Das Städel hat sich neu erfunden

Heute wurde der hochmoderne Erweiterungsbau des altehrwürdigen Frankfurter Museums eröffnet

Die Bedeutung Frankfurts definiert sich längst nicht mehr allein durch den größten Flughafen Kontinentaleuropas oder durch das meist frequentierte Drehkreuz der Republik. Von Hilmar Hoffmann

Von Hilmar Hoffmann

Frankfurt. Das Städel hat mehr Platz für die Gegenwartskunst geschaffen und zwar unter der Erde: Chrakteristisch ist das Deckenlicht, das durch 195 Bullaugen ins Innere fällt. Foto: Städel Auch seine in Deutschland einzigartige Bankenskyline befördert nicht das Logo der Mainmetropole. Frankfurt verdankt seine weltausstrahlende Bedeutung auch nicht nur den glorreichen Orten ihrer historischen Symbolik, wie Kaiserdom, Römer, Paulskirche oder Goethe-Haus.

Mit Goethe-Universität, Buchmesse und Nationalbibliothek, mit Alter Oper, neuer Loebe-Oper und Schauspielhaus, mit Mousonturm, Tigerpalast, mit Senckenbergmuseum und Museumsufer wird im Bewusstsein der Republik Frankfurt längst als attraktive moderne Kulturmetropole wahrgenommen, die nach Berlin nur noch mit München konkurriert. Frankfurts "Corporate Identity" stiftet heute das einzigartige Museumsufer mit dem neu erfundenen Städel als Flaggschiff.

Das in den 80er Jahren entwickelte Projekt "Museumsufer" mit über zwanzig Museen und dreißig Galerien ist ein Work-in-Progress; nur das Museum für Weltkulturen fehlt noch in einer Stadt mit einem dreißigprozentigen Bevölkerungsanteil von Bürgern mit sogenanntem Migrationshintergrund.

Die Museen und Galerien schmiegen sich wie die Ringe des Saturns an den Main. Diese "Museumsufer" genannte stolze Bilanz möchte den Begriff Museum etymologisch verstanden wissen: Denn Museion war in der Antike weniger ein Musentempel, als vielmehr ein ganzer Stadtkomplex, der den Musen gewidmet war.

Das Museion war also keine Solitär, sondern eine Art Gegenstadt der Musen und der Gaukler, ein Labyrinth der Fiktionen, wo flaniert und diskutiert wurde und wo man aß und trank und sich des Lebens versicherte. Das Museion war eine aus der vom Handel geprägten Stadt ausgekoppelte Gegenwelt zum Kommerz. Aber unser Museumsufer ist kein isolierter, in der Natur eingehegter Museumspark mit dem Charme des Singulären – es ist die Herzklammer unserer Stadt.

Die Physiognomie des Frankfurter Museums-Ensembles ist kein üppiges Monumentalgemälde. Anders als in Paris oder Madrid, München oder Berlin bietet die Kleinteiligkeit der Frankfurter Häuser den Reiz vielfach provozierender Grenzüberschreitungen. Als Projekt der kleinen Schritte erweiterte es sich nach und nach zu einem großen Ganzen, zum Pluribus in unum.

Kulturelle Verdichtung

Sechs Brücken verklammern die beiden Museumsufer optisch und mental mit über 70 anrainenden lebensdienlichen Kulturinstituten: Außer den 24 Museen und 30 Galerien bilden auch die vielen Theater, die Oper, das Literaturhaus usw. das ausufernde Kompendium Museumsufer.

Die Häuser dienen den Menschen nicht nur als Quelle der ästhetischen Vergnügung und des Wissenserwerbs, sondern auch als Medium ihrer Kompetenzerweiterung. Das Museumsufer hat wesentlich zur Selbstvergewisserung unserer Stadt beigetragen. In seiner harmonisierenden Balance zwischen moderner Bauästhetik und altersschönen Villen der Gründerzeit drückt sich auch das Spannungsverhältnis der Frankfurter Stadtentwicklung aus, die in gebauten Zeugnissen als kulturelle Verdichtung erlebt wird: Vom architekturästhetischen Erbe bis in die hochmodernen Spitzen unserer Wolkenkratzer.

Die zügige Realisierung des Museumsufers mit seinen vielen autonomen Komponenten eines pulsierenden urbanen Organismus wurde auch als Chance genutzt, um das miserable Image der Mainmetropole zu einer kulturellen "Corporate Identity" umzupolen. Bankfurt, Krankfurt, Mainhattan waren ehemals noch Malmots milder Ironie für eine Megalopolis, die Hermes zu regieren schien, der Gott des Handels und der Diebe.

Der bildsüchtige Zeitgeist der 80er Jahre war dann unser starker Verbündeter für die Urbanisierung der Stadt. Ja, Urbanität ist die eigentliche Lizenz einer zukunftsorientierten Stadtpolitik. Weil Kultur auch den Sinn für das Gemeinwesen stärkt, war "Nachhaltigkeit" als neuer Kostenfaktor in die politische Hochrechnung einbezogen.

Als ewiges Werk in Fortsetzung hat das Museumsufer in dieser Woche wieder bundesweit Furore gemacht. Der Nukleus dieser singulären Museums- und Kulturlandschaft ist das altehrwürdige und jetzt auch hochmoderne Städel mit seiner städtischen Galerie.

Das von dem Architekten Oskar Sommer 1816 geplante Städel war die allererste autonome Museumsgründung im damaligen Deutschland. Davon angestiftet, wurde schon sechs Jahre später das Senckenbergmuseum errichtet. Beide Museen verdanken ihre Existenz einem schon damals in Frankfurt hoch avancierten Mäzenatentum betuchter Bürger.

Lesen Sie auf der nächsten Seite:Folgenreiche Dynamik

Während in den stürmischen Gründungsjahren des Vormärz die majestätischen Museums-Architekturen den Menschen noch gehörige Ängste einjagten, wie einst die magischen Pforten zu Franz Kafkas befremdlicher Welt, strömen heute täglich fünftausend neugierige Menschen in Frankfurts Museen und deren meiste ins Städel.

Mit dieser ersten bürgerlichen Museumsstiftung der Welt hatte Johann Friedrich Städel eine folgenreiche Gründerdynamik in Europa angestoßen. Goethe nobilitierte Städel denn auch "zum Dekan aller hier lebenden echten Kunstfreunde". Für beide war die Kunst "die eigentliche Simulanz des Lebens", mit der sie hofften, das Dasein zu erhöhen. Bis heute schöpft kein anderes Museum so tief aus dem reichen Reservoir seiner eigenen Substanz, wie das Städel mit der städtischen Galerie. Der räumlichen Enge geschuldet, konnten aus der komplexen Fülle der Bilder, Grafiken und Skulpturen den neugierigen Besucherblicken aber nur Teile davon anheim gegeben werden. Aus diesem Dilemma konnte erst 1990 vom Wiener Architekten Gustav Peichl entlang der Holbeinstraße ein postmodern konzipierter Erweiterungsbau Abhilfe schaffen.

Und dann kam Hollein! Mit dessen glücklichem Import aus den Staaten wurden Städel und dessen Administration mit seiner ungewohnten Dynamik konfrontiert, in dessen Sog bald auch Deutsche Bank und DG-Bank gerieten. Sie erlagen Max Holleins Überzeugungs-Charme und überließen dem Städel ihre exorbitante Gemäldesammlung bzw. ihre einzigartige Foto-Kollektion.

Aus Städels Devise von 1815, seine Sammlung gehörte, mit der Kunstdevise schritthaltend, ständig erweitert zu werden, zog Hollein die notwendige Konsequenz: Von den Architekten Till Schneider und Michael Schumacher ließ Max Hollein eine integrale Erweiterungshalle planen, die in ihrem unterirdischen Zwölf-Säulenkomplex mit 195 Oberlichtern den Quantensprung vom 19. ins 21. Jahrhundert gelingen ließen. Gewonnen wurde ein zusätzliches Raumvolumen von 3000 Quadratmeter für die Neuerwerbungen.

Max Hollein, approbierter Guggenheim-Fundraiser von hohen Graden, ist es grandios gelungen, an die vor genau zweihundert Jahren von Johann Friedrich Städel inspirierten mäzenatischen Bürgerinstinkte anzuknüpfen und diese auch zu reaktivieren.

Chapeau den Spendern!

Mit hilfreicher Unterstützung unserer wieder mal hocheffizienten Sylvia von Metzler und ihren 7000 spendablen Förderern, dem soliden Bankhaus Metzler und der generösen Hertie-Stiftung ist die Summe von 30 Millionen Euro zu danken. Die von der Stadt mit 16,4 Millionen Euro und vom Land mit 5 Millionen Euro solide angelegten öffentlichen Mittel dürften schon bald durch die intellektuelle und hedonistische Bereicherung der wachsenden Besucherströme amortisiert werden. Chapeau!

Nach der Einweihung der angemessen groß dimensionierten Museumsräume unterm gepflegten Städelrasen am 22. Februar wird der Besucher mit siebenhundert Jahren Kunstgeschichte im Bilderbuch unseres weltweit hochrenommierten Städelmuseums beschenkt. Unter der klugen Ägide von Max Hollein ist hier nichts Geringeres gelungen als eine begehbare universale ästhetische Anthropologie.

"Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag" – gleich am heutigen Mittwoch.

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