Die Titelseite der Bad Vilbeler Neue Presse vom 26.05.2012 als PDF zum Downloaden.
71. Folge Sein Gedanke in Mich...
![]()
71. Folge
Sein Gedanke in Michaels Wort und Mund, die eigene Neugier auf den Lippen des anderen. Die Brust brannte. Sein Mund war sandig, den eigenen, seltenen Herzschlag im Ohr, das auf Stein lag, den Kopf reglos, wälzte er mit der Zunge einen kleinen Steinbrocken hinaus. Irgendwoher, von allen ersehnt, / Entzündet ein Funke das Schattengebild. / Das Leuchten steigt auf, greift um sich, –. Durst quälte ihn. So sehr, dass die Finsternis sank. Er versuchte seine Zehen zu bewegen und ließ nicht nach, ehe das Kribbeln in den Waden und Beinen zeigte, wie lebendig er war, langsam atmete er, wenig.
Hatte er nicht recht gehabt, der Mann? Alle naselang kleine harmlose Sprengungen, hier passierte nichts. Wenn er hier liegen bleiben würde, könnten wohl Wochen vergehen, ohne dass einer auf die Idee käme, ihn zu suchen. Wie lange lag er schon da? Maßloser Durst. Unter sich, am Bauch, nahe dem brennenden Schmerz, dort spürte er Feuchtes, am Nabel, am Rippenbogen. Er hatte nicht in die Hosen gepinkelt, das sicher nicht. Als er den Arm rühren konnte, schob er ihn unter den Leib, spürte die Feuchtigkeit und fühlte die Feldflasche, deren Inhalt sich aus unerfindlichen Gründen zwischen ihn und den Stein ergossen hatte. Sei tapfer, hatte das nicht seine Mutter gesagt, als sie sein Zögern bemerkt hatte, sein Verzagen schon befürchtet, ehe er scheitern konnte? Der einzige Trotz gegen Kälte und Finsternis war Bewegung. Jetzt wackelte er mit den Zehen und spannte die Beine, ruckelte sie vor und zurück, bis das Kribbeln sanfter wurde. Der Arbeitsanzug rieb an seiner Haut, die brennenden Schmerzen zogen sich von der Brust seitlich unter den Arm, kein Vorwärts ohne Schmerz, und Schmerz selbst in Stille. Thomas hielt inne, wartete reglos, er lauschte auf Geräusche, fernes Pollern. Stimmen hörte er keine. Es musste längst Feierabend sein. Freitagabend, da war mancher Lehrling nach Hause gefahren. Und wessen Zuhause zu weit war, wessen Geld zu knapp, den zog es zur Wasserburg, zum geheimen Treffpunkt zwischen den Dünen. Thomas wollte keine Spaziergänge machen, ihn zog nichts zur Wasserburg, eher fürchtete er ihre Bewohnerinnen. Auf keinen Fall wollte er zwischen den regennassen Dünen auf Männer und Mädchen stoßen.
Er verbrachte das Wochenende in der Baracke und hoffte, dass die Jungen, wenn sie zurückkehren würden, die Mutprobe und den ausstehenden Köpper in den flachen See vergessen hätten.
Dichten
Mit dem Rücken lehnte Ella am Ofen. Sie trug zwei Hosen übereinander, eine lange Unterhose, zwei Paar wollene Socken und eine Strickjacke über dem Pullover. Die Zeit, in der sie Trockenheit fürchtete, war vorbei. Das Thermometer zeigte eine Raumtemperatur von fünfzehn Grad, es würde wohl noch weiter steigen. Vor ihrer Abreise hatte Käthe im Keller den Hahn zugedreht und die Tür verschlossen. Den Schlüssel musste sie mitgenommen haben, zumindest hatte Ella ihn nirgends finden können. Käthe verdächtigte Ella, hinter ihrem Rücken Heizöl zu verschwenden. Den Koffer in der Hand und die Pilotenmütze auf dem Kopf, hatte Käthe gesagt, wenn es Ella wirklich zu kalt werde, solle sie einen der beiden Öfen heizen. Es war zu kalt, schon seit einigen Tagen. Aber auch den Schlüssel für den Kohlenkeller hatte Käthe offenbar versteckt, er war unauffindbar. Eine Woche nach ihrer Abreise hatte Ella einen Brief an die Leuna-Werke Walter Ulbricht geschrieben, mit der Bitte, dass Käthe ihr schreiben oder sie anrufen möge, um ihr zu sagen, wo der Schlüssel sei. Aber es gab noch keine Antwort, die Post konnte eine Woche dauern. Vielleicht wurde sie vom Betriebsdirektor geöffnet, ehe man sie weiterleitete? Vielleicht wollte Käthe den Brief schlicht nicht beantworten. Bitt- und Bettelbriefe verabscheute Käthe. Sie hielt Ella nicht nur für eine Schmarotzerin, sondern für eine Diebin. Gewiss konnte die Bitte um den Kohlenschlüssel anmaßend erscheinen. Es war nicht einfach, sie ausreichend achtungsvoll und dabei so beiläufig wie nur möglich zu formulieren.
Noch einige Tage hatte es gedauert, bis Ella sich getraut hatte, hinüber zum Haus von Michaels Familie zu gehen. Ella hatte gefroren und war tagelang nicht aus dem Bett gekrochen. Sie hatte eine Mütze aufgesetzt, einen Schal umgebunden, heißen Tee und Brühe getrunken, und seit beides alle war, hatte sie über den Tag nur noch heißes Wasser getrunken. Irgendwann reichte es. Sie zog mehrere Hosen an, schaute auf das Thermometer, das minus neun Grad anzeigte, und nahm sich einen dicken Wollmantel aus Käthes Schrank. Es schneite langsam, wie in Zeitlupe, feine Flocken segelten in die Dämmerung. Vor dem Haus blieb sie stehen. Unter der Wohnung von Michaels Familie befand sich eine Fleischerei, die Rollläden waren herabgelassen. Aus der kleinen Lüftung neben dem Lieferanteneingang dampfte es, salzig roch es, nach Räucherfleisch.
Fortsetzung folgt
© S. Fischer Verlag, Frankfurt
Bereichern Sie Ihr Wissen über das Christentum - lernen Sie in unsere Serie alles über die Religion. Von A wie Abel bis Z wie Zölibat.
Bereichern Sie Ihr Wissen über die große Weltreligion - lesen Sie unsere Serie! Hier zum Herunterladen als PDF-Sammlung.
Welt der Bücher: Ausführliche Datenbank mit Buch-Besprechungen. Kostenlos.

Folge uns unter