gestiegen, aber nicht stärker als in der gesamten Branche. 1998 lag der Strompreis im bundesweiten Durchschnitt bei 17,11 Cent, heute liegt er bei 29,42 Cent. In unserem Grundversorgungstarif, dem „Mainova Strom Classic“ kostet die Kilowattstunde 30,59 Cent. Aber unser Ökostromtarif „Novanatur“ liegt knapp 0,7 Cent darunter. Und in unserem Online-Tarif zahlt der Kunde sogar mehr als drei Cent je Kilowattstunde weniger. In jedem Fall bekommt der Kunde bei uns wettbewerbsfähige Preise.

Schlägt denn die Mainova ihren Kunden von sich aus einen günstigeren Tarif vor?

ALSHEIMER: Das tun wir. Wir bemühen uns immer wieder, Bestandskunden in günstigere Tarife zu überführen, und schreiben die betreffenden Kunden an. Aber nicht jeder möchte den Grundversorgungstarif verlassen, um in den Online-Tarif oder in einen Laufzeit-Tarif zu wechseln. Viele legen beispielsweise Wert darauf, einen besseren Service wie zum Beispiel die Rechnung auf Papier zu erhalten.

Wie viele Ihrer Kunden zahlen noch den teuren Grundversorgungstarif?

ALSHEIMER: Das möchten wir aus Wettbewerbsgründen nicht öffentlich machen.

Dass die Strompreise gestiegen sind, ist vor allem den Abgaben geschuldet, die der Staat erhebt, um die Energiewende zu vollziehen. Wie viel Prozent des Strompreises kann ein Versorger wie die Mainova noch beeinflussen?

ALSHEIMER: Mitsamt Steuern beschränkt sich der freie Wettbewerb heute auf rund ein Fünftel des Strompreises. Nur diese 20 Prozent unterliegen unserer Preisgestaltung. Das betrifft die Beschaffung, die Produktion und den Verkauf des Stroms. Hinzu kommt die EEG-Umlage zur Finanzierung der Energiewende: Die Verbraucher müssen für die Differenz aufkommen zwischen dem Börsenstrompreis und der Solar- oder Windparkbetreibern staatlich zugesicherten Vergütung. Heißt: Je mehr erneuerbare Energien auf den Markt kommen, desto geringer ist der Börsenstrompreis und umso höher fällt die Umlage aus. Sie beläuft sich auf knapp 25 Prozent je verbrauchter Kilowattstunde. Ein noch etwas höherer Anteil entfällt auf weitere Abgaben und Steuern, zudem weitere rund 25 Prozent auf die Gebühren für den forcierten Netzausbau, der für den Transport der grünen Energie und die Digitalisierung nötig ist.

Und wie hat sich der Versorgeranteil in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

ALSHEIMER: Diese Kosten sind nominal – also wenn wir die reine Ziffer betrachten – gleichgeblieben; inflationsbereinigt sind sie sogar gesunken: um 21 Prozent. Dies zeigt, dass die Liberalisierung die beabsichtigte Wirkung entfaltet hat und der Wettbewerb im Strommarkt sehr wohl funktioniert.

Das heißt, dass die Vertriebsmargen der Energieversorger früher deutlich höher gewesen sind?!

ALSHEIMER: Ja, das ist richtig.

Wie viele Konkurrenten zählt die Mainova derzeit im Strommarkt?

ALSHEIMER: Zurzeit treten wir in Frankfurt gegen rund 170 Unternehmen mit insgesamt 800 Tarifen an.

Und wie hoch ist die Wechselquote bei Ihnen?

ALSHEIMER: Im Bundesdurchschnitt haben laut Bundesnetzagentur und Verbänden zuletzt 21 Prozent der Stromverbraucher einmal im Jahr den Anbieter gewechselt. Und seit der Marktliberalisierung haben im Bundesdurchschnitt kumuliert 43 Prozent der Haushalte einen neuen Versorger gewählt. Bei der Mainova sind die Wechselquoten niedriger. Dafür spricht auch, dass unsere Kundenzahl in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der von uns versorgten Haushalte unterm Strich um 6,5 Prozent auf mehr als 700 000 gestiegen.

Wobei auch Sie Kunden mit Wechselprämien locken, die ihren Gewinn schmälern.

ALSHEIMER: Das stimmt. Aber perspektivisch wird sich die gestiegene Kundenzahl rechnen.

Seit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes haben die Stromkunden rund 150 Milliarden Euro in Form der Umlage für die Ökostrom-Erzeugung gezahlt. Nun ist sie in diesem Jahr erstmals gesunken, auf 6,8 Cent. Gehen Sie davon aus, dass die EEG-Umlage kontinuierlich zurückgehen wird? Bei den 2016 eingeführten Ausschreibungen haben zuletzt ja nur Betreiber von Windparks oder Solaranlagen den Zuschlag bekommen, die auf eine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz verzichten.

ALSHEIMER: Ich denke schon, dass die EEG-Umlage weiter sinken wird. Die höheren Fördersätze der Vergangenheit laufen sukzessive aus. Und tatsächlich ist der Trend, dass Windpark- und Solaranlagen-Betreiber auf eine staatlich garantierte Vergütung verzichten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der Staat nicht an anderer Stelle neue Abgaben erheben wird – beispielsweise, um die Technologie zur Speicherung erneuerbarer Energie zu fördern.

Glauben Sie nicht, dass der Gesetzgeber aus den Fehlern der EEG-Umlage gelernt hat?

ALSHEIMER: Das hoffe ich. Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat ja angekündigt, die Subventionierung der erneuerbaren Energien im Stromsektor in vier bis fünf Jahren zu beenden. Heißt, dass dann zumindest neue Anlagen auf keinen Fall mehr subventioniert werden. Das stimmt mich optimistisch.

Aber muss der Verbraucher befürchten, dass die Netzentgelte weiter steigen? Die sind mit durchschnittlich 7,3 Cent je Kilowattstunde für Haushaltskunden schon jetzt höher als die EEG-Umlage. Und es sollen noch tausende Kilometer teure Stromtrassen entstehen, vor allem, um in Norden erzeugten Windstrom in den Süden zu bringen.

ALSHEIMER: Ich befürchte auch, dass die Netzgebühren weiter steigen werden. Zum einen, weil diese neuen großen Transportleitungen finanziert werden müssen. Zum anderen müssen in Westdeutschland die Jahrzehnte alten Netze erneuert werden. Hinzu kommt, dass Strom künftig auch den Verkehr in viel größerem Maße als heute versorgen soll. Stichwort: E-Mobilität. Und für das autonome Fahren werden zusätzliche Rechenzentren benötigt, die auch sehr viel Strom verbrauchen. Dies erfordert ebenfalls den Ausbau der Netze, sowohl innerstädtisch als auch über Land. Die entsprechenden Investitionen werden sich in den Netzentgelten niederschlagen.

Wie viel hat die Mainova in den vergangenen Jahren ins Netz investiert?

ALSHEIMER: Wir haben in den vergangenen zehn Jahren 1,3 Milliarden Euro in die regionale Infrastruktur investiert, wobei in diesem Betrag auch das Wärmenetz enthalten ist. 70 Millionen waren es im vergangenen Jahr, und wir gehen davon aus, dass die Investitionen für Erneuerung und Ausbau weiter steigen werden.

Investieren Sie auch schon nennenswerte Summen in die Digitalisierung? Darauf müssen die Energieversorger doch rechtzeitig reagieren, wenn sie langfristig nicht aus dem Markt gedrängt werden wollen, oder? Einfach nur Strom zu verkaufen wird in der Zukunft ja nicht mehr ausreichen?!

ALSHEIMER: Wachsen können wir tatsächlich insbesondere über die Digitalisierung. Unsere Margen im Strom- und Gasvertrieb sinken aufgrund des verstärkten Wettbewerbs. Und auch im regulierten Geschäft mit dem Netzbetrieb wird es zunehmend schwieriger werden, den Ertrag zu halten. Deshalb entwickeln wir ja neue Produkte, die komplexe Energielösungen ermöglichen: beispielsweise die Installation und den Betrieb eines Energiespeichers oder eines Mini-Blockheizkraftwerks im Keller, einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach oder der Ladesäule für das E-Auto in der Garage. Der Strom-Konsument wird immer öfter auch zum Strom-Produzenten; diesem sogenannten Prosumer bieten wir auch gerne an, uns seinen überschüssigen Strom zu verkaufen, um die dezentrale Energiewende zu unterstützen.

Damit schlagen Sie dann mehrere Fliegen mit einer Klappe: Diese Produkte sind margenstärker; es sind Produkte, durch die Sie sich von reinen, preisaggressiven Stromanbietern im Internet abheben können. Und Sie schaffen mit diesen Energielösungen die Voraussetzung für eine langfristige Kundenbindung. Denn da wechselt der Kunde nicht leichtfertig den Anbieter – anders als beim reinen Strombezug.

ALSHEIMER: Das ist richtig, vor allem aber schaffen wir Mehrwert für unsere Kunden. Für diese Dienstleistungen wie auch für solche, die im Zusammenhang mit „Smart Homes“ – der intelligenten Haustechnik – vorstellbar sind, benötigen wir allerdings intelligente, digitale Strom-Messsysteme: die sogenannten Smart-Meter-Gateways, die Verbrauchsdaten in das Stromnetz senden.

Aber diese Gateways sind immer noch nicht auf dem Markt . . .

ALSHEIMER: Leider nicht. Eigentlich sollten die ersten Haushalte und Unternehmen schon seit dem vergangenen Jahr sukzessive intelligente Messsysteme erhalten. Aber die Zugänge – die Gateways, die den Zähler mit den Netzbetreibern und den Stromlieferanten verbinden sollen – sind vom BSI, dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, noch nicht zugelassen. Nun sollen die ersten Gateways im Laufe dieses Sommers ausgeliefert werden. Wir sind bereit, viel Geld in diesen Bereich zu investieren und nehmen da bereits erste Testläufe vor.

Die „Smart Homes“ gelten als Milliardenmarkt der Zukunft. Entwickelt werden Energiemanagement-Dienste, die Verknüpfung mit der E-Mobilität oder sogar Hausnotruf-Systeme, die Senioren helfen sollen, länger in ihrer Wohnung zu bleiben. An welchen Ideen arbeitet Mainova?

ALSHEIMER: Was die Möglichkeiten anbelangt, übers Internet Hausgeräte stromsparend zu steuern – da sind der Kreativität wahrscheinlich keine Grenzen gesetzt. Die Haushalte könnten Waschmaschine, Wäschetrockner oder Geschirrspüler erst dann anlaufen lassen, wenn die Sonne scheint und die hauseigene Photovoltaik-Anlage Gratisstrom liefert. Oder wenn die Energie aus dem Netz gerade am wenigsten kostet. Das Gleiche gilt beispielsweise für Elektroautos: Zum einen würden die Fahrzeuge mit möglichst günstigem Strom geladen werden. Um Überlastungen zu verhindern, würde zum anderen der E-Auto-Ladestrom automatisch dann gesenkt werden, wenn gleichzeitig eine stromhungrige Wärmepumpe oder ein Boiler eingeschaltet sind.

Nun gilt in Deutschland der Datenschutz aber als besonders hohes Gut. Was können Sie tun, um dem Verbraucher die Angst davor zu nehmen, zum gläsernen Kunden zu werden?

ALSHEIMER: Davor muss kein Verbraucher Angst haben. Nur der Kunde erhält Transparenz und damit die Möglichkeit, seinen Stromverbrauch besser zu steuern und damit preisgünstiger zu gestalten – indem er eben seine smarten Geräte so einstellt, dass sie laufen, wenn der Strom billiger ist. Wir sprechen da von zeitvariablen Tarifen. Dabei bestimmt der Kunde selbst, welche Daten er seinem Energielieferanten zur Verfügung stellt. Die Daten sind in jedem Fall hochgradig verschlüsselt und können nicht von Dritten eingesehen werden.

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