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Messen International: Wie sich die Messe Frankfurt ein zweites Standbein in Indien erarbeitet

Von Der Marktführer im indischen Messegeschäft kommt aus Deutschland: Die Messe Frankfurt hat sich innerhalb weniger Jahre nach oben gearbeitet und in dem Land ein Wachstum wie kaum irgendwo sonst hingelegt. Das Land könnte bald das bevölkerungsreichste der Welt sein.
Mit einer traditionellen Lampenzeremonie eröffnen Messe-Frankfurt-Chef Marzin (M.) und Landeschef Manek (2.v.r.) die „Light India“. Bilder > Mit einer traditionellen Lampenzeremonie eröffnen Messe-Frankfurt-Chef Marzin (M.) und Landeschef Manek (2.v.r.) die „Light India“.
Frankfurt. 

Vor 28 Jahren war Wolfgang Marzin schon einmal beruflich in Neu-Delhi. Als Student entlud er im Blaumann Container auf dem Messegelände Pragati Maidan. Mittlerweile ist Marzin zum Chef der Messe Frankfurt aufgestiegen – doch auf dem indischen Gelände hat sich seither rein gar nichts getan. Die Hallen sind baufällig, vor dem Aufbau der Stände müssen Messeveranstalter erst einmal Affen und Hunde verjagen und den Müll beseitigen, bevor Dekorationen und Stellwände das Alter der Hallen wenigstens notdürftig kaschieren. Doch die Mängel nimmt Marzin in Kauf: „Wir müssen dort sein, wo unsere Kunden sitzen.“

INFO

Indien hat knapp 1,3 Milliarden Einwohner und ist von der Fläche her neun Mal größer als Deutschland. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei lediglich 1590 Dollar jährlich, ein Achtundzwanzigstel

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Diese Probleme mit der Infrastruktur gelten aber als einer der Hauptgründe, warum das Wachstum in Indien viele Jahre lang enttäuscht hatte. Doch nun gilt Indien plötzlich als heißeste Wachstumsgeschichte weltweit. In weniger als einem Jahrzehnt dürfte Indien mit einer Bevölkerungszahl von dann 1,4 Milliarden Menschen China überholen. Und auch beim Wirtschaftswachstum hat Indien im Vorjahr mit 7,4 Prozent den Rivalen überflügelt. Auch mittelfristig dürfte der Subkontinent nach Prognosen von Volkswirten eine größere ökonomische Dynamik entfalten als die Volksrepublik China – und beide könnten in gut zwei Jahrzehnten noch vor den USA zu den zwei größten Volkswirtschaften der Welt werden. Denn die Regierung des charismatischen Politikers Narendra Modi, der 2014 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, hat dem Land ein Programm mit marktwirtschaftlichen Reformen, Kampf gegen Bürokratie und Korruption sowie Investitionen in die Infrastruktur verordnet.

Die deutsche Wirtschaft ist mit dabei: Mehr als 1600 Unternehmen sind in dem Land aktiv, teilweise seit über 100 Jahren. Deutschland zählt zu den sechs größten Handelspartnern Indiens (in der EU ist es der größte) und zu den sieben wichtigsten ausländischen Direktinvestoren.

Die Messe Frankfurt will dort ebenfalls mitmischen. Seit 1998 war sie zwar mit einer eigenen Tochtergesellschaft in der Finanzmetropole Mumbai und der Hauptstadt Neu-Delhi vertreten, doch organisierte sie nur eine einzige Veranstaltung in dem Land, eine lokale „Techtextil“. Wolfgang Marzin erinnert sich: „2011 haben wir entschieden, dass wir ein zweites Standbein in Asien brauchen, und das sollte Indien sein. Das ist ein Land der Zukunft, dort muss man investieren.“ Nach und nach wurde fast das gesamte Programm von Ablegern der Frankfurter Leitmessen ausgerollt. Die Niederlassung mit 115 Mitarbeitern ist heute mit 20 Veranstaltungen (dazu kommen noch 35 Konferenzen) Marktführer in der zersplitterten lokalen Branche; größte Schau ist der örtliche „Automechanika“-Ableger.

Starkes Umsatzplus

Der Umsatz stieg im Vorjahr um mehr als 40 Prozent auf 7,5 Millionen Euro, in den nächsten vier Jahren will ihn Marzin verdoppeln. Zum Vergleich: In ganz Asien lag der Umsatz 2015 bei 149 Millionen Euro (plus 20 Prozent), mit Abstand wichtigster Auslandsmarkt der Frankfurter ist China. Die Messe Frankfurt ist seit fast 30 Jahren international unterwegs, das Auslandsgeschäft trägt 38 Prozent zum Gesamtumsatz bei. „Wir können auch in Frankfurt nur wachsen, wenn wir international präsent sind“, sagt der Messe-Chef: „Die Welt ist kein Dorf mehr.“ In Beton im Ausland investieren die Frankfurter bisher jedoch nicht. „Das verbietet sich für uns aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Aber ich schließe nichts aus“, sagt Marzin; sollten die Gesellschafter Stadt und Land eines Tages eine andere Richtung vorgeben, wäre das Betreiben eines weiteren Messegeländes – neben Frankfurt – natürlich möglich.

Der Indien-Umsatz könnte noch deutlich höher liegen, gäbe es größere und vor allem modernen Ansprüchen genügende Messegelände; Indien-Landeschef Raj Manek hofft auf einen Ausbau des Geländes in Neu-Delhi bis 2019. Marzin: „Wir weisen immer darauf hin, dass eine gute Messe-Infrastruktur einen Beitrag zum Aufbau der Wirtschaft leisten kann – wie es auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gewesen ist.“ Dass in Indien vieles länger dauert als bei Rivalen, liege auch an der demokratischen und föderalen Staatsform, sagt die Vize-Hauptgeschäftsführerin der Deutsch-Indischen Handelskammer, Sonia Prashar: „Wir sind nicht China!“

Dennoch gehe es den deutschen Firmen gut, sagt der Hauptgeschäftsführer der weltweit größten Außenhandelskammer, Bernhard Steinrücke: „In aller Regel sind sie hochprofitabel, und das bei geringem Risiko.“ Eine weitere Besonderheit: 15 Ableger deutscher Konzerne sind auch in Indien an der Börse gelistet, darunter welche von Siemens, BASF oder Merck; die Aktie von Bosch Ltd. ist weltweit sogar die einzige Möglichkeit, sich an dem Autozulieferer zu beteiligen.

Aufgabe der Auslandstöchter ist es auch, Aussteller für andere Veranstaltungen der Messe Frankfurt zu gewinnen. Rund 2500 indische Unternehmen sind das jährlich, 60 Prozent davon kommen nach Frankfurt. Die Zahl der Firmen dagegen, die erst an Messen in Indien teilnehmen und später in Frankfurt, ist überschaubar: In der Regel zielen die einen ganz auf lokale Märkte, die anderen vor allem auf den Export.

Zu besichtigen ist das beispielsweise auf der „Light India“. 272 Aussteller, davon 130 aus China und 110 aus Indien, zeigen noch bis heute ihre Neuheiten. Es gibt große Konzern-Stände von Panasonic, vom Osram-Ableger „Ledvance“ und von dessen Käufer MLS aus China, die Mehrheit der Stände belegen jedoch kleinere Hersteller. Beim örtlichen Platzhirsch Bajaj Electricals heißt es, für den Export nach Europa brauche es eine starke Marke, deren Aufbau zu teuer sei.

Die Zukunft gehöre den LED-Leuchten, heißt es nicht nur bei Fiem Industries – der von J.K. Jain gegründete Konzern mit neun Werken in ganz Indien liefert Auto- und Zweiradscheinwerfer unter anderem für VW und Harley-Davidson. Das Unternehmen zertifiziert seine Produkte wie am Fließband für alle Absatzmärkte – in den USA gelten andere Vorschriften als in Europa, in Australien wiederum andere. Die Klagen darüber sind Deutschen von ihren Mittelständlern her vertraut. Manches zeigt dagegen auch die kulturellen Unterschiede. So zählt Fiem Industries unter seinen sozialen Leistungen („Corporate Social Responsibility“) neben der Behinderten-Fürsorge auch die Ausrichtung von Massenhochzeiten auf.

Die LED-Hersteller drängen darauf, dass bis 2020 die gesamte Straßenbeleuchtung des Landes auf die energiesparende Technik umgerüstet wird. Das könnte fünf Prozent des Stromverbrauchs einsparen. Stromabschaltungen gehörten dann der Vergangenheit an, sagt Shekhar Bajaj, der Chef von Bajaj Electricals. Piyush Goyal, Indiens Staatsminister für Energie, widerspricht: „Wir brauchen nicht die modernste Technologie, sondern eine kosteneffiziente.“ Die Hersteller müssten billiger anbieten, fordert er in deutlichen Worten und sieht „Anzeichen für eine Kartellbildung“. Marzin sieht das als Beleg dafür, „dass Messen Plattformen nicht nur für Innovationen sind, sondern auch für politische Debatten“.

Die Community in Hessen

Übrigens arbeitet und lebt in Hessen die größte indische Gemeinschaft in Deutschland. Mehr als 250 indische Unternehmen sind hier vertreten, viele mit ihren Europazentralen. In fünf Jahren sind mehr als 30 Firmen hinzugekommen, darunter die Top 3 der dortigen IT-Industrie: Infosys, Wipro Technologies und Tata Consultancy Services haben sich im Raum Frankfurt angesiedelt. Rund 40 Prozent der indischen Investitionen in Deutschland werden in Hessen getätigt. Auch Indiens größter Industrieverband, die Confederation of Indian Industry (CII), hat sein Deutschlandbüro im Frankfurter Messeturm eröffnet.

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