Die Titelseite der Bad Vilbeler Neue Presse vom 26.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Nach der Katastrophe weiterleben
Zwei Schwestern suchen nach der Vergangenheit: In «Einladung an die Waghalsigen» erzählt die 25-jährige Schweizerin Dorothee Elmiger von einer postapokalyptischen Situation.
Die Kraftfelder dieses jungen Romans laufen wie Magnetwellen von zwei Zentren auf den Leser zu: Seit Jahrzehnten brennen die Kohleflöze unter einem sich entvölkernden und teilweise verwüsteten Landesteil. Formal setzt die Autorin auf eine radikale Intertextualität. Sie zitiert aus Büchern, die die Katastrophe überstanden haben. Die Schnittpunkte der von beiden Kraftzentren ausgehenden Wellen haben dabei etwas von einer ästhetisch geordneten Zufälligkeit. Erzählt wird der Roman aus der Perspektive von zwei Schwestern. Sie können nur auf Bücher zurückgreifen, die die technische Kohlekatastrophe in lesbarem Zustand überdauert haben. Solche apokalyptischen Ereignisse haben es aber an sich, dass sie keinen im landläufigen Sinne geordneten Rest hinterlassen, dass sie auch keine zuverlässigen Erinnerungen ermöglichen. Ein opaker Schirm blockt einen historischen Blick in die Zeit «davor» ab.
Margarete und Fritzi sind die Töchter des Chefs einer in der wüsten Landschaft immer noch funktionierenden Polizeistation. Sie suchen nach dem Fluss Buenaventura. Über den haben sie in den alten Büchern gelesen. Ihr Suchen ist ebenso leidenschaftlich wie unsystematisch. Sie reiben sich an den unwirtlichen Umständen und an der Ordnungsmacht, die beginnt, wertlos gewordenes Eigentum zu schützen. Sie bedienen sich der erstaunlichen Reste von Zivilisation mit derselben Selbstverständlichkeit, wie sie für die Zukunft planen, obwohl das in einer der Vergangenheit beraubten Gegenwart ja auch sinnlos sein könnte.
Die Autorin studiert derzeit Politologie und interessiert sich besonders für Politische Philosophie. Auf diese Folie projiziert sie manchmal ihre Literatur. Manchmal scheint etwas davon durch. Dann wird der Ansatz ihrer wunderbar absurden Erzählweise deutlich: Hinter dem nie albern wirkenden surrealen Vordergrund taucht eine Ernsthaftigkeit auf, die diesem ästhetisch radikalen Text Reife gibt. Beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt errang Elmiger den zweiten Preis knapp hinter Peter Wawerzinek.
Dorothee Elmiger: «Einladung an die Waghalsigen». DuMont, Köln. 144 S., 16,95 Euro


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