Die Rebellion der Seele

Pater Anselm Grün: Müdigkeit als Anlass innezuhalten

Müdigkeit gehört zum Leben und ist dann bekömmlich, wenn "wir sie als Einladung verstehen, gut mit uns selbst umzugehen". Das ist die Botschaft, die Benediktinerpater Dr. Anselm Grün in seinem Vortrag "Ich bin müde – neue Lust am Leben erfahren" in der vollbesetzten Kapelle von Schloss Oranienstein formulierte.

Von Anken Bohnhorst-Vollmer

Diez. "Müdigkeit ist immer auch ein Anlass innezuhalten", gab Benediktinerpater Anselm Grün bei seinem Vortrag "Ich bin müde – neue Lust am Leben erfahren" in Diez zu bedenken. Foto: Bohnhorst-Vollmer"Es gibt die gute und die schlechte Form der Müdigkeit", stellte der Benediktinerpater fest. Gute, wohltuende Müdigkeit könne empfinden, wer am Ende des Tages mit Zufriedenheit und Erfüllung zurückblicke, erklärte er. Dagegen sei die Müdigkeit, die aus Enttäuschung und Frustration resultiert, lähmend. Sie mache lustlos und schlapp und führe dazu, dass "wir uns nicht mehr faszinieren lassen", erklärte Pater Anselm Grün. Und sie kann sich zu einem Burn-out entwickeln, warnte er.

Dafür prädestiniert sei, wer "aus trüben Quellen schöpft, wer zu viel Energie auf die Wahrung seiner Fassade verwendet, wer sich von den Erwartungen anderer bestimmen lässt oder wer die eigene Müdigkeit überspringt".

Die "schlechte" Müdigkeit sei indes nicht nur im weltlichen Berufsalltag zu erleben, etwa wenn man feststellt, "es ist nichts vorwärts gegangen, vielmehr war alles umsonst". Auch Priester sind dem Geistlichen zufolge vor diesem Erschöpfungszustand nicht gefeit, "weil sie möglicherweise begreifen müssen, dass immer weniger Menschen für ihre Botschaft empfänglich sind". Tatsächlich gebe es inzwischen eine "Kirchenmüdigkeit", weil "Kirche heute eben nicht mehr ist wie in den 1950er Jahren". Das Engagement der Gläubigen lasse in dem Maße nach, in dem sich Enttäuschung und Resignation ausbreiteten. Aber "wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen", forderte Anselm Grün.

Diese Form der "negativen" Müdigkeit zu überwinden sei schwierig, weil sie sich in allen Lebensbereichen ausbreite, sagte der Benediktinerpater und verwies auf die grassierende Politikmüdigkeit. "Immer weniger Menschen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, während immer mehr Zuschauer am Rand stehen und alles besser wissen." Auch in Familie und Partnerschaft könne sich diese ungute Müdigkeit einschleichen und das Miteinander vergiften. Aber, rief Pater Anselm Grün, "diese Müdigkeit zeigt, dass wir falsche, negative Vorstellungen haben", die dem Leben "seinen Schwung nehmen" und die Zukunftsperspektiven einschränken. Doch nur wo Begeisterung sei, könne Energie freigesetzt werden.

"Müdigkeit ist immer auch ein Anlass innezuhalten", postulierte der Referent, "weil die Seele rebelliert und wir für diese Reaktion dankbar sein sollten". Denn dieses Innehalten befördere zum einen die Einsicht, dass das Leben sowohl von Licht als auch von Schatten begleitet wird. Zum anderen ermögliche es eine "tiefe Gotteserfahrung", wie das Leben der Mönche eindrucksvoll zeige, so Pater Anselm Grün. Denn deren Müdigkeit lasse bisweilen nur sehr wenig Raum für Aufmerksamkeit, und die werde aber ausschließlich Gott gewidmet. Dann gelinge es, dass man sich "für Gott öffnet und ganz und gar eins werden kann mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen Menschen".

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