Die Titelseite der Bad Vilbeler Neue Presse vom 26.05.2012 als PDF zum Downloaden.
«Irgendwas bleibt immer»
Frank Allcroft ist Fernsehmoderator bei einem Lokalsender in Birmingham und regelrecht berühmt für seine schlechten Witze. Die altbackenen Einzeiler denkt er sich nicht etwa selbst aus, sondern kauft sie beim ältlichen Autor Cyril Wilks, der schon für Franks Vorgänger und Mentor Phil Smethway schrieb – aber nicht wegen der Qualität der schalen Kalauer, sondern aus einem Gefühl der Loyalität. Denn das ist einer der Grundzüge Franks: Er fühlt sich verantwortlich, Vergangenes zu bewahren und Erinnerungen wachzuhalten.
Gestern, heute, morgen
Damit steht er in direktem Gegensatz zu seinem verstorbenen Vater, einem berühmten Architekten, der Zeit seines Lebens danach strebte, die Zukunft zu gestalten. Diese Eigenschaft unterscheidet Frank auch ganz eindeutig von Phil, der bis zu seinem etwas merkwürdigen Unfalltod vor wenigen Monaten stets versucht hat, sich selbst immer wieder neu zu erfinden und trotz seines recht hohen Alters mit der Zeit zu gehen. Franks Mutter hingegen kann weder ein Interesse für die Gegenwart noch für die Vergangenheit oder Zukunft aufbringen.
Besonders die einsam Verstorbenen liegen Frank Allcroft am Herzen. Vor ihren Wohnungen legt er Blumen ab oder besucht ihre Beerdigung. So wird er auch auf Michael Church aufmerksam. Wie sich herausstellt, war Michael ein langjähriger Freund von Phil – was aber schwer vorstellbar scheint: Der glamouröse Fernsehmoderator, der noch mit 70 eine Samstagabendshow im überregionalen Fernsehen moderierte, und der unscheinbare Mann, der einsam auf einer Parkbank starb?
Seltsame Freundschaft
Frank geht dieser Freundschaft nach und kommt dabei nicht nur hinter das Geheimnis von Phils Tod. Wie in Catherine O’Flynns wunderbarem Debüt «Was mit Kate geschah» geht es auch in «Der vierte Versuch» um das Verschwinden – und zwar um das Altern und Erodieren von Menschen, Gebäuden, Städten und Wirtschaftsstrukturen. Warmherzig, mit klugem Blick für Zusammenhänge und leiser Ironie schildert O’Flynn die sehr unterschiedlichen Versuche, sich gegen den Prozess zu wehren und Spuren zu hinterlassen. Ein unaufdringlicher und sehr intelligenter Roman über das, was bleibt, wenn etwas weg ist.
Catherine O’Flynn: «Der vierte Versuch». Arche-Verlag, Zürich/Hamburg, 304 Seiten, 19,90 Euro


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