Lebensversicherungen lösen sich vom lebenslangen Zinsversprechen

Die Allianz hat ein neues Zeitalter bei Lebensversicherungen eingeläutet. Nach monatelangem Rätselraten stellte die größte deutsche Versicherung eine neue Police vor, in der sie auf den lebenslangen Garantiezins verzichtet. Ein Modell für Alle?
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München. 

Millionen Sparer in Deutschland haben mit ihrer Lebensversicherung einen Bund fürs Leben: Abschließen, Ansparen und lebenslang Abkassieren - zu fest vereinbarten Mindestzinsen. Mit dieser Planungssicherheit geht es nun zu Ende. Nach der Ergo-Versicherung brachte am Freitag (5. Juli) auch Deutschlands größter Versicherer Allianz eine neue Lebensversicherung auf den Markt, die auf das lebenslange Zinsversprechen verzichtet. «Garantien gibt es nicht umsonst», erklärte das Unternehmen. Durch den Wegfall des Garantiezinses spare die Allianz Geld, davon könnten die Kunden mit einer höheren Rendite profitieren. Garantiert wird ihnen aber der Erhalt der eingezahlten Beiträge und eine Mindestrente.

Wie andere Versicherer reagiert die Allianz auf das dramatisch niedrige Zinsniveau auf den Kapitalmärkten. Auch die Gothaer Lebensversicherung gab vor wenigen Tagen bekannt, dass sie über die Entwicklung neuer Produkte mit abschnittsweisen Garantien nachdenkt. Viele kleinere Versicherer wollten aber erstmal abwarten, was die Allianz macht, bevor sie selbst mit neuen Produkten auf den Markt gehen. In der Branche sorgten die Pläne des Marktführers daher seit Monaten für Aufregung.

Zwar sind die neuen Policen der Allianz erstmal nur ein zusätzliches Angebot zu den alten Angeboten - viele Experten rechnen aber damit, dass damit der Anfang vom Ende der Lebensversicherungen herkömmlichen Typs eingeläutet wird. Trotzdem bleiben die Policen aus Sicht vieler Experten im Vergleich zum Sparbuch mit Zinsen von weniger als einem Prozent attraktiv: Nach der Ankündigung der Europäischen Zentralbank, die Leitzinsen auf lange Sicht niedrig zu halten, geht die Durststrecke für die Sparer dort noch weiter.

Entstanden sind die neuen Lebensversicherungs-Modelle eigentlich aus Verzweiflung: Lebenslange Gewinnversprechen sind in Zeiten der Mini-Zinsen an den Kapitalmärkten für die Versicherungen zum Risiko geworden. Mit rund 93 Millionen Verträgen gibt es mehr Lebensversicherungen in Deutschland als Einwohner. Aus den 1990er Jahren haben viele Sparer noch Verträge mit einem Garantiezins von vier Prozent, die ihnen die Versicherer nun liefern müssen - was nur mühsam gelingt.

Die künftigen Garantiezinsen müssen die Konzerne in ihrer Bilanz zudem finanziell absichern, was hohe Kosten verursacht. Von den geringeren Garantiekosten der neuen Lebensversicherung könnten die Kunden deshalb nach Ansicht der Allianz profitieren und mehr Gewinn einstreichen. «Im Kern der Neuerungen geht es um eine höhere Flexibilität», sagt der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland, über die neuen Lebensversicherungen. Er sieht Vorteile für beide Seiten. «Die Kunden haben eine höhere Chance, von steigenden Renditen zu profitieren. Die Anbieter haben durch veränderte Garantiemodelle mehr Möglichkeiten, auf Kapitalmarktveränderungen zu reagieren.»

Der Wert der Lebensversicherungen hat sich in den vergangenen Jahren zwar deutlich verringert, da der Überschussanteil gesunken ist, den die Versicherungen aus ihren Kapitalanlagen erwirtschaften. Auch der Garantiezins ist auf Talfahrt und liegt nur noch bei 1,75 Prozent. Mit einer durchschnittlichen Gesamtverzinsung nach Verbandsangaben von mehr als 4 Prozent im vergangenen Jahr schneidet die Lebensversicherung aber immer noch besser ab als die meisten anderen Anlagen und sichert zudem den Todesfall ab.

Mit dem Garantiezins fällt nun nach Ansicht des Bundes der Versicherten aber ein wichtiger Pluspunkt für die Sparer weg. «Viele Menschen haben diese Art von Versicherungen abgeschlossen, weil sie etwas Sicheres für die Altersvorsorge haben wollten. Sie meinten, die Garantieverzinsung werde ihnen die Sicherheit einer auskömmlichen Rente verschaffen.»

Die neue Lebensversicherung der Ergo, die wie bei der Allianz keinen Garantiezins mehr verspricht, sorgte beim Bund der Versicherten deshalb umgehend für scharfe Kritik. «Lediglich der Erhalt der eingezahlten Beiträge nach den ersten 15 Jahren und eine lebenslange Rente - in welcher Höhe auch immer - wird garantiert.» Auch die neue Allianz-Versicherung will der Bund der Versicherten nun genau unter die Lupe nehmen.

Die Verzinsung von Lebensversicherungen setzt sich vor allem aus dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung zusammen.

Garantiezins: Mit diesem Zins können die Kunden sicher rechnen. Für Verkäufer von Lebensversicherungen ist er deshalb ein wichtiges Verkaufsargument. Festgesetzt wird der Garantiezins vom Bundesfinanzministerium, um zu verhindern, dass sich die Versicherer mit Zins-Versprechen überbieten. Seit 1990 wurde der Garantiezins für Lebensversicherungen schrittweise gesenkt. Seit Januar 2012 liegt er beim neuen Tiefstwert von 1,75 Prozent. In Altverträgen sind es bis zu 4 Prozent.

Überschussbeteiligung: Mit der Überschussbeteiligung profitiert der Kunde von der Geldanlage-Strategie des Unternehmens. Sie ergibt sich us einem Zinssatz, der je nach Wirtschaftslage jedes Jahr neu beschlossen wird. Wichtigster Faktor ist die Rendite, die Versicherungen mit dem eingezahlten Geld auf den Kapitalmärkten erzielen können. Der Konzernvorstand entscheidet am Jahresende, ob die Überschussbeteiligung für das folgende Jahr geändert werden sollte. In den vergangenen Jahren ging die Überschussbeteiligung wegen der Zinsflaute an den Kapitalmärkten im Schnitt deutlich zurück.

(Von Daniela Wiegmann, dpa)
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