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Freundschaften und Beziehungen sind oft unausgeglichen

Jeder hat so jemanden im Freundeskreis: den Macher. Er plant, organisiert und hat alles im Griff. Auf die Dauer kann es ziemlich anstrengend sein, ständig die Verantwortung zu tragen. Doch die Macher-Rolle hat auch positive Seiten.
Hannover. 

Im Idealfall sind Beziehungen perfekt ausgewogen. In der Realität sieht das anders aus: Oft ist es immer der eine, der die Initiative ergreift, plant und organisiert. Manchmal nervt das so, dass man aus dieser „Ich-mache-alles”-Falle hinauswill. Doch wie funktioniert das?

Janina Westphal nimmt die Dinge gerne selbst in die Hand. Die Bloggerin aus Hannover, die auf oh-wunderbar.de über ihr Leben als Mutter dreier Kinder schreibt, bezeichnet sich als die Macherin in ihrer Beziehung. „Ich bin oft ungeduldig und habe ganz genaue Vorstellung, wie etwas am besten umgesetzt wird.” Bevor sie mit der Organisation unzufrieden ist, mache sie es lieber gleich selbst.

So wie Westphal geht es vielen Menschen, die charakterlich zu den Machern gehören, sagt der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger. „Ich habe alles in der Hand und empfinde das häufig als Vorteil”, erläutert er den Beweggrund, warum manche Leute in Beziehungen stets den aktiven Part bilden.

Er warnt aber auch davor, solche Rollen zementieren zu lassen. Wenn der Aktive, zum Beispiel aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen, seine bisherige Rolle nicht mehr ausfüllen kann, sieht der Zurückhaltende darin oft eine Chance. Und vielleicht ist auch der Aktive froh, sich mal treiben lassen zu können. So genießt es Westphal ebenfalls in manchen Freundschaften, sich zwischendurch zurückzulehnen. „Meine beste Freundin ist auch eine Macherin, sie ist mir charakterlich sehr ähnlich. Wir haben beide ganz genaue Vorstellungen und tauschen daher häufig die Rollen.”

Eine solch ausgeglichene Freundschaft ist selten, wie Janosch Schobin erklärt. Der Soziologe der Universität Kassel forscht zum Thema Freundschaften und hat festgestellt: „Freundschaften sind fast nie konsistent.” Freunde stellen Hierarchien unter ihren Freunden auf, die aber nicht immer miteinander übereinstimmen. „Das Problem ist das so genannte Freundschaftsparadox: Die durchschnittliche Person ist mit Menschen befreundet, die mehr Freunde haben als sie selbst.” Dieses Phänomen tritt auf, weil es eine kleine Gruppe populärer Leute gibt, die sehr viele Freunde haben. „Und wer täglich drei, vier Anrufe oder Angebote von Freunden bekommt, greift am Ende des Tages nicht mehr selbst zum Hörer und übernimmt die Initiative.”

Ist es also ein Zeichen von Beliebtheit, die anderen einfach machen zu lassen? Nicht nur, sagt Schobin. Häufig hat es ganz praktische Gründe, weshalb sich einer um alles kümmert. „Zu viele Köche verderben den Brei. Strategisch ist es geschickter, wenn einer der Organisator wird.”

Janina Westphal ist mit der Aufteilung, dass sie mehr macht, nicht unzufrieden. Sie hat es sich ja selbst so ausgesucht. Gerade in ihrer Partnerschaft habe sich das schnell so eingespielt, und sie haben gemeinsam eine gesunde Basis gefunden. „Wenn ich mir doch mal mehr Initiative von meinem Mann wünsche, spreche ich das an.”

„Wenn der Aktive einen Gewinn daraus zieht, ist ein Ungleichgewicht aber auch nicht negativ”, sagt Krüger. „In jeder Beziehung gibt es eine innere Bilanz: Vielleicht bekommt man einen Ausgleich durch die Anerkennung oder durch andere positive Eigenschaften des Partners oder Freundes.”

(Von Ines Schipperges, dpa)
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