Beete in der Betonwüste

Immer mehr Menschen bringen Natur in die Städte – auch dorthin, wo sie nicht vorgesehen ist

Gärtnern erlebt einen Boom: In vielen deutschen Städten greifen Bürger zu Spaten und Harke. Soziologen attestieren ihnen politisches Bewusstsein. In einer globalisierten Welt stecke dahinter auch die Sehnsucht nach Heimat.

Von Julian Mieth (dpa)

Berlin. Kein Garten wie jeder andere: Im Prinzessinnengarten am Berliner Moritzplatz wachsen die Kohlköpfe in Kisten und zwischen Hochhäusern – den städtischen Hobbygärtnern gefällt’s trotzdem. Fotos: dpa Früher wurde Gärtnern oft als spießig angesehen, heute liegt es voll im Trend. In etlichen deutschen Städten stellen Bürger ihren grünen Daumen unter Beweis – denn auch wenn das Leben in den Metropolen "in" ist, wollen deren Bewohner nicht mehr auf Natur verzichten. Soziologen nennen das Phänomen "Urban Gardening". Und diese neue Lust am Grünen beschränkt sich nicht nur auf Schrebergärten:

Beim Guerilla Gardening bepflanzen Hobbygärtner heimlich den öffentlichen Raum – vor allem in Großstädten. Die Aktivisten wollen hässliche städtische Brachflächen mit Pflanzen verschönern.

Kiez- oder Gemeinschaftsgärten werden von Anwohnern, Schulen oder auch Kirchen betrieben – wie etwa der Prinzessinnengarten im trubeligen Berlin-Kreuzberg. Autos düsen vorbei, die nah gelegene U-Bahn-Station spuckt Passanten aus, an den Gebäuden prangt Graffiti. Von all dem merkt man auf den 6000 Quadratmetern des Gartens wenig. Aus Kisten, Kübeln und Säcken sprießt teils meterhohes Gemüse – natürlich alles bio. Der Garten sei allerdings mehr, sagt Marco Clausen, einer der beiden Initiatoren. "Wir verstehen uns auch als soziales und ökologisches Projekt." Der Garten wird zum Nachbarschaftstreff – Anwohner des sozial schwachen Kiezes arbeiten aktiv im Garten mit. "Wir wollen Menschen zusammenbringen."

Dieses Prinzip gilt auch in den bundesweit rund 120 interkulturellen Gärten. Dort kommen Bürger mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammen.

Beete auf dem Flugfeld

Beim "Urban Farming" bauen Städter mitten in der City Obst und Gemüse an. "Mobile Gärten" machen städtische Freiflächen vorübergehend zu einer Art Pflanzen-Stellplatz. Dann "parken" Bürger bepflanzte Kästen oder Paletten auf ungenutzten Grundstücken, bis diese wieder bebaut werden – dann muss ein neuer Stellplatz her. Auf dem stillgelegten Tempelhofer Flugfeld in Berlin etwa stehen derzeit 400 mobile Hochbeete. Bürger können eine Parzelle mieten, um dort Blumen, Kräuter und Gemüse anzubauen.

Dass es beim "Urban Gardening" um mehr als nur spaßigen Zeitvertreib geht, sagt auch die Soziologin Christa Müller, die dem Trend in einem Buch auf die Spur gegangen ist ("Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt", oekom verlag München, 2011). "Diese Menschen wollen politisch auf ihren Nahraum wirken." Und weil viele Generationen und soziale Millieus dabei zusammenträfen, böte der Garten "ein unwahrscheinliches Potenzial für ein besseres Zusammenleben".

Experten zufolge spielt auch die Globalisierung dem Trend in die Hände: Die Welt werde als immer unübersichtlicher erlebt, deshalb steige die Sehnsucht nach Heimat – und dafür stehe auch der Garten.

  • Zurück
  • Versenden
  • Kommentar
  • Druckansicht
    • Delicious
    • Mr. Wong
    • Linkarena
    • Google
    • Yigg
    • Oneview
    • Facebook
    • Facebook

Wetter in Limburg an der Lahn

Jetzt

sonnig

22 °C

Morgen

sonnig

10 °C | 22 °C

Übermorgen

Gewitter

10 °C | 24 °C

Anzeige

Nachrichten-Archiv

April
1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30
Mai
123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031

Zum Thema

Das Abc des Christentums

Bereichern Sie Ihr Wissen über das Christentum - lernen Sie in unsere Serie alles über die Religion. Von A wie Abel bis Z wie Zölibat.

Das Islam-Abc

Bereichern Sie Ihr Wissen über die große Weltreligion - lesen Sie unsere Serie! Hier zum Herunterladen als PDF-Sammlung.

FNP-Testabo bestellen

Lesen, was Sache ist: Das FNP-Probeabo! 14 Tage kostenlos.

Umfrage: ESC 2012

Am 26. Mai treten 26 europäische Musiker in Baku an, um beim Eurovision Song Contest den Sieg für ihr Land zu holen. Welche Chancen geben sie dem deutschen Kandidaten Roman Lob?

Ihre Tageszeitung als PDF

Nassauische Neue Presse

Die Titelseite der Nassauische Neue Presse vom 25.05.2012 als PDF zum Downloaden.

Ihre Meinung

Anzeige

Extras

Die FNP mobil lesen

Tausende lesen die FNP schon auf dem iPhone. Die neue Version der App ist noch umfangreicher und schneller. Es gibt sie im App-Store.

Wir bei Twitter

Folge uns unter twitter.com/fnp_zeitung. Ständig aktuelle Tweets zu Nachrichten aus der Wetterau und dem Main-Kinzig-Kreis.