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Professor für Zusammenschluss der Börsen Frankfurt und London: „Al-Wazir muss Farbe bekennen“

Von Zuletzt ist es still geworden um die Börsenfusion. Doch nun geht die Deutsche Börse in die Offensive, präsentiert eine Studie, die aufzeigt, dass der Finanzplatz Frankfurt großer Profiteur eines Zusammenschlusses mit der London Stock Exchange sein wird.
Die geplante Börsenfusion wird den Frankfurter Finanzplatz verändern. Ob positiv oder negativ, darüber streiten die Gelehrten. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Die geplante Börsenfusion wird den Frankfurter Finanzplatz verändern. Ob positiv oder negativ, darüber streiten die Gelehrten.
Frankfurt.   

Die Zeit drängt. Das ehrgeizige deutsch-britische Fusionsprojekt hat noch zwei Hürden zu überwinden. Bis Mitte Februar will die EU-Wettbewerbsbehörde entscheiden, ob sie die geplante Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE) erlauben darf oder verbieten muss. Am wahrscheinlichsten: Brüssel wird den 24-Milliarden-Deal unter Auflagen durchwinken.

Danach muss die deutsche Börsenaufsicht aktiv werden, die im hessischen Wirtschaftsministerium in Wiesbaden angesiedelt ist. Diese zweite Hürde droht zum Stolperstein zu werden, glauben Landespolitiker, Banker und Frankfurter Volkswirte.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Melanie Niesik

Da passt es gut ins Bild, wenn eine neue wissenschaftliche Untersuchung auf dem Tisch liegt, die ohne Wenn und Aber für die Börsenfusion plädiert. Professor Dirk Schiereck von der TU Darmstadt hat in einer 30-seitigen Studie, die dieser Zeitung vorliegt, aufgelistet, „warum der Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange den Finanzplatz Frankfurt stärkt.“ Damit hat der Börsen-Konzern mit Sitz in Eschborn das Rennen gegen die Kritiker gewonnen. Denn das von der Hessen FDP beim Börsenrechtler Ulrich Burgard in Auftrag gegebene (Gegen-)Gutachten zur Fusion liegt noch nicht vor. 1:0 für Börsen-Chef Carsten Kengeter im Kampf um die öffentliche Meinung.

ZUR PERSON Prof. Schiereck lehrt in Darmstadt

Dirk Schiereck ist Ökonomieprofessor an der Technischen Universität Darmstadt. Dort leitet er seit 2008 den Lehrstuhl Unternehmensfinanzierung.

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Farbe bekennen

Die Stimmung in Frankfurt spielt ein wichtige Rolle für die finale Entscheidung der Börsenaufsicht. Denn an der Spitze des hessischen Wirtschaftsministerium steht mit Tarek Al-Wazir ein Politiker der Grünen, dessen politische Karriere auf dem Spiel stehen könnte. Lässt er die Fusion passieren, könnte ihm das als „Ausverkauf Frankfurter Interessen“ angelastet werden. Das meinen zumindest Landtagsabgeordnete anderer Fraktionen. Dem hat Al-Wazir längst widersprochen. Schließlich prüfen Sachverständige aus dem Ministerium gemeinsam mit Fachleuten aus Universitäten den Börsen-Deal. Und die seien unverdächtig, für öffentliche Stimmungen empfänglich zu sein, heißt es in Wiesbaden. Schiereck macht aber klar: „Der Minister muss nun Farbe bekennen.“

Mehr Börsengänge

Das aktuelle Papier von Schiereck bewertet das Fusionsvorhaben durch die Brille der Ökonomen. Der BWL-Professor hat eine lange Liste zusammengestellt, die aufzeigen soll, dass nicht nur die Frankfurter Wertpapierbörse von der Fusion mit der LSE profitiert, sondern alle Akteure am Finanzplatz auf mehr Geschäft hoffen können. Das sichere Arbeitsplätze und mache den Standort attraktiver. Zudem würde dank der engen Kooperation mit London eine Plattform geschaffen, über die sich kleine und mittlere Unternehmen viel besser als heute finanzieren könnten. Jungen Wachstumsfirmen werde die Chance eröffnet, über den weltweit bedeutendsten Finanzplatz Wagniskapital bei internationalen Investoren einzusammeln. Ein deutliches Plus bei den Börsengängen erwartet Schiereck obendrein.

Die Kehrseite der Medaille zeigt er auch klar auf: Sollte die Börsenfusion scheitern, werde die Finanz-City Frankfurt an Bedeutung verlieren und damit auch als Standort für Anwaltskanzleien, Unternehmensberater oder Unternehmensgründer an Attraktivität verlieren.

Nur Juniorpartner?

Wenn der Frankfurter Börsenbetreiber die Chance zum Zusammenschluss mit der LSE nicht nutze, werde er in der Liga der internationalen Börsen weiter abrutschen und dann nur noch als Juniorpartner eines übermächtigen amerikanischen oder asiatischen Börsenbetreibers taugen. Schiereck sieht keine Alternative zur LSE: „London ist der schönste, beste, geeignetste Partner.“ Der Zusammenschluss mit kleineren Börsen hätte für Frankfurt verheerende Folgen.

Den Kritikern, die meinen, Frankfurt hätte sich unter Wert an London verkauft, wofür das unzureichende Stimmengewicht in der künftigen Dachgesellschaft HoldCo von 54:46 spreche, hält er entgegen, dass die Aktionäre als Eigentümer beider Unternehmen diesem Schlüssel ja zugestimmt hätten.

Der Knackpunkt des Fusionsvorhabens, der am kontroversesten diskutiert wird, ist der vorgesehene Sitz der Dachgesellschaft HoldCo. Diese Gesellschaft nach englischem Recht soll in London angesiedelt werden. Sie ist das Entscheidungszentrum des neuen Börsengiganten. Wer vertritt in der HoldCo-Führung auf lange Sicht die Interessen Frankfurts? Welcher Einfluss bleibt der deutschen Seite in der neuen Konzernstruktur? Wird Frankfurt langfristig zu einem überflüssigen Anhängsel der alles dominierenden Londoner Finanz-City? Behalten deutsche Aufsichtsbehörden Zugriff? Welche Kontrolle kann die Europäische Zentralbank nach dem Brexit überhaupt noch ausüben? Diese Fragen hat Schiereck nicht beantwortet. „Das kann ich nicht beurteilen“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Diese Aspekte stehen jedoch im Mittelpunkt des juristischen Gutachtens des Magdeburger Börsenrechtlers Burgard. Und er hat schon klargemacht, wer der große Verlierer der Börsenfusion sein wird: Frankfurt.

Chancen und Risiken werden in den beiden Studien also sehr unterschiedlich bewertet. Wie sagte schon Einstein: „Alles ist relativ.“

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