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Schattenwirtschaft: Wirtschaftsethiker: "Gesetzestreue muss belohnt werden"

Schwarzarbeit ist weit verbreitet. Warum ist das so – und was kann der Staat dagegen unternehmen? Redakteur Christophe Braun hat mit Gerhard Minnameier, Professor für Wirtschaftsethik und Wirtschaftspädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt gesprochen.
Gerhard Minnameier Gerhard Minnameier

Herr Professor Minnameier, warum entsteht Schwarzarbeit ?

GERHARD MINNAMEIER: Der Staat stellt mit seinen Leistungen Gemeinschaftsgüter bereit, zu denen alle ihren Teil beitragen und von denen alle entsprechend profitieren. Das grundlegende Problem aller Gemeinschaftsgüter ist: Einzelne können sich Vorteile verschaffen, indem sie ihren Teil nicht beitragen, aber trotzdem profitieren. Genau das passiert bei der Schwarzarbeit.

Wer schwarz arbeitet oder Schwarzarbeiter beschäftigt, handelt also aus Habgier?

MINNAMEIER: Dieser Schluss liegt nahe und wird oft gezogen – aber ich glaube, das ist kurzsichtig. Es geht nicht so sehr darum, was der Einzelne persönlich will oder nicht will. Es geht vor allem auch um seine soziale Umwelt. Wenn ich der Ehrliche bin und alle meine Kollegen arbeiten nach Feierabend schwarz: Dann bin ich halt auch der Dumme. Und das ist auch für denjenigen ein Problem, der gegen Schwarzarbeit eingestellt ist.

Und dann fange ich irgendwann auch mit der Schwarzarbeit an. Nicht, weil ich gierig bin, sondern einfach, weil ich nicht der Dumme sein will.

MINNAMEIER: Genau. Denn in dieser Situation steht die Moral gegen die ökonomische Vernunft. Und das bedeutet, dass moralisch Handelnde indirekt bestraft werden, weil ökonomisch rationale Akteure einseitig profitieren.

Was kann man dagegen tun?

MINNAMEIER: Man muss die Rahmenbedingungen ändern. Und zwar so, dass Gesetzestreue nicht nur moralisch korrekt ist, sondern auch belohnt wird. Das erreicht man zum Beispiel dadurch, dass das Aufdeckungs- und nachfolgende Bestrafungsrisiko hoch genug ist, um den potenziellen Vorteil des Gesetzesbruchs zu kompensieren.

Wie geht das?

MINNAMEIER: Prinzipiell durch schärfere Ahndungen. Denken Sie etwa an die Steuerhinterziehung: Bis vor ein paar Jahren war die Chance, damit ungestraft durchzukommen, ganz gut. Das Risiko war also gering. Entsprechend viele Leute haben ihr Geld ins Ausland geschafft. Dann kamen die Steuer-CDs aus der Schweiz, Luxemburg und so weiter.

Und dann kam die Welle der Selbstanzeigen.

MINNAMEIER: Ja, das Aufdeckungs- und Bestrafungsrisiko war so hoch, dass der erwartete Vorteil und sogar die drohende Strafe kompensiert wurden. Man kann positive und negative Anreize setzen. Negativ heißt: Intensiv ermitteln und – hinreichend – hart bestrafen. Positiv würde zum Beispiel bedeuten, dass der Staat Sozialversicherungsleistungen finanziert, die dann nur diejenigen bekommen, deren Arbeit angemeldet ist.

Funktioniert das auch bei Unternehmen? Gerade in der Baubranche gibt es ja riesige schwarze Strukturen.

MINNAMEIER: In professionalisierten Strukturen – wie im Baugewerbe – muss die Schwarzarbeit am härtesten bekämpft werden. Die Unternehmen sind ja dem Wettbewerb ausgesetzt. Wenn Schwarzarbeit im großen Stil möglich ist, haben alle, die nicht mitmachen, systematische Wettbewerbsnachteile. Davor müssen sie wirksam geschützt werden. In Wettbewerbssituationen ist sie besonders gefährlich: Dem unbescholtenen Bauunternehmer bleibt ja irgendwann keine andere Wahl mehr, als selbst Schwarzarbeiter zu beschäftigen, sonst bleibt er nicht wettbewerbsfähig. Das muss unbedingt vermieden werden.

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