Die Titelseite der Bad Vilbeler Neue Presse vom 26.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Die Welt lässt sich nicht aussperren
Homer erzählt diese Ereignisse wie alle anderen Episoden des Romans mit einer bemerkenswerten Ruhe und Gelassenheit. Ihm fehlt zwar die Möglichkeit, die Ansicht von Personen und Situationen zu beschreiben, das macht er aber mehr als wett durch sensible Darstellungen seiner Sinneseindrücke und deren durchweg freundliche Interpretationen.
So stellt er keine kritischen Fragen, als Langley seltsam verändert aus Europa nach Hause zurückkehrt. Homer registriert zwar, dass Langleys Stimme nach einem Gasangriff anders geworden ist und dass sich auch sein Wesen verändert hat. Er bewertet die Veränderungen jedoch nicht. So kommentiert er auch nicht Langleys Verhaltensänderungen, die eindeutige Anzeichen für eine fortschreitende Geisteskrankheit aufweisen. Immer mehr schotten sich die Brüder in ihrem Haus von der Außenwelt ab. Was als vorübergehende Stimmung beginnt, eskaliert bis zu Langleys Ausruf: «Dieses Haus ist unser unverletzliches Reich.» Aber so sehr sie sich auch bemühen, sie können die Welt nicht von sich fernhalten. Diese dringt in ihr Haus durch Radio, Fernsehen und Zeitungen oder durch Personen wie Journalisten, Gangster oder Polizisten ein, die nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die japanischstämmigen Hausangestellten verhaften.
Gleichzeitig versucht Langley jedoch auch, durch eine Reihe von Projekten und Sammlungen Ordnung und ein System für die Welt zu entwickeln. Homer kann es nicht sehen oder beschreiben, aber anstatt das Chaos zu bändigen, vergrößert Langley es nur.
In kurzen Episoden erzählt «Homer & Langley» eine Geschichte der USA im 20. Jahrhundert. Auch wenn Homer nichts sieht und für den Kontakt zur Außenwelt zunehmend auf seinen geistig verwirrten Bruder angewiesen ist, entgeht ihm keine der wichtigen Entwicklungen, die das Leben der Menschen außerhalb seines Hauses prägen.
Die Geschichte ist nur zum Teil Doctorows Fantasie entsprungen. Homer und Langley Collyer haben wirklich gelebt. Nach ihrem Tod 1947 wurden über 100 Tonnen Müll aus ihrem Haus geräumt. Doctorow erzählt ohne jegliche Sensationsgier, was sich im Haus abgespielt haben mag. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass auch so seltsame Außenseiter wie Homer und Langley der Welt untrennbar verbunden bleiben. Doctorow vermittelt dies in einem leisen und wirklich lesenswerten Buch.
E. L. Doctorow: «Homer & Langley». Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 218 Seiten, 18,95 Euro


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