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BA-Chef Scheele über Langzeitarbeitslose: „Sozialer Arbeitsmarkt sinnvoll“

Mit Detlef Scheele ist ein ausgewiesener Fachmann für die Problemgruppen im Erwerbsleben an die Spitze der Bundesagentur für Arbeit gerückt. Er will vor allem gegen Langzeitarbeitslosigkeit kämpfen. Die Weichen für erfolgreiche Erwerbsbiografien würden schon in Kindheit und Jugend gestellt: „Es gibt kein effektiveres Instrument als frühkindliche Bildung.“ Mit Detlef Scheele sprach unser Wirtschaftsredakteur Thomas Baumgartner.
Kein flächendeckender Fachkräftemangel: Detlef Scheele, neuer Chef der Bundesagentur für Arbeit. Foto: Nicolas Armer (dpa) Kein flächendeckender Fachkräftemangel: Detlef Scheele, neuer Chef der Bundesagentur für Arbeit.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger Weise?

Die Herausforderungen heute sind andere und ich bin von meiner Biografie her sozialpolitischer geprägt: Ich werde bei der Langzeitarbeitslosigkeit genau hinschauen und den erfolgreichen Übergang von der Schule in den Beruf stärker in den Blick nehmen.

Reichen die aktuellen Instrumente für Langzeitarbeitslose aus?

Dem Grunde nach ja. Gut wäre aber zum Beispiel ein Weiterbildungsunterhaltsgeld, das gab es einmal. Und für einen eng definierten, relativ kleinen Kreis wäre ein sozialer Arbeitsmarkt sinnvoll. Es geht um Menschen, die seit vier oder mehr Jahren arbeitslos sind, dazu ohne Berufsabschluss, älter, mit gesundheitlichen Einschränkungen. Vor allem in Familien, wo beide Eltern ohne Beschäftigung sind, sollte man lieber Arbeit als Arbeitslosigkeit finanzieren, auch mit Blick auf die Kinder. Wir müssen die „Vererbung“ der Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit verhindern. Wir sprechen hier von etwa 100 000 bis 200 000 Menschen, denen man im Sinne sozialer Teilhabe eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ermöglichen sollte – nicht nur für neun Monate, sondern länger. Wichtig wäre, dass dabei etwas Ernsthaftes erarbeitet wird, worüber die Betroffenen zu Hause ein bisschen stolz sein können. Das kann man organisieren, aber dafür braucht es mehr Haushaltsmittel in der Grundsicherung

Offenbach liegt im boomenden Rhein-Main-Gebiet, dennoch erreicht die Arbeitslosenquote fast zehn Prozent. Könnte ein solches Instrument der Stadt helfen?

Das wäre sicherlich ein Ort, wo das in Frage käme. Denkbar wäre zum Beispiel eine Kooperation von Jobcenter und Kommune, um Stellen zum Beispiel bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft oder in der Stadtreinigung zu schaffen.

Was wäre der Unterschied zu den ABM in den 90er Jahren?

Damals wurden Leute, die man auch anderswo hätte vermitteln oder weiterbilden können, vom ersten Arbeitsmarkt ferngehalten. Das war ein Fehler.

Gibt es in Deutschland Fachkräftemangel?

Einen flächendeckenden Fachkräftemangel sehen wir im Moment nicht. Aber es gibt Engpässe: zum Beispiel im Pflegebereich, bei technischen Fachkräften und in einigen Handwerksberufen.

An Fachkräften in Ostdeutschland würde doch kein Mangel herrschen, wenn die Löhne höher wären?

Dafür sind wir aber nicht zuständig. Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt, über die Löhne entscheiden die Tarifpartner.

Viele Flüchtlinge tauchen bisher nicht in der Statistik auf, was für Kritik sorgt. Wollen Sie vor der Bundestagswahl einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen durch Zuwanderer vermeiden?

Nein, wir schieben das nicht bewusst über den Wahltag – an den Zahlen zur Unterbeschäftigung kann jeder sehen, wie viele Flüchtlinge in den nächsten Monaten Arbeit suchen werden. Was wir tun können, ist: vermitteln, Transparenz schaffen und hoffen, dass die Situation am Arbeitsmarkt weiter so gut bleibt.

Hunderttausende Flüchtlinge – zum Beispiel jene Afghanen, die nur mit Duldung bleiben dürfen, oder Kosovo-Albaner – bleiben ohne Förderung. Ist das nicht ein Fehler?

Ja. Wenn man sich die Asylbewerber aus dem Kosovo aus früheren Jahren ansieht: Die haben jahrelang in Deutschland nicht gearbeitet, kein Deutsch gelernt, die Kinder sind dennoch ganz normal zur Schule gegangen – sie waren integriert und sollten dann doch zurück. Das ist schwierig. Es handelt sich um ein kontroverses Thema zwischen Innen- und Sozialpolitik. Mein Blickwinkel ist der eines Sozialpolitikers. Ich würde sagen: Zumindest Sprachförderung für diese Menschen wäre vernünftig!

Geht die Förderung von Flüchtlingen zu Lasten deutscher Arbeitsloser?

Nein, wir haben einen riesigen Zuwachs an Arbeitsplätzen. Bei den Arbeitslosen wird jeder von uns entsprechend seinem Bedarf unterstützt. Es gibt keine speziellen Sonderprogramme für Geflüchtete.

Welche Folgen dürfte der Brexit für den Arbeitsmarkt haben?

Das ist gegenwärtig noch nicht abzusehen. Probleme könnte es etwa in der Automobilindustrie mit ihren engen Lieferverflechtungen geben. Man muss abwarten, ob Großbritannien noch von seiner Position abrückt, unbedingt die Hoheit beim Thema Zuwanderung zu behalten. Das wäre die Grundlage für einen Freihandelsvertrag – sonst wird das sehr schwierig …

INFO: Zur Person

Detlef Scheele (60) ist als Nachfolger von Frank-Jürgen Weise seit 1. April dieses Jahres Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg.

clearing
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