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Krupps allerletzter Erbe
Wie ein Hochstapler in kürzester Zeit etliche Frankfurter um Hunderttausende Euro erleichterte
Heute wird ein Richter am Landgericht einen 53-Jährigen als Serienbetrüger verurteilen und für mehrere Jahre ins Gefängnis schicken. Der Mann hatte mit einer ziemlich dreisten Geschichte etliche Frankfurter regelrecht ausgenommen. Nun rätseln die Opfer: Wo ist nur ihr ganzes Geld geblieben?
Von Thomas Ruhmöller
Frankfurt. Treffen sich zwei Männer in einer Tiefgarage. Sagt der eine: "Ich bin der wahre Erbe der Krupp-Dynastie, ich bekomme demnächst Millionen, ach was: Milliarden! Nur brauche ich jetzt fürs Gericht auf die Schnelle 12000 Euro, sonst krieg‘ ich den Erbschein nicht."
Sagt der andere Mann – ja, was wohl?
Er sagt, so ist es wirklich passiert, hier in Frankfurt, in einer Tiefgarage in Bornheim: "12000 Euro? Die hab‘ ich auf der Bank. Die kann ich Ihnen leihen, das ist wirklich kein Problem!"
Es war im Mai letzten Jahres, als dieses kurze Gespräch stattfand. Die beiden Männer kannten sich nicht näher, sie waren sich das zweite oder vielleicht das dritte Mal in der Tiefgarage an der Inheidener Straße begegnet. Trotzdem kam der Deal zwischen ihnen zustande, und er war – wie man heute weiß – der Auftakt zu einem schier unglaublichen Kriminalfall.
Kind der Schande
Denn einer der beiden Männer war Gerd B., ein durchtriebener Serienbetrüger, der von seinen 53 Lebensjahren insgesamt 18 in diversen Knästen verbracht hat. Unterschlagung, Urkundenfälschung, Titelmissbrauch, Scheckbetrug, Untreue und immer wieder Betrug, Betrug, Betrug – so steht‘s in seiner Vita, die Tatorte lagen überwiegend in Süddeutschland.
Dann zog er nach Frankfurt, und auch hier kassierte er ab – nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich mehrdutzendfach, immer mit derselben, ebenso unverschämt dreisten wie unglaublich erfolgreichen Masche:
Gerd B. gab sich als der uneheliche Sohn von Kurt Paul Alfried Alfred Krupp von Bohlen und Halbach zu Thyssen-Bornemisza aus. Seine Eltern und zwei Halbbrüder, erzählte er gern, seien bei einem schrecklich tragischen Unfall ums Leben gekommen. Er selbst sei daraufhin, als Kind der Schande und als bekennender Homosexueller, von der Familie verstoßen worden. Jetzt aber habe die Gerechtigkeit vor Gericht gesiegt, er bekomme alles.
ALLES! Als Alleinerbe stünde ihm ein Vermögen von 500 Millionen Euro plus Immobilien plus eine Autosammlung zu, außerdem sei er noch Mehrheitsgesellschafter der Thyssen-Krupp AG – insgesamt mache sein Vermögen, wirklich wahr, 58 Milliarden Euro aus.
Das sei jetzt alles endlich und endgültig geklärt, sagte Gerd B. dann noch, allein, es fehle ihm der legitimierende Erbschein, den ihm das Gericht auch aushändigen werde – wenn er nur termingerecht die Gebühren bezahle, was leider schwierig sei, da er wegen der vielen Prozessiererei keinen einzigen Cent mehr besitze . . .
Aktienkonto geplündert
Wer jetzt glaubt, auf eine so platte Geschichte falle doch kein Mensch herein, der wird vor dem Landgericht Frankfurt eines Besseren belehrt. Da muss sich Gerd B. seit Wochen verantworten, weil er mit seinen wilden Ich-bin-der-allerletzte-Krupp-Erbe-Phantasien binnen weniger Monate in und um Frankfurt sage und schreibe 685 170 Euro ergaunert haben soll – steuerfrei! Wobei die Kripo davon ausgeht, dass der Mann wesentlich mehr Geld eingesackt haben muss: Etliche Geschädigte hätten sich vermutlich erst gar nicht gemeldet, weil sie sich schämen, so dummdreist hereingelegt worden zu sein, und weil sie überzeugt sind, ihr Geld eh nie wiederzusehen.
Eines der Opfer von Gerd B. ist Peter Z. (Name geändert), der Mann, mit dem der Hochstapler im Mai 2011 in der Bornheimer Tiefgarage das kurze Gespräch geführt hatte. Der 68-jährige Rentner, allein lebend, rüstig, sehr sportlich, arbeitete früher bei der Justiz, dann bei einem Rechtsanwalt, später für eine Versicherung. "Ich bin doch nicht dumm", sagt er heute immer wieder. "Ich dachte, ich falle nie und nimmer auf einen Betrüger rein."
Ist er aber. Und wie! Peter Z. besaß einst ein dickes Aktiendepot bei der Ing-Diba-Bank. Es waren seine Ersparnisse aus 30 Jahren harter Arbeit. "Ich habe mir nie etwas gegönnt, keinen größeren Urlaub gemacht, immer alles auf die Seite gelegt, weil ich im Alter was haben wollte."
In guten Zeiten hatte sein Depot einen Wert von über 300 000 Euro. Dann kam die Finanzkrise, die Kurse gingen runter, aber immerhin blieben rund 200 000 Euro übrig. Dann kam Gerd B. – und jetzt ist alles Geld weg. Nur noch 30,16 Euro liegen auf dem Konto, alles andere kassierte der angebliche Krupp-Erbe ab.
Alles handgefälscht
Die ersten Zehntausend übergab ihm Peter Z. im Mai 2011, als Sicherheit ließ er sich eine zweiseitige "Persönliche Verpflichtungserklärung" geben, in der Gerd B. versprach, binnen acht Wochen das Geld zurückzuzahlen. Dazu sollte Peter Z., als eine Art Bonus, einen Flachbildschirm bekommen. "Ein Fernseher als Dankeschön von einem millionenschweren Krupp-Erben", sagt der Rentner heute, "das schien mir keinesfalls übertrieben."
Tage später aber stand Gerd B. wieder vor der Tür des 68-Jährigen. Es gebe Verwandte im großen Krupp-Clan, erzählte er aufgeregt, die wollten ihm mit allen Mitteln das Erbe streitig machen, die würden immer neue juristische Finten legen – mit der Folge, dass ihm das Gericht, das ihm das Erbe quasi 100-prozentig zugesichert habe, leider eine neue Bescheinigung abverlangen müsse. Und die koste halt erneut Geld . . .
Gerd B. muss diese Räuberpistole nicht nur mit unglaublicher Überzeugungskraft vorgetragen haben. Er legte auch Dokumente vor, die seine Geschichten zu bestätigen schienen, ausgestellt angeblich von Gerichten und Notaren und Anwälten, alle schwungvoll unterschrieben, manche mit Siegel. Heute steht fest: alles handgefälscht.
Peter Z. wunderte sich zwar manchmal, als Gerd B. im Wochentakt ankam und von immer neuen Bescheinigungen erzählte, die das Gericht verlangte – gegen Bares, versteht sich. "Aber die Dokumente, die er mir zeigte, klangen überzeugend", sagt der Rentner. Außerdem habe Gerd B. sehr gute Manieren an den Tag gelegt und jede seiner Fragen sehr ausführlich und sehr überzeugend beantworten können. "Der wusste Details, die konnte eigentlich nur ein Insider wissen."
Ein Top-Job als Dankeschön
Nahezu wöchentlich ging Peter Z. nun zu seiner Bank, versilberte weitere Aktien und übergab meist schon Stunden später das Geld an Gerd B. Mal waren es 10 000 Euro. Mal 15 000 Euro. Einmal sogar 39 000 Euro. Peter Z. sagt heute: "Ich sah keine andere Möglichkeit. Sonst hätte das Gericht das Erbe doch nicht freigegeben – und dann wäre mein ganzes Geld weg gewesen."
Gerd B. lullte den Rentner regelrecht ein, nannte ihn schnell "meinen Freund", versprach als "Wiedergutmachung" erst 250 000 Euro, später eine Million, den Flachbild-Fernseher natürlich immer wieder, dazu einen Lancia-Oldtimer. Schließlich sollte für den Frankfurter Rentner auch noch ein gut dotierter Job im Aufsichtsrat eines Krupp-Unternehmens abfallen. Als wieder einmal leise Zweifel aufkamen, zögerte Gerd B. keine Sekunde und setzte handschriftlich ein Testament auf – mit Peter Z. als Universalerben.
Am Ende war das Aktiendepot komplett geplündert – und 177 800 Euro weg. Da ging der 68-Jährige hin und holte aus den Tiefen seines Wohnzimmerschrankes seine seit Jahren gut gehüteten Krügerrand-Goldmünzen, entstaubte sie, verhökerte sie und übergab den Erlös an Gerd B. : 20 800 Euro.
Dem reichte es immer noch nicht. Eine Woche später stand er wieder vor der Wohnungstür: Ein letztes, nein, ganz bestimmt ein allerletztes Mal wolle das Gericht Geld haben für eine Bescheinigung, 20 000 Euro brauche er, dringend!
"Ich wollte schon zur Bank gehen und einen Kredit auf meine Wohnung aufnehmen", sagt Peter Z. Nach einer schlaflosen Nacht vertraute er sich erstmals einem Freund an. Und der ging, endlich, schnurstracks zur Polizei . . .
Seither steht auch fest: Peter Z. ist nicht der einzige, den Gerd B. ausgenommen hat. Kripobeamte durchsuchten die Wohnung des angeblichen Krupp-Erben an der Straße Am Ameisenberg in Bornheim, sie entdeckten Hinweise auf eine zweite Wohnung am Hasenweg in Oberrad, und sie fanden einen Computer mit Hinweisen auf weitere Opfer, die offenbar ebenfalls fest an das Märchen vom Krupp-Erben geglaubt haben müssen und dem Mann in der Hoffnung, eines Tages am Milliarden-Erbe teilhaben zu können, regelmäßig mit größeren Geldbeträgen ausgestattet hatten.
Scheine im Briefumschlag
Ursula B. zum Beispiel. Sie hat mit ihrem Mann die gesamten Ersparnisse ihrer Familie zusammengekratzt. Sie fuhr jede Woche mit der S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof, in der einen Hand eine Tüte voll Lebensmitteln ("Er sah so schlecht aus, konnte wegen des Ärgers mit den Gerichten nicht ordentlich essen. Wir mussten doch dafür sorgen, dass er die juristischen Auseinandersetzungen überstehen konnte"); in der anderen Hand einen Briefumschlag. Darin Geldscheine. Mal 200, mal 2000, einmal sogar fast 20 000 Euro.
Gerd B. habe es immer sehr eilig gehabt, gab Ursula B. später zu Protokoll, er habe ihr Tüte und Geld abgenommen und sei in den nächsten Zug gestiegen: Termine! Termine!
Von unterwegs aus habe er sie regelmäßig angerufen, manchmal zweimal am Tag, er habe berichtet, dass ihn die vermaledeite Verwandtschaft wieder und wieder ums Erbe zu bringen versuche, aber er werde weiter kämpfen, für sein Erbe, für ihr Geld. Nur, leider, verlange das Gericht noch eine Bescheinigung . . .
Am Ende, nach wenigen Monaten, hatte ihm Frau B. 97 000 Euro gegeben. Als sie kein Geld mehr hatte, drängte sie ihre Freunde, den angeblichen Krupp-Erben zu unterstützen. Der würde ihre Hilfe eines Tages sicherlich großzügig honorieren. Die Freunde ließen sich nicht lange lumpen und übergaben in mehreren Tranchen zusammen rund 120 000 Euro.
Luxusautos geordert
So gibt‘s eine ganze Reihe weiterer großzügiger Menschen, die dem vermeintlichen Millionenerben mit Tausenden Euro aushalfen – und die nun mit leeren Händen dastehen. Wo das ganze Geld geblieben ist? Die Polizei hat es bis heute nicht gefunden. Gerd B. schweigt eisern.
In seinen Wohnungen fand die Kripo diverse Unterlagen großer Frankfurter Autohäuser: Der Mann hatte sich gleich mehrere Luxus-Limousinen bestellt, darunter einen BMW X6 M für 251 260 Euro, einen Mercedes SLS 63 AMG für 169 750 Euro, einen Ferrari GTB Fiorano für 125 966 Euro. Bezahlt hat er nie, die Verträge wurden nach seiner Verhaftung storniert.
In der Veltins-Arena von Fußball-Bundesligist Schalke 04 wollte Gerd B. eine komplette Loge mieten, für 84 500 Euro. Es gibt Schriftverkehr darüber, der Vertrag kam nie zustande, Gerd B. hatte nicht gezahlt.
Bei mehreren Telefonanbietern hinterließ Gerd B. Schulden in hoher fünfstelliger Höhe. Zwei notariell beurkundete Kaufverträge über Wohnhäuser in Frankfurt mussten rückabgewickelt werden – in einem Fall betrug der Kaufpreis 1,5 Millionen Euro, im anderen Fall 215 000 Euro. Gerd B. hatte alles unterschrieben, die Gegenseite natürlich auch, er hat nur nie gezahlt, natürlich nicht.
Show im Gerichtssaal
Gerd B., der sich in seiner aktiven Phase als Hochstapler mit Vorliebe dandyhaft ganz in Weiß kleidete, muss am heutigen Freitag vorerst ein letztes Mal vor Gericht erscheinen. Bisher ließ er sich jedes Mal von zwei Wachtmeistern im Rollstuhl in den Gerichtssaal schieben. Eine beeindruckende Show: Während der gesamten Gerichtssitzungen schwankte er mit seinem Oberkörper vor und zurück, ununterbrochen, stundenlang. Er sei schwer krank, gab er an, leide unter Parkinson und Magersucht. Als das Gericht wissen wollte, welche Medikamente er nehme oder welche Ärzte er besucht habe, zuckte er nur mit den Schultern. Schwieg. Und schwankte weiter hin und her.
Heute geht die "Show" in die letzte Runde. Heute soll das Urteil gegen Gerd B. gesprochen werden. Sechs Jahre und neun Monate forderte die Staatsanwältin im letzten Prozesstag. Der Mann wäre dann keine 60, wenn er wieder frei käme. Irgendwo müsste dann eigentlich sehr viel Geld auf ihn warten . . .



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