Nichts ist tabu

Die Frankfurter Städelschule öffnet auch in diesem Jahr die Ateliers für Besucher

In der Schule in der Dürerstraße und in der Dépendance Daimlerstraße, wo Bildhauer und Performer arbeiten, ist an diesem Wochenende junge Kunst in allen Facetten zu sehen.

Von Gabriele Nicol

Zigarettenschachteln unter Beton: "Feierabend" von George Rippon.Der Rundgang ist für Neugierige ein Event, für Talentsucher eine willkommene Gelegenheit: Im vorigen Jahr hat die Kunsthochschule 13 000 Besucher angelockt. Diesmal sind rund 180 Studenten (40 davon aus der Architekturklasse, 70 Prozent von allen ausländischer Herkunft) an der Ausstellung beteiligt, mit Ausdrucksformen jeglicher Art.

Es gibt keine Gestaltungsmöglichkeit, die tabu wäre. Die Lehrer selber stellen unter den Studierenden eine Neigung zur Selbstperformance, aber auch den Willen zu Teamwork fest. Die Arbeiten, ihre Zusammenstellungen beweisen das. Rektor Nikolaus Hirsch sieht auch das als Aufgabe der Schule an: die freie Möglichkeit, einen Testlauf für jene Selbstdarstellung zu starten, die später im "wirklichen" Leben für Künstler notwendig sei.

Renaissance der Figur

Den Vorwurf, die Schule stelle sich nach außen hin zu wenig dar, weist Hirsch zurück. Nicht das "Sichtbarwerden" sei erste Aufgabe, sondern das Lehren. So kann man mittlerweile auch das Schreiben lernen – bei einem leibhaftigen Schriftsteller, nämlich Mark von Schlegell. Mit dem Schriftzug, dem Schriftbild haben sich vornehmlich jene angehenden Künstler befasst, die es ohnedies auf die grafische Darstellung angelegt haben. Gelegentlich werden Ausflüge in die fernöstliche Kalligrafie unternommen (was bei dem großen Anteil der asiatischen Studenten nicht verwundert). Aber besonders häufig und manchmal auch besonders schön und zart gelingen gezeichnete Porträts, die in andere Zusammenhänge eingebaut werden, sogar in Traumwelten. Die Zeichnung erlebt als fertig vorgewiesenes Werk eine Renaissance, ebenso die Darstellung der menschlichen Figur. Das hängt nun wieder mit der bereits beschriebenen Neigung zur Selbstdarstellung zusammen, die per Video dokumentiert wird: zum Beispiel eine Performance in der Eingangshalle des Frankfurter Hauptbahnhofs, wo eine junge Frau sich turnend auf dem Boden wälzt. Man schont sich dabei nicht.

Unübersehbar hat das elektronische Medium einen Siegeszug angetreten, Videoprojektionen allenthalben, manchmal auch in ganze Ensembles eingebaut. Überraschend und rätselhaft ist eine große farbige Bildprojektion, die buntgekleidete Menschen zeigt, wie sie schwerelos im Raum schweben. Der Bildausschnitt wird kontinuierlich verkleinert, und am Ende kommen wunderschöne abstrakte "Gemälde" dabei heraus. Surreale Malerei, Op-Artiges, Assemblagen mit überraschend arrangierten Alltagsgegenständen, Raum-Klangerfahrungen (über Kopfhörer) – es ist fast alles zu finden, auch das alte Environment. Etwa ein Teppich aus roten Nelken, der den Gang noch weiter verengt, weil keiner sich darüber zu laufen traut. Hintergrund: Der Künstlerin ist als Kind eingeschärft worden, dass man bei Beerdigungen nicht auf Blumen treten dürfe. Sonst stürbe nämlich ein naher Verwandter.

Vernetztes Mädchen

Auf die internationale Vernetzung ist man in der Städelschule besonders stolz, aber die Reputation in der eigenen Stadt könnte besser sein. Vernetzung ist übrigens auch in der Zeichnung ernstgenommen worden – zwei Mädchen am Fädchen, das wirft unmittelbar den Gedanken auf, dass "Vernetzung" ja so etwas wie Gefangensein bedeuten könnte: am Drähtchen hängen wie eine Marionette. Es ist eine unauffällige, bescheidene Zeichnung, die solchen Tiefsinn heraufbeschwört. Die Städelschule hat im vergangenen Jahr einige Publikationen und Editionen herausgebracht. Darunter sind eine Städelschul-Studenten-Edition (1. Band: Elisa Caldana) und eine Städelschul-Professoren-Edition. Simon Starling steuerte als erster einen "Venus Mirror" bei, einen kreisrunden Teleskopspiegel mit sechs Bohrlöchern, gewissermaßen zum Beobachten. Der Erlös beider Editionen fließt der Hochschule zu.

Die Jahresausstellung ist noch bis zum Sonntag jeweils 10 bis 20 Uhr zu besichtigen, in der Dürerstraße 10 und in der Daimlerstraße 32–36. Heute, Samstag, um 14 Uhr hält der Künstler Peter Fischli einen Vortrag. Am Sonntag um 12 Uhr beginnt in der Daimlerstraße die "Daimler Matinée". Verköstigung gibt es durchgehend.

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