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Frankfurt sollte auf Fin-Techs setzen: Zwei Drittel der Bankjobs fallen weg

Von Digitalisierung bedroht Stellen über alle Branchen hinweg – doch das Kreditgewerbe erfasst sie mit voller Wucht. Ein hessischer Professor warnt: Zwei Drittel aller Arbeitsplätze bei Banken und Sparkassen werden wegfallen. Doch es gibt Chancen, hohe Arbeitslosigkeit zu vermeiden.
Ein Modell für die Zukunft? Die erste, sparsam ausgestattete „City-Filiale“ der Commerzbank in Frankfurt Foto: Commerzbank Ein Modell für die Zukunft? Die erste, sparsam ausgestattete „City-Filiale“ der Commerzbank in Frankfurt
Frankfurt. 
Prof. Andreas Buschmeier Bild-Zoom
Prof. Andreas Buschmeier

Frankfurt hofft auf neue Bank-Arbeitsplätze, weil nach dem Brexit Institute Jobs von der Themse an den Main verlagern könnten. Doch droht der technologische Wandel solche Zuwächse zu überlagern. Wie wandelt sich die Arbeitswelt im Kreditgewerbe? Wir sprachen mit Andreas Buschmeier, Professor an der BA Fulda.

Das Gebäude der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Foto: Christoph Schmidt/Archiv
Kommentar: Noch keine Entwarnung

Mit knapp 600 Millionen Euro ist die Deutsche Bank in Sachen Geldwäsche-Vorwürfe in Russland relativ glimpflich davongekommen – für die juristischen Altlasten insgesamt gilt das nicht.

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Viele hoffen auf Tausende neuer Banker-Jobs für Frankfurt durch den Brexit. Halten Sie das für realistisch?

Ich glaube, dass Frankfurt tatsächlich vom Brexit profitieren kann und einige Banken Arbeitsplätze aus London dorthin verlagern. Als Hesse freut mich das. Allerdings werden große Banken in London den Umzug auch als Gelegenheit nutzen, um Stellen abzubauen. Konkrete Zahlen kann man noch unmöglich nennen, Schätzungen von 8000 bis 10 000 zusätzlichen Jobs für Frankfurt halte ich aber für zu hoch. Ohnehin überdecken die Umzüge nur kurzfristig den generellen Trend, spätestens in fünf Jahren sehe ich einen massiven Abbau wegen der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung.

Info: Zur Person

Andreas Buschmeier (47) ist Professor für Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft sowie Studienleiter an der Berufsakademie Fulda. Forschungsschwerpunkt sind Digitalisierung und Fin-Techs.

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Können Sie diesen Arbeitsplatzabbau beziffern?

Eine Studie aus den USA geht von 50 Prozent der Jobs aus, die in den kommenden 20 Jahren über alle Branchen hinweg wegfallen werden. Nicht nur unqualifizierte Stellen werden von Maschinen ersetzt, auch höher Qualifizierte müssen sich Sorgen machen. Inwieweit die verlorenen Arbeitsplätze durch neue ersetzt werden, lässt sich nur schwer einschätzen.

Kann man dieses Ergebnis auf Deutschland übertragen?

Natürlich nicht eins zu eins. Aber der Befund gilt weltweit, auch für Deutschland, und für Banken besonders: Sehr viele Tätigkeiten können automatisiert werden oder wurden es bereits. Ich rechne damit, dass in Deutschland 60 bis 70 Prozent der Bank-Arbeitsplätze wegfallen. Und zwar bis zum Jahr 2030 – aber die Entwicklung kann auch schneller gehen.

In welchen Bereichen wird der Stellenabbau besonders heftig ausfallen?

Der Zahlungsverkehr wird schon angegriffen. Die Bemühungen der deutschen Kreditwirtschaft, Paypal mit Paydirekt Paroli zu bieten, kamen zu spät und zu halbherzig. Die Banken nutzen die Daten, die sie haben, noch viel zu wenig. Auch Buchhalter, Service-Mitarbeiter und viele, sogar höher qualifizierte Mitarbeiter in der Abwicklung werden ihre Stelle verlieren – gerade in den Frankfurter Zentralen der Großbanken werden alle Verwaltungstätigkeiten gestrichen werden. Handel oder Analyse können Maschinen genauso gut. Und Beratung bei Anlageentscheidungen das können Roboter sogar besser. Am wenigsten gefährdet ist das Top-Management.

Aber im Verkauf sind die Stellen sicher?

Nein. Das Filialgeschäft steht gegenüber dem Online-Vertrieb auf verlorenem Posten, zumindest im standardisierten Massengeschäft. Eine Chance für die Filialen bietet lediglich das Nicht-Standard-Geschäft, bei dem menschliche Beratung gefragt bleiben könnte. Als Mitarbeiter muss man sich überlegen, wie man sich weiterbilden kann, damit einen nicht Maschinen überflüssig machen. Klar ist, dass die verbleibenden Bank-Arbeitsplätze sowohl hohe IT- als auch ökonomische Kenntnisse erfordern. In Rechenzentren werden sicherlich Stellen aufgebaut, Programmierer werden extrem gefragt sein. Der Finanzplatz Frankfurt muss noch stärker versuchen, sich als Fin-Tech-Hub aufzustellen. Das ist die einzige Chance, den Netto-Effekt des Stellenabbaus zu verringern. Ein gutes Marketing-Instrument wäre eine Ansiedlung der europäischen Bankenaufsicht EBA und des Euro-Clearing – aber das sind politische Entscheidungen.

Allerdings scheint die Branche wenig Rückhalt in der Politik zu haben und wird kaum auf entschlossene Fürsprache zählen können – zum Beispiel bei den anstehenden Brexit-Verhandlungen.

Das hat die Branche zum Teil selbst zu verantworten – Stichwort Finanzkrise.

Müssen viele Banker mit Arbeitslosigkeit rechnen?

Das kommt auf die Ausbildung an. Wer mittel bis hoch qualifiziert ist und flexibel, wird sich gut zurechtfinden in den neuen Jobs, die die alten Bank-Arbeitsplätze ablösen. Allerdings werden natürlich nicht alle Banker neue Stellen bei Fin-Techs finden. Ich sehe aber kreatives Potenzial und möglicherweise disruptive Ideen, wenn Banker ohne Stelle Zeit haben zum Nachdenken.

Sind alle drei Säulen der Kreditwirtschaft in Deutschland gleichermaßen betroffen?

Sparkassen und Genossenschaftsbanken werden wegen ihres ausgeprägten Filialgeschäfts die Belegschaften noch stärker zusammenstreichen müssen als die Privatbanken. Niedrigzins und der enorme Kostendruck werden zu weiteren Filialschließungen und Fusionen führen. Die im internationalen Vergleich hohe Zahl von Bankbeschäftigten in Deutschland ist kein neues Problem, aber jetzt wird es noch offensichtlicher.

Müssen die Häuser wirklich Standorte schließen – oder wäre es nicht die bessere Option, auf kleinere Geschäftsstellen mit weniger Personal zu setzen, wie es die neuen „City-Filialen der Commerzbank vormachen?

Die Filialen werden geschlossen. Ich halte nichts davon, Standorte nur mit Automaten offen zu halten. Warum sollte ich dort hin gehen, wenn ich Bankgeschäfte genauso gut zu Hause auf dem Sofa erledigen kann? Das ist ein – letztlich vergeblicher – Versuch, die Nähe zum Kunden aufrecht zu erhalten. Banken und Sparkassen tun sich immer noch schwer damit, Filialen zu schließen – auch wenn kein Mensch mehr hingeht.

Und was passiert mit Senioren, die kein Internet haben?

Es gibt bankinterne Berechnungen: Am Ende wäre es billiger, wenn der Vorstand persönlich diesen Kunden besuchte und ihnen die Kontoauszüge in die Hand drückte. Da ist es besser, der Berater fährt raus, als dass die Banken die hohen Kosten für Automaten tragen.

Hausbesuche wird es wohl kaum geben, fürchte ich. Manche Institute wollen die Bargeldversorgung in der Fläche über die Auszahlung bei Rewe oder anderen Supermärkten sicherstellen.

Ich bin kein Freund der Vermischung von Bank- mit anderen Dienstleistungen, auch nicht mit Postgeschäften. Ich glaube, für den ländlichen Raum müssen noch Lösungen gefunden werden für die verbleibende Bevölkerung. Da müssen andere, neue Konzepte her.

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