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Erfindung: Warum die Natronlok nicht fährt

Mit Erfindungen ist es wie beim Menschen: Sie werden geboren und haben ihre Zeit, in der sie durch ihr Wirken die Gesellschaft verändern. Ist ihre Zeit abgelaufen, landen die Prototypen als Exponate im Museum, um dort bestaunt zu werden. Manche dieser Novitäten werden auch vergessen. Die Natronlok ist ein solches Beispiel.
Nichts qualmt, weil diese Lokomotiven nur geparkt sind. Es gibt jedoch eine Erfindung, die Lokomotiven auch ganz ohne Qualm fortbewegt hätte – die Natronlokomotive. Sie gehört heute jedoch zu den sogenannten vergessenen Erfindungen.	FOTO: DPA Bilder > Foto: Ole Spata (dpa) Nichts qualmt, weil diese Lokomotiven nur geparkt sind. Es gibt jedoch eine Erfindung, die Lokomotiven auch ganz ohne Qualm fortbewegt hätte – die Natronlokomotive. Sie gehört heute jedoch zu den sogenannten vergessenen Erfindungen. FOTO: DPA
Dornbirn. 

Wörtlich zum Zuge kam sie nie richtig, obwohl sie beim Publikum ihrer Zeit (den 1880er Jahren) gut gelitten war, und mit den Worten gelobt wurde: „Die Bewegung der Maschine war eine so ruhige und gleichmäßige, dass die Passagiere gern mit derselben fuhren.“ Damit unterschied sich die „Feuerlose Natron Locomotive“ nicht nur von den meist durch Pferde gezogenen privaten und öffentlichen Verkehrsmitteln ihrer Zeit. Sie machte im Gegensatz zu den Bolle’schen Dampfdroschken auch nicht die Pferde scheu.

Während die Erfindung der durch Kohlenfeuer getriebenen Dampfspeicherlokomotive und der durch elektrischen Strom bewegten Fahrzeuge im Gedächtnis der Allgemeinheit haften geblieben ist, taucht die Natronlok zum letzten Mal publizistisch 1905 auf. Dann aber verschwindet sie, um vergessen zu werden. Und nicht nur sie: Es gibt zahlreiche geniale Ideen, die zu „vergessenen Erfindungen“ wurden – so der Titel eines Buchs von Christian Mähr. „Der Grund dafür ist bis heute nicht geklärt“, sagt Mähr. „Außer einem kryptischen Hinweis auf Materialprobleme findet sich nichts Stichhaltiges, was dieses Schicksal rechtfertigen könnte“ – zumal es bei der Materialentwicklung nie größere Fortschritte als im 20. Jahrhundert gegeben hat. „Mit neuen Werkstoffen hätte man die Natronlok wieder aufleben lassen können.“

Dabei fußte die von dem Chemiker, Ingenieur und Fabrikanten Moritz Honigmann 1883 entwickelte Natronlok auf einem originellen technischen Konzept: „Die Natronlok ist im Prinzip eine Dampflok – nur dass unter dem Kessel kein Feuer brennt“, erklärt Mähr. „Das Wasser wird viel mehr dadurch heiß gemacht, indem es in einem Wärmetauscher in Kontakt mit heißer Natronlauge kommt. Das ist in Wasser aufgelöstes sehr konzentriertes Natronhydroxid.“

Deshalb besteht die Natronlok aus zwei Kesseln: einem oberen mit gewöhnlichem Wasser und einem unteren mit hoch konzentrierter heißer Natronlauge. Vom oberen Kessel ragten Siederohre in die Lauge, die an ihrem unteren Ende verschlossen waren. „Der sich entwickelnde Dampf betreibt den Kolben; und der Abdampf wird jetzt nicht durch einen Schornstein ausgestoßen, sondern durch ein Rohr in die Natronlauge unter die Flüssigkeitsoberfläche hineingeleitet.“

Jetzt aber geschieht etwas Seltsames: „Obwohl die Temperatur des Dampfes nur noch 100 Grad beträgt, weil er ja seine Arbeit abgegeben hat, kondensiert er in der 170 Grad heißen Flüssigkeit komplett“, fährt Mähr fort. „Dabei wird nicht nur Kondensationswärme, sondern auch eine Verdünnungswärme frei, weil die Konzentration der Lauge sinkt. Wenn man in konzentrierte Natronlauge normales Wasser hineingießt, wird sie unheimlich heiß. So wird neues Wasser verdampft und so weiter.“

Fünf Stunden fahrt

Das alles klingt nach Perpetuum mobile. Doch der Schein trügt, denn „weil der Abdampf dauernd in die Natronlauge kommt, verdünnt sie sich ständig, und damit sinkt auch der Siedepunkt. Bei 100 Grad ist die Natronlauge so heiß wie der Abdampf. Es kann kein Wasser mehr aufgenommen werden, und die Lok bleibt stehen.“

Das ist allerdings erst nach vier bis fünf Stunden der Fall. Dann allerdings mussten Stationen vorhanden sein, an denen die Natronlauge abgelassen und wieder auf hohe Konzentration eingedampft wurde. „Die Dampferzeugung und die Fahrt wurden voneinander getrennt.“ Damit war dieses Antriebsfahrzeug nicht für Fernfahrten geeignet und auch gar nicht gedacht.

Aber im Nahverkehr und auf Werksgeländen feuer- und rauchlos zu fahren, war von nicht unerheblichem Vorteil. „Das galt besonders für den Transport in Kohlegruben, wo außer des beschränkten Raumes immer die Gefahr von Schlagwetterexplosionen bestand.“ Zur damaligen Zeit wäre die Natronlok eine wirkliche Alternative gewesen, denn die Entwicklung der Elektrolok war noch nicht soweit gediehen, trug aber den Sieg davon. Bis dahin hätte man die Natronlok als Übergang durchaus einsetzen können; und das viel kritisierte korrodierende Kesselmaterial hätte sich entsprechend ersetzen lassen.

Außerdem hätte sich das Honigmann-Speicherverfahren heute als Depot solarer Energie entwickeln lassen – auch das ist nicht geschehen. So bleibt nur eine einzige Erklärung für das „Intermezzo Natronlok“ – die gewöhnliche, fast immer zutreffende und peinliche: „Wenn einer was erfunden hat, gibt es ein halbes Dutzend prinzipienfester Anwälte des Hergebrachten“, lautet Christian Mährs Fazit. „Sie beweisen auf dem Papier haarklein, warum eine Erfindung nicht funktionieren kann, oder wenn, sie dann keinerlei Vorteil bringt, zumal wenn sie von den Sekundäreinrichtungen als zu teuer erscheint.“

Christian Mähr: „Vergessene Erfindungen – Geniale Ideen und was aus ihnen wurde“, 222 Seiten, DuMont 2015. Preis 7,99 Euro

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