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Senioren zeigen die Stadt

Alle Straßen sind vertraut, die Häuser erzählen Geschichten von früher: Viele Senioren sind seit Kindertagen in ihrer Heimatstadt verwurzelt. Diesen Wissensschatz können sie sich zunutze machen - und als Stadtführer andere daran teilhaben lassen.
Die Architektur von Industriebauten: Dieses Thema ist das Steckenpferd von Stadtführer Jürgen Drömmer (l.). 	Foto: Monique Wüstenhagen/dpa Die Architektur von Industriebauten: Dieses Thema ist das Steckenpferd von Stadtführer Jürgen Drömmer (l.). Foto: Monique Wüstenhagen/dpa

Wenn Bernhard Prutz durch seine Heimatstadt Bad Schmiedeberg führt, dann geht es weniger um Daten und Fakten des traditionsreichen Kurorts in Sachsen-Anhalt. Der 78-Jährige hat sein ganzes Leben in Bad Schmiedeberg verbracht, hat dort jahrzehntelang den Familienbetrieb, eine Seilerei, geführt - und erzählt den Teilnehmern die Geschichten aus dem Alltag, die nicht in den Reiseführern stehen: „Ich zeige den Leuten zum Beispiel, wo wir als Kinder auf dem Schulanger Verstecken gespielt haben.“

„Biografische Stadtführung“ nennt sich das Konzept. Es wurde vom Zentrum für Bewegungsförderung bei der Landesvereinigung für Gesundheit in Sachsen-Anhalt entwickelt. „Ziel ist es, dem Bewegungsmangel bei Senioren vorzubeugen, etwas gegen das Vergessen zu tun und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, neue Kontakte zu knüpfen“, erläutert Sigrid Wege, Gesundheitsmanagerin bei der Organisation in Magdeburg.

Interessierte Senioren wie Bernhard Prutz erhalten eine Schulung, in der sie die Planung und Gestaltung von Stadtführungen einüben und lernen, wie man historische Ereignisse auf spannende Weise mit dem eigenen Erleben verknüpft. Zielgruppe sind weniger Touristen, die die Stadt noch gar nicht kennen, als vielmehr Einheimische oder neu Zugezogene, die mehr über ihre Heimat erfahren wollen. Auch Schulklassen nutzen das Angebot einer sehr persönlichen Geschichtsstunde.

 

Mit Zertifikat

 

„Biografische Stadtführungen sollen auf keinen Fall den professionellen Gästeführern Konkurrenz machen“, stellt Sigrid Wege klar. Denn um als Profi-Gästeführer Touristengruppen durch eine Stadt zu führen, ist eine umfangreiche Ausbildung erforderlich. Meist wird sie von den örtlichen Tourismusinstitutionen angeboten. „Gästeführer ist ein professionell ausgeübter Beruf“, betont Ingrid Schwoon, Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes der Gästeführer in Deutschland.

Für das BVGD-Zertifikat DIN EN, das sich an der entsprechenden europäischen Norm orientiert, müssen mindestens 600 Stunden Aus- und Weiterbildung in zahlreichen Fachgebieten nachgewiesen werden, ebenso Kenntnisse in den Bereichen Steuern, Recht und Versicherung, außerdem drei zwölfstündige Pflichtseminare und ein Erste-Hilfe-Kurs.

Ausüben lässt sich der Beruf dann auch noch im Rentenalter: „Gästeführer sind überwiegend selbstständig tätig, und es gibt keine vorgeschriebene Altersgrenze“, sagt Ingrid Schwoon. Eine gute Kondition ist allerdings Voraussetzung: „Sie müssen geistig und körperlich fit und oft kurzfristig und an den Wochenenden einsatzbereit sein. Stadtführungen finden überwiegend zu Fuß statt und dauern in der Regel zwei Stunden.“

Dass biografische Stadtführungen und Profitouren nebeneinander bestehen können, zeigt das Beispiel Berlin. Dort bieten seit fast 20 Jahren Senioren bei dem Verein „Stadtführungen mit Erfahrungswissen“ in vielen Stadtvierteln Touren abseits der üblichen Touristenattraktionen an. Da geht es um „Alt-Cölln und seine Brücken“, um „Die Schwindelschweiz in Moabit“ oder „Häuser, Seen und ihre Geheimnisse“ in Hohenschönhausen.

„Wir haben bei der Wahl unserer Themen natürlich viel mehr Freiheiten als die professionellen Gästeführer“, sagt Jürgen Drömmer. Der 76-Jährige ist seit mehr als zehn Jahren bei den Stadtführungen dabei und beschreibt das Erfolgsgeheimnis des Vereins ganz selbstbewusst: „Auf unserem Gebiet sind wir einfach besser.“

 

Persönliches Steckenpferd

 

Die Touren sind mit Absicht persönlich gehalten: Die Senioren-Stadtführer zeigen, wo sie aufgewachsen sind oder wo sie gearbeitet haben, und verbinden auf diese Weise persönliches Erleben mit historischen Ereignissen. Die Mehrzahl der Teilnehmer sind Berliner, darunter viele Stammgäste. „Denen muss man natürlich auch immer wieder Neues bieten“, sagt Jürgen Drömmer. Er führt vor allem durch die Viertel Friedenau und Siemensstadt. Die Architektur von Industriebauten ist sein persönliches Steckenpferd: „Darüber habe ich mir mittlerweile viel Wissen angeeignet, das ich gern weitergebe.“

Ein Gewinn für beide Seiten ist die ehrenamtliche Stadtführertätigkeit auch für den Bad Schmiedeberger Bernhard Prutz: „Von den Führungen habe ich selbst natürlich auch etwas. Sie trainieren das Gehirn und bringen mich mit anderen Menschen zusammen.“

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