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Das französische Paradoxon

Versuch einer Antwort auf die Frage, ob Alkoholkonsum das Leben verkürzt oder verlängert. Manchmal weiß man nicht, ob das, was einer sagt, wirklich ernst gemeint sein kann – besonders dann, wenn der Betreffende für seinen Humor bekannt ist.

Versuch einer Antwort auf die Frage, ob Alkoholkonsum das Leben verkürzt oder verlängert.


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Manchmal weiß man nicht, ob das, was einer sagt, wirklich ernst gemeint sein kann – besonders dann, wenn der Betreffende für seinen Humor bekannt ist. So konnte es einem im vergangenen Jahr auf dem Hessi- schen Heilberufe-Tag in Wiesbaden gehen. Vor medizinisch geschultem Publikum erzählte Moderator Eckart v. Hirschhausen, es gebe nur eine einzige Substanz, von der medizinisch erwiesen sei, dass sie lebensverlängernd wirke: Alkohol. Da der gebürtige Frankfurter v. Hirschhausen unter anderem als Kabarettist sein Geld verdient, hätte es sich um einen Scherz handeln können. Um recht finsteren Humor allerdings, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Kranken und Toten durch Alkoholmissbrauch jene der Toten durch harte Drogen bei weitem übersteigt. Doch im Publikum, das überwiegend aus Medizinern bestand, wurde weder gelacht noch protestiert. Und v. Hirschhausen ist keineswegs der einzige Arzt, der einen gelassenen, gleichwohl vernünftig begrenzten Umgang mit Alkohol, namentlich mit Wein, für sinnvoll und geboten hält.

In seinem Buch „Lebe länger und gesünder“, das im Medizinverlag Springer erschienen ist, berichtet der Wiesbadener Mediziner Prof. Dr. Gustav G. Belz, wie die medizinische Wissenschaft nach zwei Veröffentlichungen in der britischen Ärztezeitschrift The Lancet in den Jahren 1979 und 1992 erstmals auf die positiven Effekte eines moderaten Weingenusses aufmerksam wurde. Auslöser war das sogenannte „French Paradox“, das französische Paradoxon. Die Autoren der beiden Untersuchungen waren auf zwei sich eigentlich widersprechende Fakten gestoßen: In Frankreich war die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen so gering wie in keinem anderen Land der westlichen Welt und 70 Prozent niedriger als in Großbritannien. Gleichwohl verzehrten die Franzosen sehr viel gesättigte Fette und hatten damit gehäuft Risikofaktoren wie Störungen des Fettstoffwechsels, erhöhter Blutdruck und hohe Cholesterinwerte. Dieser Umstand widersprach allen Erkenntnissen der Epidemiologie. Nach den statistischen Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur durchschnittlichen Lebenserwartung in den Mitgliedsstaaten (OECD Health Data) ist die Lebenserwartung von Frauen und Männern in Frankreich höher als in jedem anderen westlichen Land und wird nur von Japan übertroffen. Hierfür wurde vor allem der Genuss von Rotwein verantwortlich gemacht. Nach neueren Forschungen haben sowohl die gefäßerweiternde Wirkung des Alkohols, als auch die hohen Polyphenolgehalte bei einigen Rotweinen einen positiven Effekt auf das Herz- und Kreislaufsystem. Auch Diabetiker dürfen laut Prof. Belz Wein trinken, müssen sich aber auf trockene Sorten beschränken. Trinkt ein Diabetiker beispielsweise einen Diabetikerwein mit einem Alkoholgehalt von zehn Prozent und einem Gesamtzuckergehalt von 20 Gramm pro Liter, dann entspricht die Menge von drei Gläsern einer Broteinheit (1 BE).

Prof. Dr. med. Klaus Jung aus Mainz, Autor des Buches „Wein – Genuss und Gesundheit“ und ein entschiedener Befürworter maßvollen Weinkonsums, geht noch weiter. Vorausgesetzt, es bestehen keine Gegenanzeigen wie Krankheiten oder die Einnahme von Medikamenten, die jeglichen Alkoholkonsum verbieten, besitzt Wein, rot oder weiß, laut Prof. Jung ein Vielzahl gesundheitsförderlicher Wirkungen. Regelmäßiger und maßvoller Weinkonsum, so Jung, beuge Herzinfarkten vor und erhalte die Elastizität der Gefäße, denn Wein verbessere die Durchblutung des Herzmuskels und senke den Cholesterinspiegel. Ebenso wirke Wein gerinnungshemmend und verringere damit die Thromboseneigung. Weingenuss zum Essen verbessere zudem die Verdauungsleistung des Körpers und die Ausbeute an vielen wertvollen Stoffen wie Vitaminen und Mineralstoffen. Wein entschlacke den Körper, da die Nieren stärker arbeiteten, er steigere den Harnfluss und erhöhe damit die Ausscheidung von Giftstoffen. Er verlangsame die Knochenentkalkung und beuge so der vor allem für Frauen gefährlichen Osteo­ porose vor. Alles in allem verlängere maßvoller Weingenuss die Lebenserwartung, denn Wein enthalte natürliche Antioxidantien, die Zell­ alterung werde verlangsamt und die Krebs­ sterblichkeit herabgesetzt.

Ob die Tatsache, dass alle drei Mediziner im alkoholischen Dunstkreis zweier namhafter Weinanbaugebiete – Rheingau und Rheinhessen – leben, Einfluss auf ihre Befürwortung eines gezügelten Weinkonsums hat, kann bestenfalls vermutet werden. Immerhin gilt Wein als Heilmittel, so lang es die Medizin überhaupt gibt, wofür Prof. Belz in seinem Buch den 4200 Jahre alten Text eines sumerischen Medizinerkollegen anführt. Gleichwohl darf die Janusköpfigkeit des Alkoholkonsums nicht über­ sehen werden. Die Menge macht das Gift, wie Paracelsus und v. Hirschhausen betonen, und das Gift Alkohol hat verheerende Folgen. Zu den am meisten geschädigten Organen gehören neben der berüchtigten Säuferleber auch die Bauchspeicheldrüse, das Nervensystem und das Gehirn. Doch auch im Bereich Herz- Kreislauf verkehren sich die Vorzüge des Alkohols mit steigender Menge schnell in ihr krasses Gegenteil: Der Blutdruck steigt, die Herzinfarkt- und damit die Lebensgefahr. Nicht zu vergessen die katastrophalen Auswirkungen einer Alkoholsucht auf die Psyche eines Mennschen. Unterm Strich bleibt festzustellen, was Dr. med. Eckhart v. Hirschhausen bereits 2012 in Wiesbaden gesagt hat: „Alkohol ist die einzige Substanz, die nachgewiesenermaßen Leben verlängern kann – aber die Leber wächst mit ihren Aufgaben.“ Die Eingangsfrage, ob Alkoholkonsum das Leben eher verkürze oder verlängere, ist daher nur mit einem entschiedenen „Beides ist möglich“ zu beantworten. Viel hilft eben nicht immer viel, drum Mensch halte Maß!
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