Wieso Bürgerschreck?

Drei Ausstellungen in Berlin und Dresden würdigen Gerhard Richter zum 80. Geburtstag

Der in Köln lebende Maler hat den "Schein" zu seinem Lebensthema erklärt. Als Vorlagen für seine Gemälde nimmt er Fotografien.

Von Veit-Mario Thiede

Im Jahr 1982 malte Gerhard Richter mehrere "Kerzen"-Bilder. Ihr mattes Licht steht für das Thema "Schein" in der Arbeit des Künstlers.Gerhard Richter bekennt: "Ich wollte zu keiner Zeit ein unverstandener Künstler sein, ein Außenseiter, ein Bürgerschreck. Ich bin mehr fürs Akzeptiertwerden." Das hat er glänzend hinbekommen. Er ist der Liebling aller Kunstfreunde. Privatsammler und Museen reißen sich um seine Werke. Staat und Kirche beehren ihn mit prestigeträchtigen Aufträgen. So strahlt im Kölner Dom ein von ihm entworfenes Kirchenfenster. Und im Berliner Reichstagsgebäude empfängt den Besucher Richters 20 Meter hohes Werk "Schwarz – Rot – Gold". Die Wirtschaftszeitschrift "Manager Magazin" bezeichnete ihn kürzlich in ihrem "Kunstkompass" als "bedeutendsten lebenden Künstler der Welt". Davon stimmt immerhin soviel, dass Richter derzeit bei Versteigerungen der höchstgehandelte deutsche Maler der Gegenwart ist. Zu seinem 80. Geburtstag präsentieren große Ausstellungen in Dresden und Berlin sein Schaffen.

Unscharfe Wirklichkeit

Richter wurde in Dresden geboren. Er floh 1961 in den Westen und ließ sich zunächst in Düsseldorf nieder. Heute wohnt er in Köln-Hahnfeld. Seinen künstlerischen Durchbruch verzeichnete er 1962 mit Gemälden, die er nach Fotovorlagen malte: "Als ich die ersten Fotos abmalte, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, etwas Besonderes und vor allem Eigenes zu machen." Die Bilder nach Vorbildern, die er in Zeitungen, Zeitschriften und im Familienalbum fand oder selbst fotografiert hatte, verblüffen durch ihre Unschärfe. Richter: "Ich kann über Wirklichkeit nichts Deutlicheres sagen als mein Verhältnis zu Wirklichkeit, und das hat etwas zu tun mit Unschärfe, Unsicherheit, Flüchtigkeit, Teilweisigkeit oder was immer."

Abstrakte Gefühle

Neben den Fotobildern fertigt Gerhard Richter auch abstrakte Gemälde: monochrom in Grau, aus rechteckigen Farbfeldern zusammengesetzt oder unregelmäßig und vielschichtig farbenprächtig in einer Kombination aus Berechnung, Spontanität und Zufall über die Leinwand gezogen. Der Maler spricht ihnen Gefühle zu: einige seien müde oder melancholisch, andere ausgelassen und heiter. Und eigentlich seien sie nicht wirklich abstrakt: "Die Bilder leben doch von dem Wunsch, etwas darin erkennen zu wollen. Sie zeigen an jeder Stelle Ähnlichkeiten mit realen Erscheinungen, die sich dann aber nicht richtig einlösen."

Höchste Marktpreise

Die enorme maltechnische und motivische Vielfalt von Richters Schaffen kann man von Sonntag an in der Neuen Nationalgalerie Berlin erleben. Dort sind 140 Werke aufgeboten, neben abstrakten Arbeiten auch Landschaften und Stillleben mit Totenschädel oder brennender Kerze. Als Richter seine "Kerzen"-Bilder 1982 zu Preisen zwischen 16 000 und 24 000 Deutsche Mark anbot, fanden sie keine Abnehmer. Heute aber sind sie sehr gefragt. Eines wurde kürzlich auf einer Auktion für fast 12 Millionen Euro verkauft.

Die Neue Nationalgalerie zeigt auch "Ema (Akt auf einer Treppe)", das 1966 entstandene Bild von Richters damaliger erster Ehefrau. Außerdem kündigt Kuratorin Dorothee Brill "Überraschendes und seltener zu Sehendes" an. Der umstrittene Zyklus "18. Oktober 1977" aus dem Jahr 1988, der die Selbstmorde der inhaftierten RAF-Mitglieder thematisiert, ist zur gleichen Zeit im Schinkelsaal der Alten Nationalgalerie ausgestellt.

In Richters Schaffen spielt der so genannte "Atlas" eine zentrale Rolle. "Er ist sowohl Grundlage des malerischen Schaffens als ein eigenständiges Werk", wie Dietmar Elger erklärt. Elger hat eine aufschlussreiche Biografie über Richter verfasst, bearbeitet dessen auf sechs Bände angelegtes Werkverzeichnis der Bilder und Skulpturen und leitet das in Dresden ansässige Gerhard- Richter-Archiv. Den im Besitz des Münchner Lenbachhauses befindlichen "Atlas", der noch immer von Richter erweitert wird, hat Elger zu einer Ausstellung nach Dresden geholt. Die 783 Tafeln versammeln geschätzte 8000 bis 15 000 thematisch oder motivisch geordnete Abbildungen aus den Printmedien oder aus Richters Fotoalbum. Er hat die Aufnahmen bei Ausflügen und Urlaubsreisen gemacht. Zusammen mit Skizzen von Ausstellungsinstallationen ist der "Atlas" in der Kunsthalle im Dresdner Lipsiusbau ausgestellt. Zum "Atlas" gesellt sich ein Monumentalgemälde: Der "Strich (auf Rot)" aus dem Jahr 1980 bringt es bei einer Höhe von 190 Zentimetern auf eine Länge von 20 Metern. Als Gegenstück zum "Strich (auf Rot)" gibt es den "Strich (auf Blau)". Die beiden Werke entstanden nach Ölskizzen, die Richter fotografierte und stark vergrößert abmalte: "Noch nie hat mir eine Arbeit derart viel Mühe und Zeit abverlangt wie die Striche – fast ein Jahr ist draufgegangen."

Im Lipsiusbau stellt sich auch das Gerhard-Richter-Archiv vor. Es sammelt alle Bücher, Kataloge, Zeitschriften, Zeitungsartikel, Fotos, Videos und CDs über Richter. Zu den Dresdner Ausstellungsstücken gehört die "Neue Illustrierte" vom 15. Dezember 1963. Aufgeschlagen ist die Seite mit dem Foto einer Sekretärin. Laut Bildunterschrift war sie die Geliebte eines Anwalts, der ihretwegen seine Frau umbringen ließ. Das Illustriertenfoto der Sekretärin findet sich auch im "Atlas". Richter hat es zwecks maßstabsgerechter Übertragung auf Leinwand mit einem Bleistiftraster versehen. Das ausgeführte Gemälde "Sekretärin" (1963) befindet sich ganz in der Nähe, im Albertinum gegenüber dem Lipsiusbau.

Bilder hinter Glas

Dort bilden die zwei vom Künstler eingerichteten "Richter-Räume" seine umfangreichste museale Dauerausstellung. Der eine Raum beherbergt 14 Gemälde, der andere Glasarbeiten, darunter die 42 Hinterglasbilder der Serie "Aladin" (2010). Die abstrakten Farbverläufe wirken wie bunt leuchtende Felsformationen. Wie sagte Richter doch? "Illusion – besser Anschein, Schein ist mein Lebensthema."

"Atlas": Kunsthalle im Lipsiusbau, Georg-Treu-Platz 2, Dresden. Bis 22. April, täglich außer montags 10–18 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (0351) 49 14 20 00. Internet http://www.skd.museum. Richter-Räume in der Gemäldegalerie Neue Meister, Albertinum, Brühlsche Terrasse, Dresden. Täglich außer montags 10–18 Uhr. Telefon (0351) 49 14 714. Internet http://www.skd.museum. Gerhard-Richter-Archiv im Albertinum: Besuch nach telefonischer Anmeldung unter (0351) 49 14 77 70.

"Panorama": Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Berlin. 12. Februar bis 13. Mai, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr. Eintritt 8 Euro. Telefon (030) 26 62 651. Internet http://www.gerhardrichterinberlin.org

"Gerhard Richter, 18. Oktober 1977": Alte Nationalgalerie, 12. Februar bis 13. Mai, Di, Mi, Fr, Sa, So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr. Eintritt 8 Euro. Telefon (030) 29 05 801. Internet http://www.smb.spk-berlin.de

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