13.09.2010

So viele Arten, sich zu paaren

«Gefühlte Nähe» hat Harald Martenstein seinen zweiten Roman genannt. Es geht um die Probleme des menschlichen Paarungsverhaltens.

Martensteins «Roman in 23 Paaren» gehört zu der Sorte kluger Bücher, bei denen man sich zum Weiterlesen nicht erst aufraffen muss. Am Anfang scheinen die Geschichten nur lose verbunden zu sein. Doch mehr und mehr verstehen die Leser, dass Martenstein den variantenreichen Beziehungsalltag mit System beschreibt: Sein Buch ist eine Enzyklopädie des menschlichen Paarungsverhaltens. Es erzählt das Liebesleben der weiblichen Hauptfigur von den ersten Teenagersehnsüchten bis zur späten pragmatischen Beziehung zu einem jungen Afrikaner, als sie schon in dem Alter ist, in dem andere Großmutter werden.

In der Auftaktgeschichte hat N. ihren ersten Sex – mit dem Deutschlehrer während einer Klassenfahrt. «Es war wunderschön», schwärmt sie. «Genauso habe ich mir das erste Mal vorgestellt. Ich bin total verliebt in dich.» Ihn wirft das Erlebnis aus der Bahn. N. muss die Schule wechseln.

Liebe hat ein erhebliches Konfliktpotenzial, zeigt schon diese erste Geschichte. Martenstein erzählt auch alle weiteren kitschfrei und beobachtet mit kaltem Blick. Wohlfühlliteratur ist «Gefühlte Nähe» nicht.

Manche Geschichten legen den Fokus ganz auf die Wahrnehmung des männlichen Parts, N. kommt nur am Rand vor. Aber mit jeder Geschichte lernt der Leser mehr über sie: Mal wird sie verlassen, weil sie ihrem Partner auf die Nerven geht, mal zerbricht eine Beziehung, weil ihr Lover schon das zweite Kind mit einer anderen hat. Mal trauert ihr ein Ex noch Jahre nach der Trennung nach, mal schreibt ihr ein anderer, den sie mit der Begründung verlassen hat, er sei ein netter Typ, aber zu langweilig, einen letzten Brief.

In einer Geschichte hat sie eine Affäre mit einem 86-Jährigen, der sich kaum noch alleine die Socken anziehen kann. Einmal schläft sie mit einem alternden Moderator, von dem sie glaubt, er kenne sie, dabei kann er sich nicht erinnern. Martenstein spielt durch, was alles möglich ist, wenn Männer und Frauen aufeinandertreffen. Über weite Passagen erscheint der Erzähler als großer Männerversteher. Doch mit jeder Geschichte wächst gleichzeitig das Mitgefühl mit N., die im andauernden Beziehungsreigen oft genug ein hilfloses Objekt ist. Auch dieser Perspektivwechsel ist eine Stärke des Buchs. Dass Martensteins hochgelobter Debütroman «Heimweg» keine Eintagsfliege war, ist nun hinreichend bewiesen.

Harald Martenstein: «Gefühlte Nähe. Roman in 23 Paaren». C. Bertelsmann, München. 224 S, 19,99 Euro

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