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Das Trauma zu etwas Vergangenem machen

Die Psychotherapeutische Behandlung von Opfern Häuslicher Gewalt. In unserer Psychosomatischen Klinik am Hospital zum heiligen Geist in Frankfurt arbeiten wir mit Menschen, die chronische Schmerzen ohne körperliche Ursachen erleiden. Gewalt kann zu solchen Schmerzen führen.

Die Psychotherapeutische Behandlung von Opfern Häuslicher Gewalt.

In unserer Psychosomatischen Klinik am Hospital zum heiligen Geist in Frankfurt arbeiten wir mit Menschen, die chronische Schmerzen ohne körperliche Ursachen erleiden. Gewalt kann zu solchen Schmerzen führen. Bei der Art und Weiseihrer Therapierung sind für uns verschiedene Faktoren entscheidend: War die Misshandlung chronisch und wie häufig fanden Übergriffe statt? In welchem Alter fanden die Übergriffe statt? Je früher, desto traumatisierender sind sie in der Regel für die betroffenen Frauen. Wie groß war die Abhängigkeit des Opfers vom Täter und seine Isolation von der Außenwelt? Wie stark war die Gewalt, wie großwaren Ohnmacht und existentielle Angst?­ Sah das Opfer eine Möglichkeit, dem Täter zu entkommen?


Solidarität mit dem Täter

Wir beobachten oft, dass sich ein Opfer – in der Regel eine Frau, deren Angst und Abhängigkeit sehr groß ist und die in ihrer Vorstellung keine Chance sieht, dem Täter entkommen zu können – mit dem Täter solidarisiert. Das klingt paradox, liegt aber wohl daran, dass die Frau ihre eigene Situation nur unvollständig erfassen kann. Sie fühlt sich mit zunehmender Dauer der Gewalt und Isolation alleingelassen. Vor diesem Hintergrund wird der gewalttätige, übermächtige Mann überproportional wahrgenommen. Es kommt zu der für Außenstehende subjektiv nicht nach- vollziehbaren Reaktion, dass sie sich bewusst oder unbewusst abhängig fühlt von ihrem Peiniger und deshalb nicht auf jene hört, die ihr helfen und sie aus der Gewaltbeziehung befreien möchten. Die Ohnmacht und der bisweilen vollständige Verlust an Handlungs- ­ und Entscheidungsfreiheit sind für die betroffene Frau nur schwer zu verkraften.

Imagination

Eine Distanzierung vom Geschehen ist für­ die Opfer Häuslicher Gewalt auch nach der Beendigung der Gewaltbeziehung oft nur schwer möglich. Die Bedrohung entsteht in bestimmten Situationen, die im Opfer eine Erinnerung auslösen, immer wieder neu (Flashback). Eine Therapie soll diese Distanzierung erleichtern, die Gewalterfahrung in die Vergangenheit abdrängen. Hierfür wählen wir zum Beispiel das Mittel der Imagination. Wir fordern die Patienten auf, sich eine sichere, angstfreie Umgebung vorzustellen. Oder sie sollen sich in der Wiederholung der Angstsituation vorstellen, den Täter wegzuschließen. Bei einmaligen traumatischen Erlebnissen, etwa bei einer Vergewaltigung, sollen die Patienten die Begebenheit noch einmal hochholen, um sie dann in einer schützenden Umgebung loszulassen. Letztlich ist das Ziel, das Geschehen zu etwas Vergangenem machen, das keine Gewalt mehr über sie hat.

Erlebnis gedanklich einfrieren

Hierbei kommt auch eine Methode zum Einsatz, die von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro zur Behandlungs trauma­ tisierter Personen entwickelt wurde: EMDR. Dieses Kürzel steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, was soviel bedeutet wie Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung. Hier soll die Patientin eine besonders belastende Phase ihres traumatischen Erlebnisses gedanklich einfrieren, während der Therapeut sie gleichzeitig mit langsamen Fingerbewegungen zu rhythmischen Augenbewegungen anhält. Bei vielen Betroffenen reduziert das die Angst, die ihre Erinnerungen auslösen. Die neurophysiologische Wirkungsweise von EMDR ist nicht endgültig geklärt. In umfangreichen Studien hat sie sich aber als hilfreich erwiesen und ist bei der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen als wissenschaftliche Methode international anerkannt.

Stabilisierung

Erinnerungen können so stark sein, dass die Betroffenen geistig völlig wegtreten. Wir nennen das Dissoziation. In solchen Momenten brauchen die Menschen etwas, womit sie sich stabilisieren können. Begegnungen mit dem Täter sollten unter allen Umständen vermieden werden. Ist das nicht möglich, sollte sich das Opfer unbedingt eine vertraute Person als Schutz mitnehmen. Überhaupt ist es unabdingbar, die Gewaltumgebung vollständig zu verlassen und eine sichere Umgebung zu schaffen. Wenn wir eine Frau nach Häuslicher Gewalt in unserer Klinik stationär aufnehmen, tun wir das nur, wenn sie sich aus dem häuslichen Umfeld ganz entfernt, also umzieht und ihren Peiniger verlässt. Ist das nicht das gemeinsame Ziel und will die Frau nach der Therapie zu ihm zurückkehren, ist die Therapie nicht möglich.

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Kinder und Häusliche Gewalt

Wenn Kinder regelmäßig die Täter-Opfer-Situation ihrer Eltern erleben, kann es dazu führen, dass Mädchen als Frauen selbst zu Opfern, Jungs als Männer selbst zu Tätern werden. Gewalterfahrungen bedeuten grundsätzlich Stress. Im Gegensatz zu sportlichem Training werden Menschen durch frühe traumatische Stresserlebnisse keineswegs auf Stress vorbereitet, um dann im Erwachsenenalter besser damit zurechtzukommen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Fähigkeit, mit Stress-Situationen gelassen und innerlich stabil umzugehen, nimmt ab. Mas­sive Übergriffe gegen die Kinder selbst gehen, auch wenn sie im vorsprachlichen Alter geschehen und später möglicherweise nicht bewusst erinnert werden können, in das körperliche Gedächtnis über. Das kann zu psychosomatischen Störungen führen. Eine Kindertherapie ist möglich, etwa in Form von Spieltherapie. Sie kann bereits sehr früh beginnen, im Alter von zwei bis drei Jahren. Kinder verarbeiten traumatische Erlebnisse jedoch sehr unterschiedlich – rund 40 Prozent erleiden eine posttraumatische Störung, 60 Prozent nicht. Wegen dieser Unterschiede kann die Frage nach dem Sinn einer Therapie nicht pauschal beantwortet werden. Außerdem gilt auch hier: Zunächst müssen Mutter und Kind die Gewaltsituation endgültig verlassen und in eine stressfreie und sichere äußere Situation kommen. Das bedeutet den Weggang aus der alten Umgebung, die vollständige Trennung vom Tätervater und in keinem Fall ein Umgangsrecht für den Täter.
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