15.07.2010

Mord oder Halluzination?

Darin geht es um Verwirrung und Unsicherheit. Bis zur letzten Seite bleibt die Spannung bestehen. Morgen erscheint das Buch auf Deutsch.

«Unsichtbar» nennt Paul Auster seinen neuen Roman. Aber eigentlich geht es ihm um Ungewissheit, eines seiner immer wiederkehrenden Lieblingsthemen. «Darum, dass wir uns nie sicher sein können», erläuterte der Autor beim Gespräch in New York. Wir sitzen im Garten von «Sweet Melissa», einem winzigen Café in Brooklyn. Hier ist Auster zu Hause, arbeitet tagsüber in einer kleinen Wohnung und kehrt abends zu seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, zurück.

Er ist groß, gut aussehend und wirkt auf Anhieb sympathisch. Er bestellt einen Wein («Ich bin für heute fertig mit der Arbeit») und packt die Zigaretten aus. Keine Spur von Distanz. 16 Romane hat er bisher geschrieben, die meisten davon sind in aller Welt zu lesen.

Gleich auf der ersten Seite fallen die Worte, um die es ihm geht: «Halluzinationen und Höllenqualen». Ein Zitat aus Dantes «Inferno» und das Leitmotiv der verschiedenen Erzählstränge, die Auster erst am Ende grandios und mit dem üblichen Knalleffekt verknüpft.

Adam Walker, ein junger Student und angehender Dichter in New York, bekommt die Chance seines Lebens. Er soll eine literarische Zeitung aufbauen. Die finanziellen Mittel für das Projekt verspricht ihm ein Professor seiner Universität, Rudolf Born. Doch meint er es ernst? Und was steckt dahinter? Etwa die Geliebte des Professors, die scharf ist auf Adam?

Der Deal ist fast perfekt, als Adam seinen Gönner eines Nachts durch Manhattan begleitet. Die beiden Männer werden von einem Teenager überrumpelt, der ihr Geld fordert. Doch statt seine Brieftasche zu ziehen, greift der Professor zum Messer und sticht den Jungen nieder. Adam läuft, um Hilfe zu rufen. Aber kaum zurück, ist das Opfer verschwunden. Halluzination?

In der Zeitung liest er vom Tod des jungen Mannes. Doch Born lehnt jede Verantwortung ab. Adam beginnt, an sich zu zweifeln, quält sich mit Selbstvorwürfen und beschließt endlich, den Professor zu überführen. Doch der flieht nach Paris, Adam ihm hinterher. Auch dort scheitert sein Versuch, Born zur Verantwortung zu ziehen.

Jahrzehnte später, alt, vergrämt und am Sterben, vertraut Adam die Geschichte einem früheren Studienfreund an. Noch bevor er die Memoiren beenden kann, siegt der Krebs. Derweil lässt der Professor, einsam und gelangweilt auf einer Insel, die Katze aus dem Sack und enthüllt seine Identität. Wahr? Oder Halluzination?

Mit spielerischer Leichtigkeit führt Auster durch sein Erzähllabyrinth und lässt nicht einen Moment Langeweile aufkommen. Seine Sprache ist glasklar und elegant, und der Paukenschlag zum Schluss könnte nicht überraschender ausfallen. «Wer die letzte Seite von Paul Austers ,Unsichtbar‘ gelesen hat, möchte auf der Stelle wieder von vorn anfangen», schrieb die «New York Times» beim Erscheinen des Originals. Das Blatt hat recht.

Paul Auster: «Unsichtbar». Rowohlt, Reinbek. 320 S., 19,95 Euro

  • Zurück
  • Versenden
  • Kommentar
  • Druckansicht
    • Delicious
    • Mr. Wong
    • Linkarena
    • Google
    • Yigg
    • Oneview
    • Facebook
    • Facebook

Kommentare

Zur Zeit liegen noch keine Kommentare zu dieser Meldung vor.

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen
  1. Bestätigung

    Bestätigung

    Bitte geben Sie das Ergebnis folgender Rechenaufgabe in das Lösungsfeld ein.

    2 + 3


Anzeige

Eintracht Frankfurt: Soll Chris zurückkommen?

Eintracht Frankfurt sucht einen, eher sogar zwei neue Innenverteidiger. Dabei hat sich der Brasilianer Chris selbst ins Gespräch gebracht, der zwischen 2003 und 2011 schon einmal für Frankfurt aufgelaufen ist. Was denken die FNP-Leser, sollte Chris zurückkehren?

Ihre Tageszeitung als PDF

Nassauische Neue Presse

Die Titelseite der Nassauische Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.

Anzeige

Extras

Die FNP mobil lesen

Tausende lesen die FNP schon auf dem iPhone. Die neue Version der App ist noch umfangreicher und schneller. Es gibt sie im App-Store.

Wir bei Twitter

Folge uns unter twitter.com/fnp_zeitung. Ständig aktuelle Tweets zu Nachrichten aus der Wetterau und dem Main-Kinzig-Kreis.