Schwarzstorch zeigt, wo‘s lang geht

Hünfeldener Parlamentarier ebnen den Weg zur Windkraft – Standort wird verlegt

Der Schwarzstorch ist nicht das einzige Lebewesen, das die vorgesehenen Standorte für die Hünfeldener Windkraftanlagen verändern wird, doch gerade von ihm war in der letzten Zeit öfters die Rede. Die Gemeindevertreter haben das tierökologische Gutachten zur Steuerung der Standorte bewertet und werden Planungsänderungen beantragen – dann geht es weiter.

Von Bernhard Trost

Hünfelden. Der Schwarzstorch kann das Hünfeldener Windkraft-Projekt nicht verhindern – aber verzögern, denn die Planung muss verändert werden. Die Realisierung des Hünfeldener Windparks ist beschlossene Sache. Im weiteren Verfahren wird der Gemeindevorstand eine Abweichung von den Darstellungen im Regionalplanes Mittelhessen beantragen. Außerdem wird eine Änderung des Flächennutzungsplanes erforderlich, an dem die Öffentlichkeit, die Behörden und die Träger öffentlicher Belange zu beteiligen sind. Weiter wird die bis dato thematisierte Nabenhöhe von 185 Metern fallen gelassen. 24 Gemeindevertreter waren dafür, zwei dagegen.

Verlorener Posten

Er stand auf verlorenem Posten und er wusste das auch: Gleichwohl legte Dr. Hans-Jürgen Zaborowski (Alternative Liste Hünfelden – ALH) nochmals ein leidenschaftliches Bekenntnis gegen die Errichtung von Windkraftanlagen am Standort "Hünfeldener Wald" ab, wobei er deutlich machte, dass die ALH Windenergie nicht grundsätzlich ablehne, wohl aber an den vorgesehenen Standorten, von denen es eine Menge "besser geeignete" gäbe. Er beklagte in erster Linie den unwiederbringlichen Verlust eines über Jahrzehnte gewachsenen Naherholungsgebietes für Menschen und Tiere, die enormen Waldverluste, den Verlust eines erst vor kurzem angelegten Rad- und Wanderwegenetzes (auch überregionale Wanderwege führen durch den Planstandort) und der Vertreibung einer reichen Tierwelt, deren Vorhandensein von dem von der Gemeinde bestellten tierökologischen Gutachten ausdrücklich festgestellt wurde. Zaborowski führte die großflächige Versiegelung von Waldböden an. So müsse allein für den Transport der Rotorblätter (50 bis 55 Meter lang), die nur im Stück angeliefert werden können, entsprechend breite Zuwegungen geschaffen werden. Hinzu komme die Anlieferung des Baumaterials für Fundamente und Türme. Für die Fundamente sei eine Tiefe von 25 bis 30 Metern erforderlich. In dieser Tiefe müsse Auswirkung auf das Trinkwasser (das Waldgebiet ist Trinkwasserquellgebiet) erwartet werden. Was aus den Fundamenten werde, wenn die Anlagen "fertig" sind und zurückgebaut werden, sei ungeklärt. Höchstwahrscheinlich werde nur deren Oberfläche etwas "abgekratzt" und dann Erde drüber gefüllt. Was gänzlich verschwiegen werde, weil ungeklärt sei die Frage der "Strom-Vorratshaltung". Der gewonnene, nicht sofort verwendete Strom müsse über Leitungsnetze (wahrscheinlich Freileitungen, weil Erdverkabelung zu teuer) zu einem (zu errichtenden) Umspannwerk geleitet werden.

Die auf Hochglanzprospekten prognostizierten Gewinne und Steuereinnahmen würden sich mit Sicherheit nicht einstellen. Hier erkenne selbst der Laie "geschönte" Ergebnisse. So liege die sogenannte "Windhöfigkeit" in dem geplanten Bereich gerade so über dem Grenzwert von sechs Metern pro Sekunde. Nach Auskunft des Offenbacher Wetterdienstes wird die erforderliche Windgeschwindigkeit nur an rund 1600 Stunden/Jahr in diesem Gebiet erreicht (bei Flaute keine Leistung, bei Starkwinden Abschaltung der Anlage aus Sicherheitsgründen). Zaborowskis Fazit: "Nur durch die Subventionierung durch das Erneuerbare Energiengesetz (EEG) wird es bei Zwangsabnahme des WKA-Stroms für die Betreiber interessant. Dies geschieht aber ganz klar auf Kosten der Stromverbraucher und der Steuerzahler." Gewerbesteuereinnahmen seien eher fraglich, weil hohe Abschreibungen kaum Gewinne erwarten ließen.

Zuvor hatte SPD-Fraktionssprecher Frank Kimpel-Stephan das tierökologische Gutachten, erstellt von einem Ingenieurbüro für Umweltplanung, näher erläutert. Das Gutachten entschärft und relativiert das in den letzten Monaten in der Gemeinde entworfene "Horrorszenario" (Zitat Rolf Schwenk). So sollte das ganze Thema "Windkraft" bereits gestorben sein, nachdem im Hünfeldener Wald das Vorkommen eines Schwarzstorches festgestellt wurde, der auch noch am Brüten war. Das Gutachten gelangt aber nun zu dem Schluss, dass unter Beachtung der Flugrouten zur Nahrungsbesorgung und dergleichen diese seltene Tierart nicht grundsätzlich gefährdet ist, wenn von seinem Bruthorst ein Radius von 1000 Metern frei bleibt.

Nach Westen

Also muss der Standort zweier Windkraftanlagen nach Westen (Richtung Kaltenholzhausen) "verschoben" werden. Die Erhebungen beschränken sich aber nicht nur auf den Schwarzstorch, sondern auf alle im Hünfeldener Wald vorkommenden "windkraftrelevanten" und sonstigen Tierarten. So wurden Lebensweise und Wander-Gewohnheiten von Schwarz- und Rotmilan, Wachtel und Uhu, Baumfalke und Kolkrabe, Wespenbussard und Feldlerche, Steinkauz und Kranich, auch Fledermäuse und der Wildkatze untersucht. Für alle diese Tiere bringen die Windkraftanlagen keine grundsätzliche Gefährdung, wenn auch die einmal angedachte Minimalgröße von 185 Metern nicht mehr verfolgt wird. Nach Erfordernis kann die Größe des einzelnen Windrades damit nach oben oder nach unten angepasst werden. Unterm Strich sind also die angedachten sechs Windräder auf Hünfeldener Waldgebiet nach wie vor realistisch.

Hünstetten betroffen

Hünstetten muss möglicherweise abspecken, das heißt, auf eine oder zwei Anlagen verzichten, weil der Hauptzugkorridor der Nahrungsflüge des Schwarzstorches zwischen Bruthorst und dem Nahrungshabitat im Palmbachtal zwischen Burgschwalbach und Ketternschwalbach liegt. Das komplette, achtseitige Gutachten kann unter http://www.huenfelden.de unter der Rubrik Umwelt/Windkraft heruntergeladen werden.

Wie Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer (parteilos) erklärte, werde es vor dem nächsten Verfahrensschritt eine öffentliche Veranstaltung geben, in der alle Bürger informiert werden und ihre Fragen stellen könnten. Sie könnten indes sicher sein, dass sich die Gemeindevertreter und Mitarbeiter der Verwaltung sehr intensiv mit dem sensiblen Thema auseinandersetzten und ihre gewonnenen Erkenntnisse zum Wohle aller Hünfeldener Bürger einsetzten.

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