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Der letzte Impresario
Michael Hocks wird an diesem Wochenende in den sogenannten Ruhestand verabschiedet – ein weiteres Mal. Denn dem Herrn der Alten Oper in Frankfurt wird schon seit dem vergangenen Herbst ein langer Abschied bereitet, mit vielen Reden, Würdigungen und Konzert-Beiträgen. Wer ist dieser Michael Hocks? Versuch einer Annäherung.
Von Rainer M. Gefeller
Frankfurt. ![]()
Michael Hocks, fotografiert bei einem seiner Rundgänge durch die Alte Oper. Foto: Rainer Rüffer Samstagnachmittag. Hocks sitzt, leicht nach vorne gebeugt, im Schatten eines roten Vorhangs. Dieser Platz hier ist sein Beobachterposten, Loge 1 im Großen Saal der Alten Oper. Die hat er sich eigens aus einer Dolmetscher-Kabine herrichten lassen, wie einen Hochsitz über den Akteuren da unten. Nach links geht sein Blick auf die Bühne, die er bereitet hat; nach rechts blickt er herab auf die Zuschauer. "Sehen Sie, gut gefüllt", flüstert er, für einen Moment blitzt seine Geschäftstüchtigkeit auf. Jahr für Jahr haben weit über 400 000 Menschen seine Veranstaltungen besucht, das ist schon fast so etwas wie eine Volksabstimmung über das Kultur-Konzept des Michael Hocks. Unten auf der Bühne tanzt und lärmt an diesem Nachmittag eine "Michael-Jackson-Show". Einige wenige Minuten schaut Hocks hinunter; er wirkt befremdet. Dann zieht sich der Beobachter in Loge 1 zurück. Um ihn zu fesseln, braucht die Musik schon anderes Kaliber. "Es geht ja nicht um meinen Geschmack", sagt er. Schon klar. Denn die Zielmarke des Michael Hocks heißt: Erfolg.
Ein Sammler und Jäger
Dafür arbeitet er selbst dann, wenn er eigentlich privat sein könnte. Von seiner Wohnung am Opernplatz blickt er auf seine Arbeitsstätte, der Opernplatz selbst muss sich seiner ständigen Kontrolle unterziehen. Hängt da ein geschmackloses Plakat? Weg damit. Wird die Ästhetik des Platzes durch einen Rummelplatz beschädigt? Weg damit. Immer ungeduldig, immer besorgt, immer korrekt und von unnachgiebigem Qualitätsanspruch – so ist er, der Herr Hocks: "Ich bin nie zufrieden mit dem, was erreicht wurde."
Wir sitzen in seiner Wohnung an einem Tisch, von klassischen Möbeln umzingelt; Gemütlichkeit im bürgerlichen Sinne lässt er dort nicht aufkommen, eher eine Art werthaltiger Kühle. Im Vorraum hängen Bilder wie in einer Ausstellung, jedes von ihnen hat er mit detektivischem Spürsinn in Südfrankreich oder sonst wo aufgetrieben, hat die Geschichten ihrer Entstehung und ihrer Bedeutung ermittelt – ein Sammler und Jäger, der seine Beute an die Wand nagelt. In einem weiteren Wohnraum ein kleiner Schreibtisch. Er blickt auf Akten und gerahmte Fotos; einige zeigen seine beeindruckend schöne Mutter.
Er erzählt, was er so oder ähnlich schon vielen Journalisten erzählt hat. Mit neun oder zehn habe er Klavier zu spielen begonnen, "durchaus achtbar"; für ihn wäre aber schon damals allenfalls die Aufgabe des Dirigenten in Frage gekommen. Mit 12 hat er seinen ersten Plattenspieler, mit 14 verkündet er seinem Vater auf einer Autofahrt: "Ich werde Impresario". Den Vater, einen Chefarzt im Westfälischen, wundert das nicht weiter – seine Kinder werden nicht nur musikalisch gefördert, sondern auch darin, groß zu denken und Großes anzustreben. Wir sind in den frühen 50er Jahren.
Die Mutter entstammt einer russischen Emigrantenfamilie. Sie hat sich in Nizza von südfranzösischer Lebensart infizieren lassen, und das prägt bald auch die übrigen Hocks. Der Vater ließ sich nicht nur den Schneider, sondern auch den Friseur ins Haus kommen – "etwas übertrieben" fand das der Sohn Michael. Aber auch ihn nannte man den "englischen Edelmann", weil er schon in der Schule eine Vorliebe für Anzüge, Krawatten und feines Schuhwerk pflegte. Und er entwickelte eine frühe Gnadenlosigkeit in Ernährungsfragen. Weil die Internatsküche zum Frühstück nur Haferflocken servierte, schützte er eine Magenkrankheit vor – und erkämpfte sich so immerhin seinen morgendlichen Toast.
Gern ein Mann in der Kulisse
Die Musik und die Kunst. Der Wille zum Erfolg. Das Essen. Das alles macht den Hocks aus – aber das Fundament von allem ist die Liebe zur klassischen Musik. Einigen Tausend Konzerten hat Hocks schon beigewohnt, als Student in München verdingte er sich als Logenschließer im Cuvilliés-Theater, um sich (verbotenerweise) einen Zuhörerplatz zu erschleichen. "Ich bewundere die Künstler", sagt er – sie spielen in seiner Welt die Königsrolle.
Schon als Manager in einer Künstler-Agentur stellte er sich bedingungslos in ihren Dienst. Christoph Eschenbach, der große Pianist und Dirigent, erzählt: "Er war rund um die Uhr für mich da." Anfang der 70er war das, Eschenbach jettete rund um den Globus, von Erfolg zu Erfolg. "Manchmal fühlt man sich da einsam, man braucht einen Gesprächspartner. Und Hocks war immer da, ich konnte ihn immer anrufen – er hörte zu und er verstand es, mir Ruhe zu schenken."
Musik ist seine größte Leidenschaft – aber Künstler wollte Hocks niemals werden. "Ich könnte das nervlich nicht aushalten, dieses ständige Auftreten, dieses von Ort zu Ort ziehen, dieser Druck, dieser Zwang zur Höchstleistung." Nein, sagt er, "ich bin bewusst und gern der Mann in der Kulisse". Einer, der noch rückhaltlos bewundern kann – und ein sehr persönliches Verhältnis zu den Musikern pflegt.
Elf Jahre lang hat er die Jahrhunderthalle in Höchst als Intendant geleitet und zu einer viel beachteten Konzertbühne entwickelt; seit 1998 ist er Chef der Alten Oper und hat aus der einstigen Weltkriegsruine einen Welt-Schauplatz geschaffen, eine Bühne von internationalem Rang.
Abbado, Brendel, Solti, Rattle, Masur, Maazel, Barenboim, Thielemann und natürlich Eschenbach, die Wiener, die New Yorker und die Berliner Philharmoniker – sie alle sind hier aufgetreten. Nicht nur, weil das Frankfurter Haus eine erste Adresse geworden ist, sondern vor allem, weil der Chef sie einlud.
"Kurz vor dem Konzert", sagt Eschenbach, "kommt Hocks noch zu dir, und er strahlt eine solche Glücklichkeit aus, dass man selbst noch einmal aufgeladen wird." Das ist wohl mehr, als man mit noch so schlauem Management erreichen kann. Weshalb Michael Hocks zu Recht den hierzulande aus der Mode geratenen Titel des Impresario tragen muss – Kümmerer, Zeremonienmeister, Kulturmanager in einer Person; einer der Letzten dieser Art.
Despot in Geschmacksfragen
2007 wurde Hocks, der anderen und sich selbst ungern Ruhe gönnt, von mehreren Hörstürzen heimgesucht. "Das hätte das Ende sein können", sagt er nüchtern. Noch schlimmer für ihn: Das hätte das Ende des Hörens sein können. Das rechte Ohr ist taub seither, "das linke muss das ausgleichen". Ein Segen, dass ihm die Musik nicht abhandengekommen ist. Man darf bezweifeln, dass seine beiden anderen Leidenschaften – die Kunst und die Kulinarik – den Verlust hätten ausgleichen können.
"Hocks ist, im besten Sinne, ein Hedonist", sagt Eschenbach. Aber manchmal erscheint er den Begleitern wie eine Art Leistungs-Gourmet. Zu viele Salatblätter auf dem Teller, das als raffiniert angekündigte Süppchen zu fad, der Wein eine Winzigkeit von der Idealtemperatur entfernt – hinfort damit; Hocks quält Wirte und Kellner unnachgiebig mit seinen Ansprüchen. Kein einfacher Gast, aber ein schrankenlos besorgter Gastgeber. Mancher Restaurantbesitzer soll von der Furcht befallen sein, Hocks könnte sich künftig als Gastro-Kritiker verdingen – wahrscheinlich müsste der gesamte Gault Millau neu geschrieben werden.
"Sind Sie ein Geschmacks-Despot?" frage ich ihn. Er zuckt ein wenig zurück, Despot ist schließlich niemand gern – aber dann räumt er ein, dass er schon penibel, streng und fordernd sei bei allem, mit der Musik, im Beruf, mit der Kunst. Und beim Essen. Also ja, ein Despot in Geschmacksfragen, das sei doch nicht gänzlich unpassend.
Ruhestand im Rheingau?
Auf seinem Handy, einem iPhone, hat er Bilder von seinem nicht wirklich bescheidenen Landsitz im Rheingau. Da soll alles ganz anders werden. "Ich liebe es, wenn es wild ist. Wenn alles durcheinander wächst, alles muss ungeordnet sein." Es ist tatsächlich unser durchorganisierter, ordnungsliebender Michael Hocks, der hier spricht; er spricht von seinem Garten. "Können Sie sich vorstellen", frage ich Christoph Eschenbach, "dass der Herr Hocks im Ruhestand vor seinem Häuschen sitzt und nur noch auf den Rhein blickt?" Da lacht der große Dirigent einfach los, nein, sagt er, dass könne er sich überhaupt nicht vorstellen. "Der Herr Hocks wird ganz bestimmt seinem Gestaltungswillen unterliegen."
Das ahnen viele in der Region; es ist ein beliebtes Ratespiel: Was macht der Hocks in Zukunft? Sein Blick wird listig, seine Antworten werden nichtssagend. Der Mann ist 68. Es ist zu bezweifeln, dass er dem Wort "Ruhestand" irgendetwas abgewinnen kann. Auch deshalb wird das kaum der letzte Abschieds-Akkord gewesen sein, den die hiesige Gesellschaft morgen zu hören bekommt.



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