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Einsamer Tod: Zahl der Amtsbestattungen steigt

Die Gesellschaft wird älter - und einsamer. Das merken auch die Kommunen in Deutschland, die immer öfter Menschen bestatten müssen, die niemanden mehr hatten. Amtsbestattungen bestehen nur aus dem Nötigsten.
Immer häufiger müssen Kommunen Amtsbestattungen durchführen - wenn sich keine Angehörigen finden lassen. Foto: Friso Gentsch Immer häufiger müssen Kommunen Amtsbestattungen durchführen - wenn sich keine Angehörigen finden lassen. Foto: Friso Gentsch
München. 

Keine Blumen, keine Trauergäste. Nur ein einsamer Sarg - der einfachste und billigste. Die Zahl der Menschen, die ohne Angehörige sterben und vom Ordnungsamt bestattet werden müssen, steigt in Deutschland zwar nicht sprunghaft, aber seit Jahren stetig.

„Die Zahl der Ordnungsamtsbestattungen nimmt zu”, bestätigt der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter , Stephan Neuser. „Das hat auch mit unserem demografischen Wandel zu tun. Bei älteren und alleinstehenden Menschen kommt es öfter dazu, dass der Staat sich kümmern muss.”

In München ist Sigrid Diether für diese Fälle zuständig. Schon seit 20 Jahren ist sie Sachgebietsleiterin der Abteilung „Bestattungen von Amts wegen” der Städtischen Friedhöfe München. „Eine Bestattung ist zwar noch trauriger ohne Blumen”, sagt sie, „funktioniert aber trotzdem”. Das Amt darf in solchen Fällen nur die einfachsten und günstigsten Leistungen in Anspruch nehmen. „Das, was wir organisieren müssen, darf nur notwendig sein”, sagt sie. „Der einfachste Sarg, wir machen auch keinen Blumenschmuck.”

591 Menschen sind im vergangenen Jahr in München „von Amts wegen” bestattet worden; in diesem Jahr waren es bislang 397. Zum Vergleich: 2001 waren es 467, 2005 nur 322. „Auch wenn die Zahlen etwas springen, die Tendenz geht hoch”, sagt Diether. Und das gilt nicht nur für München.

Wie oft genau das in Deutschland vorkommt, ist nicht erfasst. Bundesweite Statistiken zu dem Thema gibt es nicht, und nicht jede Kommune veröffentlicht die Zahlen. Noch nicht einmal landesweit werden die Zahlen erfasst, sagt der stellvertretende Vorsitzende des bayerischen Bestatterverbandes , Karl Albert Denk. „Aber die Zunahme haben wir flächendeckend.” Ein Beispiel aus dem hohen Norden: Nach Angaben der Hamburger Friedhöfe werden in der Hansestadt inzwischen „an die 1000” Menschen pro Jahr vom Ordnungsamt bestattet. „Die Tendenz hat über die Jahre etwas zugenommen”, sagt eine Sprecherin.

Innerhalb von vier Tagen müssen Tote bestattet werden - „zur Gefahrenabwehr”, wie es heißt. „Es wird aber immer schwieriger, die Angehörigen zu finden”, sagt Diether, die sich in München pro Jahr mit rund 1200 Fällen befasst. Der „Klassiker”, so sagt sie, sei die unbekannte männliche Leiche, die irgendwo in der Stadt gefunden wird. Nicht immer lasse sich die Identität des Toten klären.

Aber Diether hat schon Fälle aus allen Gesellschaftsschichten erlebt - alte und junge Tote. Menschen, die im Berufsleben standen, als Einzelkinder aber keine Geschwister hatten, die sich kümmern konnten. Sie berichtet von einem alten Ehepaar, bei dem der überlebende Partner dement war und von einer allein erziehenden Mutter, die als einzige Angehörige eine kleine Tochter hatte. „Wir haben einen sehr speziellen Blick in unsere Gesellschaft.”

Bei einem Großteil der Fälle finden sich dann doch noch Angehörige, die die Verantwortung für die Bestattung übernehmen wollen - oder müssen (Eltern, Großeltern, Kinder, Geschwister, Nichten und Neffen stehen in der Pflicht). Aber eben nicht bei allen. Mehr als 1,5 Millionen Euro hat die Stadt München im vergangenen Jahr für die Ordnungsamtsbestattungen ausgegeben.

Dabei versuchen Diether und ihre Mitarbeiter herauszufinden, was im Sinne des Verstorbenen gewesen wäre. Sie schauen beispielsweise, ob es ein Familiengrab gibt oder wie Angehörige bestattet worden sind. „Da versuchen wir, die richtige Entscheidung zu treffen.”

Eine Erdbestattung von Amts wegen kostet in München nach Angaben der Stadt rund 3500 Euro, eine Feuerbestattung ist mit 2500 Euro deutlich günstiger. Trotzdem folgt das Amt - soweit der bekannt ist - dem Wunsch des Toten. „Die Stadt München will sich nicht nachsagen lassen, dass sie ihre Bürger verscharrt”, sagt Diether entschieden.

Die Menschen, die in München vom Amt bestattet werden, bekommen ein Grab, auf dem Rasen gesät wird und einen schlichten Grabstein oder ein Kreuz. Wenn bekannt ist, dass sie gläubig waren, nimmt ein Pfarrer die Bestattung vor; wenn nicht, macht das ein Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung. In Berlin sind Urnenbeisetzungen Standard, wie eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales sagt. Wie teuer eine Amtsbestattung sein darf, sagt sie nicht. Gezahlt wird aber auch dort nur für die absolute Grundausstattung: „Kosten für eine Trauerfeier, für Redner und für die Ausschmückung der Halle darf das Bezirksamt nicht übernehmen.”

Diether war schon das ein oder andere Mal dabei, wenn in München ein Mensch ganz einsam zu Grabe getragen wurde. „Wenn man den Sarg in der Aussegnungshalle sieht und es ist nur der Pfarrer da - das ist schon traurig.”

(Von Britta Schultejans, dpa)
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