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Wenn der Vater verschwindet: Wege zum Umgang mit Alzheimer

Am schwersten ist es für die engste Familie: Alzheimer verändert einen Menschen und insbesondere das Leben mit ihm. Eine Tochter erzählt, wie sie die Zeit nach der Diagnose erlebt hat - und wie sie gelernt hat, die Krankheit ihres Vaters zu akzeptieren.
Annegret Frenzels Vater ist an Alzheimer erkrankt. Als die junge Frau es erfuhr, war sie erst 15. Der Umgang mit der Erkrankung fiel ihr am Anfang schwer. Bilder > Foto: Sebastian Willnow/dpa-tmn Annegret Frenzels Vater ist an Alzheimer erkrankt. Als die junge Frau es erfuhr, war sie erst 15. Der Umgang mit der Erkrankung fiel ihr am Anfang schwer.
Waldenburg/Freiburg. 

Annegret Frenzel war 15 Jahre alt, als sie merkte, dass etwas anders war. Ihre Mutter war im Urlaub, hatte Vater und Tochter Bargeld da gelassen. Schon am ersten Tag war alles weg.

„Ich fragte meinen Vater, was er damit gemacht hat, aber er wusste es nicht”, sagt Annegret Frenzel. Als die Mutter zurück war, sprachen sie über das Ereignis und stellten fest: In letzter Zeit häuften sich merkwürdige Kleinigkeiten. „Zum Glück war meine Mutter sehr rigoros”, sagt Frenzel. „Sie hat ihn von Arzt zu Arzt geschleppt, bis wir eine Diagnose bekamen: Alzheimer im Frühstadium.” Das ist inzwischen elf Jahre her.

Die heute 26-jährige Sozialpädagogin aus Waldenburg in Sachsen hat die erste Zeit nach der Diagnose als verwirrend in Erinnerung. „Meine Gefühle schwankten zwischen Mitleid und Wut.” Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft kennt diese erste Phase der Verdrängung: „Wenn die Angehörigen an einen Punkt gekommen sind, an dem sie nicht mehr gegen die Krankheit kämpfen, wird es leichter für sie”, sagt sie.

Alzheimer ist eine hirnorganische Krankheit. Charakteristisch sind Störungen von Gedächtnis, Orientierung, Sprache sowie Persönlichkeitsveränderungen. „Gerade weil die Fähigkeiten abnehmen, sollte man sich als Angehöriger auf das konzentrieren, was noch geht”, rät Saxl. „Gehirnareale, die benutzt werden, bleiben länger stabil”, sagt auch Prof. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler der Universität Freiburg. Daher sollten Angehörige darauf achten, was der Kranke noch selbst tun kann, um eine angemessene Balance aus Selbstständigkeit und Fürsorge zu finden. Schmerzhaft ist der Prozess des langsamen Abbaus dennoch.

Frenzel fiel es besonders schwer, anzusehen, wie der Vater, den sie liebte und kannte, immer mehr verschwand. „Er war einfach nicht mehr derselbe Mensch”, erzählt sie. „Früher war er extrem auf andere bedacht, tat alles für mich und nahm sich selbst zurück.” Plötzlich habe er sich gar nicht mehr für die Probleme seiner Tochter interessiert. Er war geistesabwesend, zugleich nervös und fühlte sich schnell überfordert oder angegriffen. „Weil ich selbst noch so jung war, habe ich leider oft zurückgegiftet.” Heute weiß sie: „Er ist krank, und ich muss die Erwachsene sein.”

Menschen mit Demenz sind selten aufgrund von Veränderungen im Gehirn aggressiv, sondern meist bedingt durch äußere Faktoren wie zu laute Geräusche oder Situationen, die ihnen Angst machen, erklärt Saxl. Verändert sich das Umfeld, verbessert sich meist auch das Verhalten. „Alzheimer-Kranke werden nur dann aggressiv, wenn sie sich respektlos behandelt fühlen”, sagt auch Bauer. Die beste Prävention gegen Aggressivität sei eine freundliche Behandlung.

Vor drei Jahren gab es einen Schlüsselmoment für Familie Frenzel, in dem klar wurde: Es geht nicht mehr. „Mein Vater wollte Wasser aufkochen und hat die falsche Herdplatte angemacht, auf der noch ein Topf mit Essensresten stand.” Ein Fehler, der jedem hätte passieren können. „Doch dann fing es an zu brennen, und er saß seelenruhig in der völlig verrauchten Küche und hat Zeitung gelesen.”

Es brauchte viel Kraft und eine Beinahe-Katastrophe für diese Entscheidung, doch Mutter und Tochter erkannten, dass es keinen anderen Weg mehr gab: „Heute ist mein Vater in einem Pflegeheim ganz in unserer Nähe.” Die festen Strukturen dort geben ihm ein Gefühl von Sicherheit. Frenzel besucht ihn oft. „Dennoch können wir auch mal was essen gehen oder in den Urlaub fahren in dem Wissen: Er ist in guten Händen.”

(Von Ines Schipperges, dpa)
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