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Polarforschung: Von wegen tote Hose, das Leben tobt einfach weiter

Polarnacht. Kalt, dunkel und leblos liegt der Arktische Ozean. Leblos? Mitnichten. Forscher räumen mit der weit verbreiteten Annahme auf, dass die sonnenlosen Wintertage eine Periode ohne jegliche biologische Aktivität sind. „Versteckt hinter dem Schleier der Dunkelheit gibt es eine Welt der Aktivität, Schönheit und ökologischer Bedeutsamkeit“, sagt Jørgen Berge von der Arktischen Universität Norwegens UiT in Tromsø.
Ist Spitzbergen wüst und leer, besonders während der Polarnacht? 	FOTO: MAIKE NICOLAI/GEOMAR/DPA Foto: Maike Nicolai/Geomar Ist Spitzbergen wüst und leer, besonders während der Polarnacht? FOTO: MAIKE NICOLAI/GEOMAR/DPA
Spitzbergen. 

Auf die Idee, dem Leben in der Polarnacht genauer nachzuspüren, seien sie durch eine besondere Begegnung bei einer Bootsfahrt auf einem der Fjorde der Spitzbergen-Inselgruppe auf halber Strecke zwischen Norwegen und dem Nordpol gekommen, erläutert Jørgen Berge. „Über uns lag eine sternenklare kalte Winternacht und unter uns funkelten zahllose blau-grüne Sterne in der Tiefe, zurückgehend auf die Biolumineszenz von Organismen.“ Atemberaubend schön sei dieser Anblick gewesen – und ein starker Hinweis darauf, dass das Leben im Arktischen Ozean in den Polarnachtmonaten keineswegs im Ruhemodus verharrt.

In drei aufeinanderfolgenden Wintern erforschte das Team von Meeresbiologen, zu dem auch Clara Hoppe vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven gehörte, das Leben im Kongsfjord im Nordwesten der Insel Spitzbergen. Sie hätten geschäftiges Treiben im Dauerdunkel vorgefunden, schreiben die Forscher im Fachjournal „Current Biology“. Diversität und Paarungsaktivität seien bei einigen Arten sogar größer gewesen als zu anderen Jahreszeiten.

Nahezu zum Erliegen kommt demnach zwar die auf der Nutzung von Sonnenenergie beruhende Primärproduktion etwa von Algen. Ruderfußkrebse und anderes Zooplankton aber vermehren sich auch während der Polarnacht, Isländische Kammmuscheln (Chlamys islandica) wachsen unvermindert weiter. Männchen der kleinen Calanus-Krebse wurden sogar weit häufiger gefunden als in der hellen Zeit des Jahres, Weibchen trugen oft Samenpakete. Mit Ködern bestückte Kamerafallen zeigten eine ebenso üppige wie aktive Gemeinschaft von Aasfressern des Flachwassers – Wellhornschnecken zum Beispiel, Flohkrebse und Krabben. Die größte Überraschung aber seien die Seevögel gewesen, so Berge in einer Mitteilung zur Studie. „Nicht nur, dass sie überhaupt noch da sind, sie sind auch noch in der Lage, ihre bevorzugte Nahrung in völliger Dunkelheit zu finden.“ Noch sei unklar, wie den Tieren dies gelinge und wie üblich es unter Seevögeln dieser Breiten sei, in der Polarnacht auszuharren. Ein großer Teil der am Kongsfjord lebenden Dreizehen- und Eismöwen, Krabbentaucher, Gryllteisten, Dickschnabellummen und Eissturmvögel verließen die Region in den Wintermonaten.

 

Wie findet

 

der Jäger Beute?

 

Zumindest einige der Beutetiere seien biolumineszent, könnten von den Vögeln also anhand ihres Leuchtens aufgespürt werden, schreiben die Forscher. Auch akustische Hinweise oder ein Ertasten seien für einige Arten denkbar. Volle Mägen wurden bei der Analyse auch bei Fischen wie Polardorsch, Schellfisch und Kabeljau gefunden. Auch hier stelle sich die Frage, wie solche auf Sicht jagenden Tiere in völliger Dunkelheit an ihre Beute gelangen.

Der Kongsfjord sei in den Wintern seit 2006 fast durchgängig eisfrei gewesen, schreiben die Forscher. In den berücksichtigten Polarnächten von 2013 bis 2015 habe die Wassertemperatur zwei bis drei Grad höher gelegen als in den beiden Wintern davor. Damit biete die Analyse gute Hinweise auf die zu erwartende Situation im Zuge des Klimawandels für diese Breiten. Die Abweichungen bei der Eisbedeckung und Temperatur könnten zudem ein Grund dafür sein, dass andere Studien zuvor für einige der erforschten Arten geringere Populationsdichten während der Polarnacht ergaben.

Spitzbergen beherbergt sehr große Vogelkolonien, zudem gibt es Svalbard-Rentiere, Eisbären, Polarfüchse und Mäuse. Mehr als die Hälfte der Landmasse ist von Gletschern bedeckt. Die Küsten der Inseln sind zerklüftet, es gibt zahlreiche Fjorde. Weil ein Ausläufer des Golfstromes an der Westküste entlangströmt, sind die Winter trotz der nördlichen Lage recht mild, die Fjorde frieren nur zeitweise zu. Die Polarnacht dauert im Nordwesten Spitzbergens 117 Tage zwischen Oktober bis Februar, für Monate bleibt die Sonne deutlich unter dem Horizont – es gibt dann nicht einmal eine Dämmerung.

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