Später Schuldspruch

Fünf Jahre nach seinem Karriereende wird Jan Ullrich wegen Blutdopings verurteilt

Der einstige Radsportheld ist ein verurteilter Doper. Immerhin kann er nun mit seiner Vergangenheit abschließen.

Lausanne. Bereit für eine Beichte? Jan Ullrich bei einem Sponsorentermin einen Tag vor seinem Doping-Urteil. Foto: dapd In seinen besten Tagen hatte Jan Ullrich das Image eines Popstars, er wurde von seinen Fans vergöttert wie kaum ein deutscher Sportler. Doch das Idol stürzte ab, seine Verwicklung in die Affäre um den mutmaßlichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes leitete einen nicht minder beispiellosen Niedergang ein. Fünf Jahre nach dem Rücktritt des gefallenen Radsporthelden hat der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne gestern darüber nun auch ein Urteil gefällt: Für die Richter ist es erwiesen, dass Ullrich Blutdoping betrieben hat. Alle Ergebnisse des ersten und bislang einzigen deutschen Tour-de-France-Siegers seit dem 1. Mai 2005 werden gestrichen und er zudem zwei Jahre gesperrt. Was nach diesem Schuldspruch noch fehlt, ist ein ebenso überfälliges Geständnis des inzwischen 38-Jährigen.

Wie viele wartet Deutschlands höchster Sportfunktionär Thomas Bach auf eine Beichte. "Es ist bedauerlich, dass Jan Ullrich nicht vorher die Chance ergriffen hat, von sich aus Klarheit zu schaffen", sagte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes. "Wir hoffen auch in seinem Interesse, dass er zumindest jetzt einsichtig ist und sich entsprechend erklärt."

Der CAS begründete das Urteil mit den erwiesenen Verstrickungen in die Affäre um den mutmaßlichen spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes, die 2007 schon die Staatsanwaltschaft Bonn offengelegt hatte. Allein mit einer Zahlung von 250 000 Euro für gemeinnützige Zwecke hatte Ullrich damals einen drohenden Prozess verhindert. Für den Sportgerichtshof besteht kein Zweifel, dass der Olympiasieger spätestens vom 1. Mai 2005 an Kunde von Fuentes war – wie viele andere Kollegen.

Als Beweis wertete der CAS unter anderem die Zahlung von mehr als 80 000 Euro an Fuentes, mit dem Ullrich nach Ansicht des Weltverbandes UCI sogar schon vor 2004 zusammengearbeitet hatte, wie es in der 24-seitigen Begründung des Urteils hieß.

Keine lebenslange Sperre

Drei Tage nach dem drakonischen Urteil gegen Alberto Contador zeigte sich der CAS erneut unnachgiebig. Ullrich, der bereits im Februar 2007 seine professionelle Karriere beendet hatte, wurden alle Ergebnisse seit Mai 2005 – darunter Rang drei bei der Tour de France 2005, Rang zwei im selben Jahr bei der Deutschland-Tour und den Gesamtsieg bei der Tour de Suisse 2006 – annulliert. Dass er obendrein bis zum 21. August 2013 gesperrt wurde, dürfte dem längst aus dem Profi-Sattel gestiegenen Wahl-Schweizer ziemlich egal ein – selbst wenn die Sperre auch Jedermann-Rennen betrifft. Außerdem muss Ullrich an den Gewinner des Verfahrens, den Weltverband UCI, 10 000 Schweizer Franken an Prozesskosten bezahlen. Das kann er wahrscheinlich mit einem Griff in die Portokasse erledigen – nach Schätzungen verdiente der gebürtige Rostocker, der 1997 mit seinem Tour-Sieg einen in Deutschland beispiellosen Radsport-Hype auslöste, während seiner Karriere mindestens 50 Millionen Euro.

Der Weltverband UCI hatte in der CAS-Anhörung am 22. August 2011 eine lebenslange Sperre gefordert. Weil Ullrich aber nicht als Wiederholungstäter anzusehen sei – sein angeblich von einer Ecstasy-Pille herrührender Amphetamine-Befund von 2002 sei in diesem Zusammenhang nicht relevant – beschränkte sich das Gericht auf eine Zwei-Jahres-Sperre. Der CAS zeigte sich überrascht, dass sich Ullrich in der Sache nicht gegen die Vorwürfe und Beweise wehrte. Die Dauer des Verfahrens habe auch damit zusammengehangen.

Anders als Contador fühlt sich Ullrich, der nie zu Anhörungen vor dem CAS erschien, durch das Urteil vermutlich nicht ins Unglück gestürzt. Im Gegenteil: Der 38-Jährige wertete die Entscheidung im Vorfeld als überfällige Gelegenheit, einen Schlussstrich unter seine wechselvolle Profikarriere zu ziehen. Spätestens bis Freitag wollte sich Ullrich zum CAS-Spruch äußern. "Die Anwälte prüfen das Urteil", sagte sein Manager Falk Nier.

Nachdem er 2010 an Burnout erkrankt war, hatte sich Ullrich im Vorjahr vorsichtig zurück in die Öffentlichkeit getastet. Zuletzt wagte er sich beim Ball des Sports in Wiesbaden auch wieder auf das große Parkett. Einen Tag vor dem Urteil wirkte der dreifache Familienvater auf einem PR-Termin in Bielefeld bei seinem neuen Werbepartner Alpecin ("Doping für die Haare") sogar so gelöst und locker wie man ihn aus aktiven Zeiten nicht kannte. Eine Beichte wäre jetzt der einzige Schritt zur kompletten Rehabilitierung.sid/dpa/red

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