Klicken Sie aufs Bild, um über eine Karte zu Meldungen Ihrer Region zu gelangen.
Eine einzigartige Schule
In Limburg lernen Menschen Sticken
Die Samstagausgabe der NNP werden 15 Jugendliche und junge Erwachsene im Rahmen des "Projekts Junge Zeitung" gestalten. Eine der Autorinnen ist die 16-jährige Judith Hoppermann. Sie hat sich mal an einer einzigartigen Schule in Limburg umgeschaut.
Von Judith Hoppermann
Limburg. ![]()
Stickschülerin Anna Kyritsi aus Zypern hat an einem Workshop in der Limburger Stickschule teilgenommen. Foto: Hoppermann Taschen, Broschen, Postkarten, Kleider, Lampenschirme und auch Bilder. Und alle sind bestickt. Von der Großmutter? Nein! "Wir müssen diesen Oma-Touch loswerden", sagt Bärbel-Ingeborg Zimber, Direktorin und Lehrerin an der "International School of Textile Arts", einer in Deutschland einzigartigen Stickschule mit Sitz im Eschhöfer Weg in Limburg. Es gibt hier viel zu Sehen und Staunen. Zum Beispiel gestickte Bilder, die eher an moderne Kunst als an veraltete Jagdstickereien erinnern.
Vorbild England
Seit Oktober 2008 ist Bärbel-Ingeborg Zimber mit ihrer Stickschule in Limburg. Die Stickerei kennen- und liebengelernt hatte sie aber schon 1995 in England an der "Royal School of Needlework". "Zunächst war das nur eine Weiterbildung für mich, ich war ja schon 38 und eigentlich Bürokauffrau." Doch sie war so begeistert, dass sie noch während ihrer Ausbildung ihre erste Werkstatt in Deutschland eröffnete.
Auch in Limburg hat Bärbel-Ingeborg Zimber mit ihren Schülern schon an vielen Projekten mitgearbeitet. "Wir haben zum Beispiel Kleider für die 1100-Jahr-Feier gestickt. Dann haben wir auch Taschen mit dem Limburger Dom bestickt", sagt sie.
"Viele Limburger wissen noch gar nicht, dass es eine Stickschule in Limburg gibt", sagt Jürgen Bettingen. Er ist der Unternehmensberater und "Manager" der Schule. Es gebe eine moderne Art des Stickens, die nicht mehr viel mit dem simplen Kreuzstich von früher zu tun habe. In der Stickschule hängen viele Arbeiten. "Zuerst muss das Projekt aber ein Konzept auf Papier und einen Namen haben, erst dann geht es mit der Arbeit los", erklärt Bettingen. Das nehme dann im Durchschnitt 100 Arbeitsstunden in Anspruch.
Unikate
In Deutschland habe dieses Handwerk leider kein so großes Ansehen wie vor allem in den osteuropäischen Ländern oder den USA. "Gerade in Amerika geben Jugendliche viel Geld aus, um sich etwa Schuhe oder die Jeans besticken zu lassen", sagt er. Das kann es aber auch in Limburg geben. "Wenn jemand eine Idee hat, kann er einfach vorbeikommen, und wir besticken Kleidungsstücke", sagt Bärbel Zimber. "Für wenig Geld bekommt man so ein Unikat."
Dieses Interesse am Sticken und am Handarbeiten hat in der Stickschule Menschen aus Zypern, Griechenland, Finnland, Bulgarien, Rumänien, Lettland und Deutschland zu einem Workshop zusammengeführt. "Der Workshop ist Teil eines Projekts, das in Zypern im Zusammenhang mit dem Projekt ,Lebenslanges Lernen‘ der EU entstanden ist", sagt Anna Kyritsi (43), Initiatorin des Projekts. Es gehe darum, sich über Landesgrenzen hinweg über textiles Handwerk auszutauschen. "Es soll Leute motivieren, zu reisen und Wissen zu teilen", sagt sie. Was ihr Spaß macht am Workshop, ist, dass sie neue Dinge lernen kann, die sie auf anderen Wegen nicht erfahren hätte. "Ich lerne gerade neue Stiche, die es so in Zypern nicht gibt."
Aus Bulgarien sind Kristina Nikolova, Velichva Kieyavova und Asya Shiderova. "Ich hoffe, dass ich die neuen Techniken, die ich hier lerne, an junge Leute in meiner Heimat weitergeben kann", sagt Kristina Nikolova.
Normalerweise ist Yannis Mandelis (28) aus Griechenland Anwalt. Er gehört der Organisation "Youthnet Hella‘s" an, bei der es darum geht, in Europa andere Menschen zu treffen und mit ihnen Erfahrungen auszutauschen. Maria Symeonidae ist bei der gleichen Organisation. "Es geht darum, die Handwerkskunst in Europa zu bewahren und auch an junge Leute weiterzugeben."
Rosa Chiricvta aus Rumänien (54) möchte das, was sie im Workshop lernt, anderen Frauen in ihrer Region beibringen, damit diese auch ihre Freude daran haben. "Ich will den Workshop auch als Inspiration für meine eigene Kollektion verwenden", sagt Merja Lambert, eine Designerin aus Finnland. Die Handwerkskunst sei in Deutschland nicht so wertgeschätzt, was sie sehr schade finde. "Limburg soll die Chance erkennen, die es mit diesen Künstlern hier hat. Eine weitere Attraktion, um Touristen anzulocken", sagt sie.
Einen ersten Erfolg hat Bärbel-Ingeborg Zimber dieses Jahr schon erreicht. Seit Mai ist der Ausbildungsgang "Textilgestalter" als offizieller Ausbildungsgang anerkannt, und seit August kann sie sogar ausbilden. Ihr ist es wichtig, dass ihre Schüler alles lernen: von Filzen über Weben bis zu Klöppelarbeiten und Sticken, "etwas aus allen Fachbereichen".
Im Moment unterrichte sie 18 Schüler an ihrer Schule. "Anfragen bekommen ich aber sehr viele, auch aus dem Ausland, weil der deutsche Markt noch viel zu klein ist. Im Moment gibt es Anfragen aus Singapur, aus Saudi-Arabien und Südafrika", die habe sie aber aus zeitlichen Gründen erst einmal vertrösten müssen. "Ich sage es nicht gerne, weil es so eingebildet klingt, aber in dieser Form sind wir weltweit einzigartig. Ich will erst einmal die Grundlagen vermitteln, denn ein Handwerk kann man lehren und als Basis anbieten, aber einen Künstler kann man nicht ausbilden."



Umfassend über den Lieblingsverein informieren lassen. Gratis. Und bequem per Mail.
Folge uns unter