18.10.2010

Kleine Reise durch Mexiko

Carlos Fuentes hat sich als Romancier und Geschichtenerzähler, aber auch als politischer Essayist einen Namen gemacht. «Die fünf Sonnen Mexikos» gibt einen Einblick in das Oeuvre des lateinamerikanischen Autors.	Foto: dpaCarlos Fuentes hat sich als Romancier und Geschichtenerzähler, aber auch als politischer Essayist einen Namen gemacht. «Die fünf Sonnen Mexikos» gibt einen Einblick in das Oeuvre des lateinamerikanischen Autors.	Foto: dpaCarlos Fuentes hat sich als Romancier und Geschichtenerzähler, aber auch als politischer Essayist einen Namen gemacht. «Die fünf Sonnen Mexikos» gibt einen Einblick in das Oeuvre des lateinamerikanischen Autors. Foto: dpa

Neben den Nobelpreisträgern Mario Vargas Llosa und Gabriel García Márquez gilt der Mexikaner als einer der drei Großen der lateinamerikanischen Literatur. Jetzt ist sein Landesporträt «Die fünf Sonnen Mexikos» etwas verspätet auf Deutsch erschienen.

Der erste «richtige» Mexikaner hieß Martín. Sohn des spanischen Eroberers Hernán Cortés und seiner indianischen Geliebten Malinche, steht er sinnbildlich für das Mestizentum, die Verschmelzung von europäischen Invasoren und der aztekischen Urbevölkerung zu einem neuen Volk. Gemeinsam mit seinem Bruder, der auch Martín hieß, aber ein ehelicher Sohn des Konquistadoren war, nahm er an einer Rebellion gegen die spanische Krone teil und entging nur knapp dem Schafott.

25 Kurzgeschichten und Essays versammelt der Band, mit denen der mexikanische Romancier Carlos Fuentes die Geschichte und das Wesen seines Landes beleuchtet, und «Die beiden Martíns» ist eine von ihnen. In «Die fünf Sonnen Mexikos» spannt der Autor einen Bogen von der altindianischen Vorzeit über die Kolonialepoche, die Unabhängigkeit und die mexikanische Revolution bis ins Zeitalter von Handys und Internet. Immer geht es ihm um die Frage nach dem Ursprung des Landes, der Identität seiner Menschen und ihrem Platz in der Welt.

Im letzten Zeitalter

Ein Buch passend zu den 200-Jahr-Feiern der Unabhängigkeit in diesem Jahr, möchte man meinen. Doch weit gefehlt, das spanische Original erschien nämlich schon vor gut zehn Jahren. Den damaligen Untertitel «Memoria de un milenio» (Erinnerung an ein Jahrtausend) änderte der S. Fischer-Verlag kurzerhand in «Ein Lesebuch für das 21. Jahrhundert» um. Doch die Kapitel, die von der Gegenwart handeln, wirken schon etwas veraltet.

Der Titel des Buches stammt aus der aztekischen Mythologie: Die fünf Sonnen standen darin für fünf Zeitalter, von denen vier schon untergegangen sind. Wir heutigen Menschen leben also unter der fünften Sonne – die allen Prophezeiungen zum Trotz noch immer scheint. Was sich unter dieser Sonne abgespielt hat, davon weiß Fuentes viel zu erzählen. Der Übergang von Realität zu Fiktion ist fließend. So dreht Fuentes in der Erzählung «Die beiden Ufer» den historischen Spieß einfach um und lässt die Mayas Spanien erobern.

Thema Migration

Ganz aus dem mexikanischen Alltag gegriffen ist dagegen die Geschichte von «Marina in der Tretmühle», die von den Fabrikarbeiterinnen im Grenzgebiet zu den USA erzählt. Hochaktuell sind auch Fuentes’ Betrachtungen zur modernen Migrationsgesellschaft, die das mestizische Mexiko schon vorweggenommen habe. «Heute kehrt die Dritte Welt in die Erste Welt zurück und stellt die Fähigkeiten Europas und Nordamerikas auf die Probe, das Andere aufzunehmen», schreibt Fuentes in seinem im Februar 2000 verfassten Vorwort.

Zum Kennenlernen

Dagegen findet man in diesem Fuentes-Band nichts zum mexikanischen Drogenkrieg, der vor elf Jahren ja noch nicht so blutige Ausmaße angenommen hatte. Auch der erste demokratische Machtwechsel in Mexiko und das Ende der Alleinherrschaft der PRI standen damals erst noch bevor. Völlig veraltet liest sich das Kapitel über den inzwischen weitestgehend beruhigten Konflikt im Bundesstaat Chiapas. Der Verlag bewirbt das Buch als «persönliche Auswahl» aus den frühen großen Romanen wie «Terra nostra», den Erzählungen und politischen Essays. Leider fehlt dem Band ein einordnendes Vorwort zur deutschen Erstausgabe.

Fuentes-Kennern dürften viele Kapitel der «Fünf Sonnen» schon bekannt vorkommen, sind sie doch aus früheren Werken ausgekoppelt. Wer sich mit dem Denken des Grandseigneurs der mexikanischen Literatur vertraut machen will, ist mit dem später geschriebenen, aber in Deutschland früher erschienenen Band «Woran ich glaube» (2004) eigentlich besser bedient. Derweil schreibt Fuentes, der am 11. November 82 Jahre alt wird, noch immer neue Romane. Der studierte Jurist, der zunächst die diplomatische Laufbahn eingeschlagen hatte, war in den 70er Jahren mexikanischer Botschafter in Paris, lehrte in Harvard und lebt heute in Mexiko-City und London. Ob auch seine jüngsten Werke auf Deutsch erscheinen werden, ist ungewiss – die Kritiken in Mexiko waren zumindest nicht die besten.

Carlos Fuentes: «Die fünf Sonnen Mexikos – Ein Lesebuch des 21. Jahrhunderts». S. Fischer, Frankfurt. 543 S., 22,95 Euro

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