Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Das männliche Schaf pumpt

Eine ununterbrochene Versorgung mit Trink- und Brauchwasser geschieht in unserer Zeit meist durch elektrisch oder in besonderen Fällen durch Dieselkraftstoff betriebene Pumpen. Aber auch in abgelegenen Gegenden ist eine Wasserförderung ohne diese Antriebsformen und ohne Menschenkraft möglich – dank einer Erfindung mit Namen Hydraulischer Widder.
<span></span> Bilder >
Dornbirn. 

Was ist ein Hydraulischer Widder? Die Reaktion der meisten Befragten wird in der Regel ein verständnisloser Blick sein oder ein ehrliches „Keine Ahnung“. Selbst die synonymen Begriffe „Stoßheber“ oder „Staudruck-Wasserheber“ werden wahrscheinlich keine große Erklärungshilfe sein – es sei denn, der Befragte ist Ingenieur der Wassertechnik.

In seinem Buch „Vergessene Erfindungen“ hat Christian Mähr sich ausführlich mit dieser aus dem alltäglichen kulturellen Bewusstsein verschwundenen und quasi vergessenen besonderen Wasserpumpe beschäftigt: „Der Hydraulische Widder pumpt eine kleine Menge Wasser auf beträchtliche Höhe, wie das ja im Gebirge der Fall ist, indem er das Gefälle einer großen Menge Wasser nutzt, die eine geringe Höhe herabfließt, was ja bei Gebirgsbächen geschieht.“

Zu seinem Antrieb – das ist das Verblüffende – benötigt der Hydraulische Widder weder elektrischen Strom noch ein Dieselaggregat oder eine sonstige Kraftmaschine. All das macht ihn ideal für eine dezentrale Wasserversorgung einzelner Häuser oder fernab der Elektrizitäts- und Wasserversorgungsnetze liegender Siedlungen. Oft ist es im Gebirge der Fall, wo ein Netzanschluss zu viel Aufwand bedeuten und kosten würde, oder ein Dieselaggregat zu installieren. Almen und Ferienhäuser sind „dankbare“ Abnehmer des „Widder-Wassers“.

Woraus aber besteht der Hydraulische Widder, und weshalb arbeitet diese Pumpe ohne äußere Energiezufuhr? Da ist als Erstes der von einer Quelle oder einem Bach gespeiste Vorratsbehälter als unterer Ausgangspunkt der Pumpanlage. Von ihm führt eine abschüssige Rohrleitung aus Metall oder Kunststoff zu einem waagerechten kürzeren Rohrstück. Es ist das hochdruckbeständige und steife „Wasserschwungrohr“, auch „Wasserschloss“ genannt, und enthält einen Ventilsatz. Er besteht aus einem am Rohrende sitzenden mit einer Feder oder einem Gewicht versehenen Stoß- oder Sperrventil. Es öffnet sich nach unten und lässt so ein Teil des einströmenden Wassers heraussprudeln.

Unkompliziert und


kostengünstig

Das zweite Ventil ist ein Druck- oder Steigventil. Es liegt unter dem auf dem Wasserschwungrohr sitzenden „Windkessel“. Dieser ist ein zylinderförmiger puffernder Druckbehälter mit kugelförmigem Deckel. Von ihm aus führt eine Steigeleitung in größere Höhe (100 Meter und mehr). Zusammen bilden diese Komponenten ein schwingungsfähiges System, das nach einmaligem Anstoß selbstgesteuert weiterschwingt – vorausgesetzt, es gibt ausreichend Nachschub. Der Hydraulische Widder ist also ein Perpetuum mobile der Wasserversorgung, aus allgemein verwendeten Materialien (Metall, Kunststoff) bestehend und ohne komplizierte mechanische Teile – also kostengünstig herzustellen.

Was da nun abläuft, beschreibt Christian Mähr so: „Strömt nun Wasser durch den Apparat, steht das Sperrventil offen, das Wasser sprudelt heraus. Dadurch wird dieses Ventil nach oben gedrückt und schließt schlagartig.“ Der auf diese Weise erzeugte Stoß erinnerte den Erfinder Joseph Montgolfier an einen Widderstoß, weshalb er bei der Patentierung 1797 den Namen „bélier hydraulique“ wählte, der dann ins Deutsche mit „Hydraulischer Widder“ übersetzt wurde.

Die Folge dieses Ventilschließens ist ein massiver Druckanstieg, denn Wasser lässt sich nicht zusammenpressen. „Dadurch wird das Steigventil zum Windkessel nach oben gedrückt, also geöffnet“, fährt Christian Mähr fort. „Nun strömt das Wasser in den Windkessel, wo oberhalb des Wasserspiegels Luft eingeschlossen ist. Die lässt sich komprimieren und treibt so durch ihren Druck das Wasser durch das Steigrohr in die Höhe, wo es dann in einem Auffangbehälter ausfließt. Ist nun der Druck im Wasserkessel groß genug, schließt das Steigventil wieder, und das Sperrventil fällt durch sein Eigengewicht nach unten, öffnet, Wasser strömt heraus, schließt das Ventil gleich darauf; und der Zyklus beginnt von vorn.“

Zwei Anlagen


im Odenwald

Ein Blick in entsprechende Verzeichnisse lässt einen erstaunen, wie viele Hydraulische Widder in Mitteleuropa trotz großflächiger elektrisch betriebener Wasserversorgung existieren. So gibt es in Hessen zwei funktionsfähige dieser Anlagen, nämlich in Hinterbach und Vielbrunn im Odenwald. Für Bayern sind 14 genannt. Sie haben den Status von Exoten. Bekanntestes Beispiel ist die Burg Hohenzollern bei Hechingen. Hier pumpen Hydraulische Widder das Wasser über eine rund 700 Meter lange Steigeleitung etwa 220 Meter in die Höhe.

Anders ist es in Regionen wie im südöstlichen China oder nördlichen Indien und vielen Entwicklungsländern. Dort gibt es nämlich noch zahlreiche abgelegene Dörfer, vor allem in Gebirgsregionen. Hier sind Hydraulische Widder eine wichtige Grundlage des Alltagslebens. Dank ihrer müssen nicht mehr täglich weite und beschwerliche Wege (10 bis 15 Kilometer am Tag) zu den Wasserquellen zurückgelegt werden. Meist ist das die Aufgabe der Frauen und Kinder, die bis zu 15 Kilogramm pro Weg zu schleppen haben. Der Hydraulische Widder erspart ihnen diese Last und ist somit in zweierlei Hinsicht ein Segen.

Christian Mähr „Vergessene Erfindungen – Geniale Ideen und was aus ihnen wurde“, 222 Seiten, DuMont, Köln 2015. 9,99 Euro

Zur Startseite Mehr aus Wissenschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse