Dem Inferno entkommen

FNP-Fotograf Joachim Storch rettet sich mit Sprung aus Luftschiff – Pilot kommt ums Leben

Auf dem Rückflug vom Hessentag in Oberursel ist am Sonntagabend über Reichelsheim ein Luftschiff abgestürzt. Mit an Bord: FNP-Fotograf Joachim Storch...

Von Stefan Jung

Reichelsheim/Oberursel. Innerhalb von Sekunden ging der Zeppelin in Flammen auf und stürzte zu Boden. Das kleine Foto zeigt ihn noch im Hessentags-Einsatz. Fotos: dpaGemeinsam mit zwei TV-Kollegen rettete er sich mit einem Sprung aus der brennenden Gondel. Sie blieben unverletzt. Der 52-jährige Pilot jedoch kam ums Leben.

Für Joachim Storch ist der 12. Juni zum zweiten Geburtstag geworden. Tief betroffen schilderte der Foto-Journalist gestern der FNP, wie er am Sonntag beim Absturz des Goodyear-Luftschiffs nur knapp dem Tod entgangen war.

Nichts, aber auch gar nichts hatte erahnen lassen, dass Joachim Storchs erste Fahrt in einem Luftschiff in der Katastrophe enden würde. "Alles lief perfekt. Ich bin noch nie so komfortabel durch die Lüfte gereist", blickt Storch zurück. Gemeinsam mit zwei Kollegen des TV-Senders RTL war der Bad Homburger an Bord gegangen, um über dem Hessentag in Oberursel seine Kreise zu ziehen.

Storch: "Die Verhältnisse, das bestätigte unser Pilot Mike Nerandzic, hätten nicht besser dafür sein können." Dann aber setzte der 52-Jährige mit seinem fragilen Giganten zum Landeanflug auf den Flugplatz von Reichelsheim an und das Unglück nahm seinen Lauf.

"Als wir aufsetzten, hörten und spürten wir einen mächtigen Schlag", schildert der Fotograf die sich überschlagenden Ereignisse. Zunächst sei da Benzingeruch gewesen, den er wahrgenommen habe – erst ganz leicht, dann immer stärker. "There is petrol in the air" ("Da ist Benzin in der Luft"), rief Storch dem australischen Piloten auf Englisch über das Headset zu.

Unglück beim Landeanflug

Die Reaktion Nerandzic’ bestätigte sein ungutes Gefühl. "We had an accident!" ("Wir hatten einen Unfall!") und dann "I crashed the airship!" ("Ich habe das Luftschiff beschädigt"), meldete Mike. Im nächsten Moment sei die Temperatur in dem Gefährt nach oben geschossen. Storch: "Ausgehend vom hinteren Bereich, dort wo sich die Motoren befinden, wurde es kochend heiß in der Gondel."

In diesem Moment schwebte das Luftschiff noch etwa einen Meter über der Erde, erinnert sich Storch. Allerdings gut 200 Meter von der eigentlichen Landestelle entfernt. Während acht Helfer herbeieilten, um das Gefährt festzumachen, blieben die Insassen ruhig sitzen. Sie sollten warten, bis Ausgleichgewichte an Bord seien. Das war die Anweisung und an die hielten sich die Journalisten.

Storch: "Erst als eine Kollegin vom Sitz des Co-Piloten aus erkannte, dass ein Motor Feuer gefangen hatte, verließ sie ihren Platz und rettete sich mit einem Sprung aus einem geöffneten Fenster." Ihr Kollege versuchte sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen, konnte aber die Tür nicht öffnen. "Der Pilot half ihm dabei, die Gondel zu verlassen", schildert Storch das Geschehen. Am Boden angelangt habe der Kameramann sogar noch versucht, eine Halteleine zu packen und den Giganten zu Boden zu zwingen – erfolglos. Das Luftschiff bäumte sich auf, schwebte einige Meter weiter, bevor es auch Joachim Storch gelang, sich aus dem Sicherheitsgurt zu befreien und mit einem Sprung die Gondel zu verlassen.

Pilot Mike blieb zurück. Das Luftschiff schoss in die Höhe, ging in Flammen auf und sank wie ein verglühender Feuerball einige 100 Meter vom Ort des Absprungs entfernt zur Erde. "Wahrscheinlich war es der Gewichtsverlust nach dem Absprung, der das Luftschiff nach oben schnellen ließ", so Storch.

Für den Piloten kam jede Hilfe zu spät. Nach Erkenntnissen der Polizei verbrannte er an Bord seines Gefährts. "Ich hatte gehofft, dass er endlich nachkommt." Als der Fotograf gellende Schreie aus der Gondel hörte ("Ich werde das nie vergessen"), wusste er, dass es keine Rettung geben würde. "Mike war ein routinierter Pilot, verfügte über große Erfahrung", sagt Storch. Dennoch hätte er sich im Moment der größten Gefahr mehr Anweisungen des Piloten gewünscht.

Warum Mike Nerandzic die Gondel nicht verließ? Storch kann nur vermuten: "Vielleicht wollte er verhindern, dass das Luftschiff führerlos über der benachbarten Gemeinde Reichelsheim heruntergeht."

Hans-Paul Ströhle von der Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen sprach gestern von einer Heldentat des Piloten: "Er wusste genau, dass das brennende Schiff wieder hochsteigt, wenn die Passagiere aussteigen." Er gehe davon aus, dass sich Mike Nerandzic für die Passagiere geopfert habe. Der Australier, so Ströhle, habe ihn selbst zum Piloten ausgebildet und sei einer der erfahrensten Kapitäne weltweit gewesen. Die Ursache für den Absturz ist noch ungeklärt. Polizei und Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung ermitteln. Nach dem Absturz des Werbeluftschiffes hat Reifenhersteller Goodyear seine Reklameflüge und seine Veranstaltungen beim Hessentag vorerst eingestellt.

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