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Wenn Püppchen fliegen

Das Spiel ist ein Klassiker, aber auch die Szenen, die sich dabei abspielen: Bei einer Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ fliegen die Männchen über den Tisch. Manche Kinder vertragen Verlieren nur schlecht. Was tun, wenn solche Reaktionen keine Ausnahme sind?
Wisch – einmal mit dem Arm übers Brett, weil die Niederlage so schmerzt?	Foto: Mathias Richter/Fotolia Wisch – einmal mit dem Arm übers Brett, weil die Niederlage so schmerzt? Foto: Mathias Richter/Fotolia

Gibt es einen oder mehrere schlechte Verlierer in der Familie, kann der Spaß bei Gesellschaftsspielen leiden. Und will ein Kind nicht nur beim Würfeln immer gewinnen, sondern auch in der Schule, beim Sport oder schlicht bei der Frage, wer zuerst ins Bad darf, dann ist das eine Herausforderung für alle Beteiligten.

„Damit ich einen anderen gewinnen lassen kann, brauche ich ein gutes Gefühl von mir selbst: Ich kann manches gut, manches weniger“, sagt die Diplom-Pädagogin Kerstin Bahrfeck-Wichitill von der TU Dortmund. „Dabei benötige ich die Sicherheit: Auch wenn ich mal weniger leiste und nicht gewinne, ist das okay.“ Es geht nicht nur darum, ein Kind zu beruhigen, das beim Verlieren ausflippt. Grundsätzlich sollte sein Selbstwertgefühl gestärkt werden.

In der Entwicklung von Kindern gibt es mehrere Phasen, in denen Gewinnen und Verlieren eine besonders große Rolle spielt. „Im Alter von zwei bis drei Jahren entwickeln Kinder ihre Ich-Identität. In dieser Trotzphase üben sie, ihre Bedürfnisse durchzusetzen“, sagt Klaus Seifried. Er ist Leiter eines Schulpsychologischen Beratungszentrums in Berlin.

In der Pubertät wiederum stellten sich Kinder und Jugendliche selbst infrage. „Da geht es darum, wie stark, schlau, schnell oder schön man selbst ist, ob man die Anerkennung in der Peergroup bekommt.“ Die Frustrationstoleranz sei gering, es falle schwer, mit Niederlagen umzugehen. Herrscht in der Schule starker Leistungsdruck oder sind Kinder durch Konflikte in der Familie emotional belastet, sinkt die Fähigkeit, mit Kränkungen oder Niederlagen umzugehen.

Laut dem Erziehungsberater Ulrich Gerth gibt es verschiedene Typen von Verlierern. „Das kennen wir ja als Erwachsene, die Spanne reicht vom Lockernehmen bis hin zu starken Gefühlen des Versagens.“ Ob Kinder schlechte Verlierer seien oder nicht, habe oft mit der Haltung der Eltern zu tun und übertrage sich auf das Kind. „Als Erwachsener muss ich beim Spielen Vorbild sein. Ich engagiere mich und will natürlich gewinnen. Aber wenn es nicht klappt, nehme ich es mit Humor und gelassen hin“, sagt der Vorsitzende der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth. Doch das sei auch für die Großen oft leichter gesagt als getan. „Viele Erwachsene müssen sich eingestehen, dass sie selbst perfektionistisch sind und Leistung stark im Vordergrund steht.“

Was aber macht einen guten Verlierer überhaupt aus? „Ein guter Verlierer ist jemand, der bis zum Ende spielt und dann dem Sieger gratulieren und sich mit ihm freuen kann“, sagt Sprachtherapeutin Bahrfeck-Wichitill. „Optimal ist es, dass ich mich freuen kann, wenn ich gewonnen habe, und nicht den Mut verliere, wenn es schlecht läuft.“ Wenn ein Kind schreit, tobt, mit Männchen schmeißt, die kleine Schwester haut, heißt es oft: „Das ist doch nur ein Spiel.“

Trost der Eltern

Für Kinder sei es aber in dem Moment schlimm. „Sie haben beim Spielen oft existenzielle Gefühle. Sie haben Angst davor, Schwäche zu zeigen, ausgelacht zu werden oder einer Situation ausgeliefert zu sein.“ Dann bräuchten die Kinder das Einfühlungsvermögen und den Trost der Eltern, aber auch die klare Ansage: „Du hast ein Recht, wütend und traurig zu sein. Aber du hast nicht das Recht, uns das Spiel kaputt zu machen und uns zu tyrannisieren.“

Verlieren sei eine Frage des Übens, sagt Bahrfeck-Wichitill. „Lässt man ein Kind immer gewinnen, dann nimmt man ihm die Chance, das Verlieren zu üben.“ Schulpsychologe Seifried ergänzt, dass Eltern lernen müssten, den Frust und das Weinen der Kinder auszuhalten. „Oft brauchen die Kinder nur fünf Minuten, um sich zu beruhigen. Sie lernen dabei, sich selbst zu regulieren.“

Nimmt der Kampf mit dem Verlieren zu großen Raum ein, dann empfehlen die Experten, sich Rat zu holen. „Es kann zum Beispiel sein, dass ein Kind gar nicht mehr an Wettbewerben oder Fußballspielen teilnehmen will, weil es Angst vor dem Verlieren hat. Das geht zu weit“, erläutert Erziehungsberater Gerth. Oder ein Kind wird von anderen ausgeschlossen, weil es jedes Mal Radau gibt. „Und wenn das traurige Gefühl nach einer Niederlage alles andere tagelang überdeckt, immer wieder, dann lohnt sich ein Blick darauf, was dahinter steckt.“ Habe das Kind etwa das Gefühl, immer etwas leisten zu müssen, um gemocht zu werden? Werde Lob zu sparsam oder zu häufig eingesetzt? Fachleute raten, den Blick der Kinder auch einmal auf Verlierer oder verkorkste Situationen zu richten, in denen jemand schlecht dasteht. Das kann der umjubelte Fußballprofi sein, der einen Elfmeter verschießt, und im nächsten Spiel trotzdem wieder auf dem Platz steht. „Das Leben ist nicht perfekt, und das darf es auch nicht sein. Denn ohne das Verlieren und den Frust könnten wir nicht gewinnen und uns freuen“, sagt Bahrfeck-Wichitill.

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