Die Titelseite der Nassauische Neue Presse vom 27.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Sog der Vergangenheit
Schnell und einfühlsam
Jenseits dieser Szene-Attribute verfügt sie über ein außerordentliches Talent zum literarischen Wurf: Mit schwindelerregender Schnelligkeit zieht sie ihre Leser in ihre Geschichten hinein. Der Plural ist berechtigt: Sie tischt mehrere Geschichten auf, die nur lose miteinander verflochten sind. Da ist eine angehende New Yorker Schriftstellerin, die ohne Mobiliar vor den Trümmern ihres Lebens steht, als ihr Freund sie verlässt. Ein junger chilenischer Dichter, der die Revolution im Kopf und deswegen keinen Sinn für Möbel hat, überlässt ihr seinen riesigen Schreibtisch, ein unförmiges Trumm mit 19 Schubladen. An ihm verbringt die Autorin ihr schreibendes Leben, denn der charismatische Daniel stirbt in Pinochets Foltergefängnissen. Jahrzehnte später meldet sich eine junge Frau, die als Varskys Tochter Anspruch auf den Tisch erhebt. Das Verschwinden des Möbels stürzt die mittlerweile erfolgreiche Autorin abermals in eine tiefe Krise, der sie mit psychiatrischer Hilfe und einer Reise nach Israel entflieht.
Soweit die rasante Handlung des ersten Kapitels. Doch jetzt, verwirrend für den Leser bis zu den letzten Seiten des Romans, springt die Autorin: Mit enormem Tempo geht es in die nächste Geschichte, ein Mann will die seit Jahrzehnten brachliegende Beziehung zu seinen Söhnen kitten. Wieder ein Kapitel weiter führt eine neue Erzählung nach Oxford. Ein Mann entdeckt, dass seine demente Frau in den Kriegsjahren, lange bevor die beiden sich kennenlernten, ein Kind gebar und zur Adoption freigab. Die Frau übrigens ist im Besitz jenes Schreibtisches von Daniel Varsky, welcher... – siehe Kapitel 1.
In all diesen Erzählungen besticht die Autorin mit ihrer großen Einfühlungsgabe. Verlorene Seelen, gebrochene Schicksale: Krauss spürt die Einsamkeit ihrer Menschen im vermeintlich normalen Alltagsgetriebe auf. Ihre Geschichten kreisen ums Erinnern dessen, was endgültig ins Vergessen zu geraten droht. Nichts eignet sich als Symbol dafür besser als ein ungeschlachter Schreibtisch mit unzähligen Schubladen? Das 20. Jahrhundert mit seinen Schrecknissen des Holocaust hält die Figuren von Krauss auch im 21. Jahrhundert in ihren Krallen. Verdrängte Trauer und verschüttete Ängste legt sie mit meist feinfühligen, manchmal allerdings auch ins ärgerlich Sentenzenhafte überschwappenden Formulierungen frei.
«Als ich Leah das erste Mal sah, war ich überrascht, wie schmächtig und bescheiden sie wirkte, als wäre ihr ganzes Dasein für das Innenleben reserviert. Es schien, als würde sie durch einen großen inneren Druck zusammengehalten.» Man spürt die Sensibilität der Autorin und zugleich ihren Ehrgeiz, Hochliteratur zu schreiben. Und das lässt manche Beobachtung letztlich trivial erscheinen. Das «große Haus» übrigens gilt in der Geschichte des Talmud als Sinnbild einer Heimat für all jene, die von den Grausamkeiten des Schicksals aus ihrer Existenz getragen wurden. Indem sie sich in diese Tradition stellt, greift Krauss auch hier ehrgeizig nach den Sternen. Einlösen kann sie diesen Anspruch nicht ganz. «Das große Haus» ist ein im Detail sehr guter, im ganzen aber kein großer Roman.
Nicole Krauss: «Das große Haus». Rowohlt. Reinbek. 384 S., 19,95 Euro


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