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Handel setzt auf «Quengelkassen» - Eltern sollten hart bleiben

Eltern haben es in der «Quengelzone» meist nicht leicht. Einige Supermärkte wie hier Kaufland bieten daher extra gekennzeichnete süßwarenfreie Kassen an. Foto: Franziska Kraufmann Eltern haben es in der «Quengelzone» meist nicht leicht. Einige Supermärkte wie hier Kaufland bieten daher extra gekennzeichnete süßwarenfreie Kassen an. Foto: Franziska Kraufmann
Neckarsulm. 

Kritiker fordern die Verbannung von Süßigkeiten aus dem Kassenbereich, doch in den deutschen Supermärkten ändert sich wenig. Zu sehr lohnt das Geschäft mit «Quengelware». Eltern sollten nicht nachgeben - auch wenn das Kind laut und wütend wird.

Die Liste ist abgearbeitet, der Einkaufswagen voll, da kommt für viele Eltern die eigentliche Hürde. An der Kasse geht das Gequengel los. Der Grund: Süßigkeiten, für Kinder gemacht, in greifbarer Höhe verstaut. «Impulsware» heißen solche Produkte im Fachjargon, weil Kunden einfach ohne nachzudenken zugreifen. Vor allem Kinder, sagen Kritiker.

Das Geschäft kurz vor dem Ausgang ist für den Handel besonders lukrativ: Obwohl der Kassenbereich in der Regel nur ein Prozent der Ladenfläche einnimmt, liegt der Umsatzanteil in Supermärkten nach Daten des EHI Retail Institutes bei 6 bis 7 Prozent, in Warenhäusern immerhin noch bei gut 3 Prozent. «Die Umsatz- und Ertragszahlen sind sehr hoch», sagt Marco Atzberger vom EHI in Köln. Neben Süßigkeiten machen einer Untersuchung des Instituts zufolge Tabakwaren den größten Anteil der Waren an Kassen aus.

Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch hat kein Verständnis für solche Interessen. 15 Prozent der Kinder in Deutschland gälten als zu dick. Huizinga macht dafür auch das Überangebot an Süßigkeiten verantwortlich. Foodwatch sieht die Handelskonzerne deshalb in der Verantwortung und startete jüngst eine E-Mail-Aktion , um den Discounter Lidl dazu zu bringen, Süßigkeiten an deutschen Supermarktkassen abzuschaffen.

In Großbritannien hat Lidl das schon getan. Statt Süßigkeiten werden dort Nüsse und Obst angeboten - offiziell, um Eltern den Einkauf zu erleichtern. Hierzulande sei man aber erst in einer «Projektphase», sagt eine Sprecherin. Ob und wann der Süßkram an deutschen Lidl-Kassen verschwindet, ist also noch offen.

Andere Einzelhändler sind da schon weiter: Bei der ebenfalls zur Schwarz-Gruppe gehörenden Kaufland-Gruppe gibt es seit Jahren in jeder Filiale eine extra gekennzeichnete süßwarenfreie Kasse. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kunden mit kleinen Kindern diese Serviceleistung gerne annehmen», erklärt eine Sprecherin. Stattdessen würden dort Artikel des täglichen Bedarfs wie Batterien, Handyladekabel, Drogeriewaren oder auch Einkaufsgutscheine platziert.

Auch bei der SB-Warenhauskette Real verzichtet man an einzelnen Kassen auf Schokolade und Kaugummis. Das ergebe sich ganz von selbst, da das Unternehmen auch viele andere Produkte wie Telefonkarten, Tabak oder Batterien anbiete, sagt ein Real-Sprecher. Bei Aldi Süd gibt es nach Unternehmensangaben keine grundsätzliche Festlegung in der Süßwarenfrage, ebenso wie bei den genossenschaftlich organisierten Edeka-Märkten. Märkte mit süßwarenfreien Kassen seien zwar noch nicht die Regel, würden aber bei Neu- oder Umbauten immer häufiger gewählt, so ein Edeka-Sprecher.

«Es gibt zunehmend Händler, die sagen «Ich halte mir die Kasse frei»», sagt Einzelhandels-Experte Atzberger. Es gehe im Handel immer mehr nicht nur um Produkte, sondern um das gesamte Einkaufserlebnis. Beim Discounter könne der Verzicht auf Quengelware beispielsweise ein Konzept sein, den sorgfältig geplanten Einkauf zu unterstützen.

Dass die Kassenzone allerdings komplett von Kaufanreizen freigeräumt wird, ist nicht zu erwarten. «Ein Händler wäre wahnsinnig, wenn er auf diese Umsätze verzichten würde», heißt es bei einem der großen deutschen Handelskonzerne. Nach Einschätzung des Branchenkenners lässt sich mit anderen Produkten dort viel mehr Gewinn machen als mit Süßigkeiten - etwa mit Tabak, Alkohol oder Batterien.

«Ich kann mir vorstellen, dass verstärkt andere Produkte angeboten werden», sagt auch Joachim Pinhammer vom Analystenhaus Planet Retail. Eine andere Entwicklung könnte seiner Meinung nach aber doch dafür sorgen, dass in Zukunft weniger Quengelware angeboten wird: Selbstbedienungskassen. Die seien zwar in Deutschland noch kaum verbreitet. Sollte sich das Konzept allerdings durchsetzen, werde es schwieriger, an der Stelle Umsätze zu generieren. «Der Kunde hat dann keine Wartezeit mehr, die er sich vertreiben muss.»

Eltern können Quengelattacken an der Supermarktkasse vorbeugen, indem sie vorher klare Absprachen mit den Kindern treffen. «Wir kaufen jetzt zusammen ein, und du kannst dir eine Sache aussuchen», gibt Ulrich Gerth von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung ein Beispiel. Gut sei auch, die Einkaufsliste zusammen zu schreiben. «Man kann überlegen: Was wollen wir essen, was essen wir gerne», erläutert der Diplom-Psychologe. «Da kann man die ganze Ernährungsgeschichte mit reinpacken.» Die Einkaufsliste sollte auch vermitteln: Mehr als das kaufen wir nicht.

Während des Einkaufens sollten Eltern sich Zeit nehmen und die Kinder nicht unter Druck setzen. Die Kleinen können mithelfen, die Einkaufsliste abzuarbeiten. Das Mithilfe-Prinzip gelte auch an der Kasse: Dort können sie die Lebensmittel auf das Band legen. Das lenke sie gleichzeitig von den Süßigkeiten um sie herum ab. Wichtig sei, dass der Erwachsene nun Vorbild bleibt: Auch er sollte sich beim Warten nichts von den Ständen an der Kasse nehmen - seien es nun Süßigkeiten, Kaugummis oder Batterien.

Kommt es nun trotz aller Vorbereitung zur Quengelattacke, helfe nur eins: «Hart bleiben», sagt Gerth. «Erklärt werden kann vorher oder nachher» - aber nicht während der Quengelei. Das sei vergebliche Liebesmüh. Zu Hause könne man aber noch einmal nachfragen: «Was war denn da los?» Und im Zweifel Sanktionen ankündigen: «Nächstes Mal gehst du dann gar nicht mehr mit.» Ausnahmen sind tabu. Denn sie werden sonst schnell zur Regel, wenn Eltern dem Flehen nachgeben. «Wenn das Quengeln ab und zu hilft, warum sollte ich es dann nicht öfter machen?» Diese Botschaft werde Kindern sonst vermittelt.

(Von Annika Graf, dpa)
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